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TomaToss

Autor: Minjae Kim

Verlag: Korea Boardgames

Für 2-4 Personen ab 8 Jahren

Spieldauer: 20 Minuten

Eine Aufgabe eines Settings ist es, eine gewisse Erwartungshaltung zu schüren, eine Tonalität zu setzen, an der sich die Spielenden dann orientieren können. Bei TomaToss wirft man beim großen Tomatenfestival mit Tomaten auf andere Leute. Ich denke nicht, dass irgendjemand mit dem Thema ein grimdarkes Cosim verbindet, sondern vermutlich eher ein lockeres Spiel, bei dem man sich gegenseitig mit Tomaten bewirft. Nun, auch falsch.

Tatsächlich ist die Interaktion bei TomaToss so indirekt wie nur irgend möglich. TomaToss ist erst einmal ein Auftragserfüllungsspiel: Man sammelt Karten, mit denen man erfüllt und zwar Aufträge. Das ist doch

Unten Karten sammeln, damit man oben Aufträge erfüllt.

sehr weit weg, was vom Thema und Aufmachung versprochen wurde und da sinkt die Motivation potentiell erst einmal deutlich ab. So deutlich, dass die Gefahr besteht, dass man die nächste Überraschungskurve in der Erwartungsbobbahn übersieht: Statt durch behutsames Sammeln der benötigten Karten zu gewinnen, bietet das Spiel auch die Möglichkeit an, zu zocken: Die letzte Karte, die aus Auftragserfüllungsgründen gespielt werden muss, kann auch direkt vom Stapel kommen. Wenns passt, gibt es sogar mehr Punkte als wenn man auf Sicherheit gespielt hätte. Meistens passt es eher nicht, aber die Versuchung ist groß. Auch weil man Karten spart, die man sonst erst mühsam sammeln müsste.

Damit Zock auch funktioniert, ist die grundsätzlich Verteilung der Tomatenkarten prominent auf den Spielertableaus angegeben. Nützen tuts meistens wenig, aber zumindest kann man sein Bauchgefühl nach irgendetwas ausrichten. Das ist schon eine wichtige Vorraussetzung dafür, dass TomaToss funktionieren kann, wenn denn die Spielenden diese

So eine Verteilungsübersicht ist schon eine gute Idee

Zockoption als den Kern des Spieles wahrnehmen.

Doch habe ich neulich über ein anderes Spiel berichtet, dass sich überraschenderweise als Push-your-luck herausstellte und welches das Problem behebt, dass bei Push-your-lucks Spielende die aus Pech, Selbstüberschätzung, Pech, schlechte Karten oder schlicht Pech am Anfang zurückfallen, mehr riskieren müssen und daher mit erhöhter Wahrscheinlichkeit am Ende noch weiter zurückzuliegen. TomaToss tut dies nicht, das Problem bleibt unadressiert. Die kurze Spieldauer muss reichen, dafür zu sorgen, dass man nicht frustriert wird, wenn es keine realistische Möglichkeit mehr gibt, ins Tomatentitelrennen einzugreifen und man daher einfach nur noch zockt, um einfach mal irgendwann auch mal Erfolg dabei zu haben.

Auch das fühlt sich angesichts des Settings eher seltsam an – ich hätte erwartet, dass gerade Hintenlegende die Tomaten nur so fliegen lassen würden. Aber Tomaten fliegen hier ja nicht – hier wird nur auf passende Karten gewettet, mal mehr und mal weniger. Dass das Spiel eher unter dem Radar fliegt, könnte sehr gut daran liegen, dass es seine Identität als kleine Wahrscheinlichkeitsrechnungsaufgabe nicht nur versteckt, sondern als etwas anderes zu verkaufen versucht.

 

 

Peer Sylvester
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