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Trajan

Verlag: Ammonit Spiele
Autor: Stefan Feld
Spieleranzahl: 2-4
Alter: ab 12 Jahre
Spieldauer: 60-120 Minuten

Bevor ich hier irgendwas schreibe, was bei irgendwem in irgendeinen falschen Hals gelangen könnte: Ich mag die Spiele von Stefan Feld. Wirklich. Sogar sehr. Die Burgen von Burgund und Strasbourg gehörten letztes Jahr zu meinen Lieblingsspielen (oder – was Strasbourg betrifft – hätte gehört, wenn ich es mir denn auch mal angeschafft hätte, was ich irgendwie nie getan habe). Das ist um so bemerkenswerter als dass seine Designphilosophie diametral von meiner entgegengesetzt ist. Aber die Spiele machen Spaß und darauf kommt es an. So, Vorwort zu Ende. Rezension beginnt.

Hätte der Verlag, der mir dankenswerterweise das Spiel hat zukommen lassen, alle Hinweise auf den Autor überklebt bevor er es mir übergab, hätte ich spätestens nach einer halben Regelseite gewusst, dass Trajan von Stefan Feld ist; Seine Handschrift ist unverkennbar: Ein cooler (wenn auch abstrakter) Zentralmechanismus, gefühlte 700 Optionen und Pappmarker und für alles was die Spieler tun, gibt es Tonnen von Siegpunkte. Ständig und ununterbrochen.

Der Zentralmechanismus von Trajan ist nun besonders cool und abstrakt: Es ist eine Art Solomancalabrett, bestehend aus sechs im Kreis angeordneten Feldern, auf denen 12 farbige Klötze verteilt sind. Wer dran ist, nimmt alle Klötze einer Mulde auf und verteilt diese im Uhrzeigersinn auf die nächsten Mulden. Das letzte Feld, auf den was gelegt wird, gibt die Aktion vor. Das ist cool, das ist abstrakt und vor allem eine neuartige Idee, die es zudem erlaubt vorrauszuplanen, so man denn will und kann. Allerdings kommen Superplaner hier an ihre Grenzen: Nicht weil es einen Glücksfaktor oder so gäbe (gibt es nicht), sondern weil der Ereignisbaum beliebig weit ausrechenbar wäre, hätte das Gehirn nicht natürliche Barrieren was das Merken von Steinpoistionen betrifft. In der Praxis plant man ein bisschen und versucht ein bisschen allzu große Ansammlungen von Steinen auf einen Feld zu meiden (da das die Auswahl an Aktionen einschränkt). Oder man verfällt in stumpfe Kakatonie bis die genervten Mitspieler das Spiel abbauen. Ja, Grübler können Trajan sprengen. Und das ohne Not, denn das langes Vorrausplanen tatsächlich von Erfolg gekrönt ist, ist nicht garantiert – davon später mehr…

Sechs Felder bedeuten auch sechs Aktionen und da konnte Feld eine weitere Stärke ausspielen: Viele verschiedene Mechanismen in ein Spiel einzubauen, ohne dass es wie designtechnische Angeberei aussieht. So gibt es die Möglichkeit auf einer Landkarte herumzulaufen um Vorteile und Siegpunkte abzugreifen. Oder man nimmt Felder auf einem Markt in Besitz um Vorteile und Siegpunkte anzugreifen. Im Grunde genommen also dasselbe in grün, aber spielerisch natürlich total anders. Oder man nimmt Warenkarten, um diese später gegen Siegpunkte zu tauschen. Oder man nimmt sich ein Sonderplättchen, welches das Rondell aufwertet: Landet man nun auf einem bestimmten Feld und dort ist eine bestimmte Farbkombination bekommt man tatsächlich Sondereigenschaften UND Siegpunkte. Oder man läuft im Senat herum, für das es Siegpunkte und die Option auf mehr Siegpunkte gibt.

Tatsächlich: Im Grunde genommen hätte man hier immer denselben Mechanismus bemühen können, statt 6 Minispiele in Trajan zu packen, aber das wäre deutlich langweiliger gewesen. Und die Minispiele sind clever vernetzt – Insbesondere kann man Zusatzaktionen für spätere Züge erlangen, was schöne Kettenzüge ermöglicht.

Ich werde jetzt nicht in die gefühlten 700 Details und Plättchenarten eingehen, aber eine nette Besonderheit wäre noch nachzutragen: Das Spiel ist in Quartale  unterteilt – je mehr Steine die Spieler auf ihren Rondells insgesamt bewegen, desto kürzer ist das jeweilige Quartal was zu bedenken gilt. Denn wer bei Quartalsende bestimmte Plättchen nicht eingesammelt hat, wird mit Siegpunktabzug bestraft. Außerdem endet das Spiel nach dem vierten Quartal sofort, was bedeutet, dass man das Ende forcieren kann. Da es aber nach dem Spielende noch Kiloweise  Siegpunkte vergeben werden (Die Faustregel sagt: Für alles, was man irgendwo auf dem Plan, in der Hand oder sonst wo hat, gibt es auch Siegpunkte), hat in erster Linie der Spieler etwas von diesem Forcieren, der in der Sitzreihenfolge vorne sitzt und so eine Aktions mehr durchführen kann.

Eines sollte klar geworden sein: Trajan ist DAS Feld-Posterspiel schlechthin. Es macht alles, wofür Feld berühmt ist und das multipliziert mit 10. Das gilt im Guten wie im Schlechten: Wem Feld -Spiele zu abstrakt, überladen und mechanisch sind, dem ist Trajan erst recht zu abstrakt, überladen und mechanisch. Doch gilt auch der Umkehrschluss? Ist Trajan Felds Meisterwerk? Die Frage muss jeder mit sich selbst ausmachen, ich meine aber: Nein. Mehr Mechanismen bedeutet nicht automatisch mehr Spaß. Und obgleich ich den Mancala-Mechanismus für wirklich sehr reizvoll halte, ist er doch genau genommen ein Motor der dafür sorgt, dass die Spieler sich nicht zu sehr spezialisieren, sondern irgendwie alles mal machen müssen. Da gefallen mir die BvB-Strategien mehr. Aber das ist eigentlich nicht der Kern meiner Kritik. Zwei Dinge stören mich konkret an Trajan: Zum einen ist es die Interaktion, die eher als Kollateralschaden daherkommt. Selten reagiert man auf seine Mitspieler, aber  man schadet denen dennoch. Nicht weil es opportum wäre, sondern weil man zufällig dasselbe machen wollte. Das ist aber nicht so ganz mein Ding – zumindest nicht in einem (Mancala-)Puzzlespiel und als solches sehe ich Trajan vorranging.

Der andere Kritikpunkt ist (wieder einmal) die Feldsche Siegpunktpunktflut. Es ist fast egal was man macht, man bekommt immer Siegpunkte – entweder sofort ein paar oder später und dann mehr. Wer einigermaßen kohärent spielt, sollte 2 Siegpunkte pro Zug schaffen. Wer normal spielt 3. Das Ziel ist es, 4-5 SP pro Zug zu schaffen. Das hat was vom Säulen-der-Erde-Effekt: Gutes Spiel und Normales Spiel liegen Punktmässig am Ende eng zusammen. Dadurch erweckt das Spiel den Eindruck einer gewissen Beliebigkeit (die es nicht hat, aber es scheint so), was für ein Spiel dieses Kalibers letztlich schade ist. Dennoch ist Trajan immer noch zweifellos ein gutes Spiel, aber eben nicht die Wucht in Tüten, als die es gerne mal dargestellt wird. Zumindest an die oben erwähnten Feld-Spiele mag es imho nicht heranreichen.

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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