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Fun Facts

Autor: Kaspar Lapp

Verlag: Repos Productions/Asmodee

Für 4-8 Spielende ab 8 Jahren

Spieldauer 30 Minuten

Wird ein Spiel in einer Kritik analysiert – ein Begriff der übrigens „in seine Bestandteile zersetzen“ bedeutet – klingt das oft negativer als es gemeint ist. Das hat damit zu tun, dass Negatives stärker wahrgenommen wird als positives, aber auch damit, dass  negative Punkte oft besser begründbar sind und daher mehr Platz einnehmen. Daher will ich gleich am Anfang dieser Kritik klarstellen: Fun Facts ist kein schlechtes Spiel; Die Einstiegshürde ist extrem gering, man kann mit dem Spiel frustfreien Spaß haben. Man kann das Spiel sogar gelegentlich als Anreiz dafür nehmen, um sich miteinander über interessante Dinge zu sprechen und über Erfahrungen und Meinungen auszutauschen, über die man sich sonst nicht austauschen würde.

In seine Bestandteile zersetzt ist Fun Facts ein Psychologiespiel, also eines jener Spiele, bei denen man seine Mitspielenden einschätzen muss, wobei Charaktereigenschaften und nicht Spielstrategien gemeint sind. Seit Therapie erscheinen in diesem Segment jedes Jahr eine ganze Reihe von Spielen, die jedoch weitestgehend an der Brettspielbubble vorbeilaufen. Das liegt zum einen an den Marken, unter denen sie erscheinen, aber auch daran, dass diesen Spielen immer ein wenig der „Cringe-Faktor“ anhafted. Viele dieser Spiele präsentieren sich so, als müsste man den Brachialhumor eines Cards against humanity pflegen, dass durch den Tabubruch lebt. Bei anderen wird das Gefühl vermittelt, man müsste intimes mit Leuten teilen, mit denen man das vielleicht nicht unbedingt teilen möchte.  Selbst wenn Spiele dieses Genres in keine dieser beiden Kategorien fallen, werden sie deshalb von vielen gar nicht erst wahrgenommen. Dass es auch in diesem Segment Spiele gibt, die ein ernsthaftes Beschäftigen Miteinander erlauben, ohne plump oder unangenehm zu werden, hat sich in der Szene offenbar noch nicht rumgesprochen.

Ähnlich wie bei Was ne Frage?! muss auch bei Fun Facts niemand befürchten, seine Komfortzone zu verlassen. Was ne Frage schaffte dies durch absurde Fragen, die zwar witzig waren, aber im Grunde nichts über eine Person aussagen. Fun Facts schafft dies durch absolute Banalität in den Fragen.

Ich muss das schon deswegen weiter ausführen, weil Fun Facts außerhalb des Fragenformates keinerlei Substanz hat: Man beantwortet für sich eine Frage, dann sortiert man seine Frage in eine Reihe ein. Ist die Reihenfolge richtig, gibt es Punkte für die Gruppe (Fun Facts ist kooperativ). Positiv formuliert hat Fun Facts nicht den unnötig komplizierten Überbau eines Was ne Frage, aber die Kehrseite ist, dass jenseits der Fragen keinerlei Kniffe existieren, dass Erlebnis interessanter zu gestalten. Wie eine Runde Fun Facts empfunden wird, hängt damit allein von den Fragen ab, denn ein Spielerlebnis über das „gegenseitige Erfahren von Fakten “ hinaus, gibt es nicht. Der Untertitel „Ihr kennt euch besser als ihr denkt!“ mag assoziieren, dass hier ein bisschen The Mind kanalisiert werden soll: Die geheimen Antworten sollen in eine Reihenfolge gebracht werden. Wenn das klappt ist die gefühlte Leistung aber deutlich geringer als bei The Mind. Letzteres fühlt sich bei Erfolg oft an wie ein Zaubertrick. Das kann sich bei Fun Facts aber per Definition nur dann so anfühlen, wenn man ähnlich wenig zum abschätzen hatte – und das ist bei den Fragen der Fall, die willkürlich erscheinen. Fragen, die man tatsächlich abschätzen kann, fühlen sich in dieser Hinsicht naturgemäß weniger belohnend an. Das Wertungssystem versucht hier zwei gegensätzliche Eigesnchaften miteinander zu vereinen, was zumindest in The-Mind-Hinsicht nicht klappen kann.

Leider sind die Fragen aber auch sonst insgesamt nicht wirklich geeignet, um zuverlässig ein zusammenrückendes Gruppenerlebnis zu ermöglichen. Das liegt im Kern daran, dass alle Antworten Zahlen sein müssen. Dadurch variieren die Karten zwischen wortwörtlichen Funfakten wie „Wie viele Zimmer hat dein Zuhause“ ‑ was wenig verrät, was man nicht wüsste, ‑ „Wie viele Cousinen und Cousins hast du“ – Fragen deren Antworten bedeutungslose Fakten sind über Fragen der Art „Wie weit kannst du einen Schuh werfen?“, bei denen man vor allem schätzt, wie gut die anderen schätzen,  bis hin zu Skalen-Fragen wie „Wie sehr befolgst du geltende Regeln? (von 1 bis 100)“, bei denen man sich vor allem anschließend über die angelegte Skala unterhält. Zuverlässig interessante Gespräche werden mit keiner dieser Fragentypen erzielt. Stattdessen liefern sie bestenfalls die Möglichkeit nach der Auswertung zu sagen : „OK, aber jetzt mal im Ernst: Wie denkt ihr wirklich über Regeln?“ Mit anderen Worten: Wenn man Fun Facts bewusst als Stichwortgeber nutzt, um sich über Dinge zu unterhalten, dann kann das Spiel sein Versprechen, tatsächlich interessantem Fakten zu erfahren einlösen. Doch das steckt in dem Spiel selbst höchstens indirekt drin.  Bei anderen Spielen dieses Genres sind entweder die Prompts klar als solche gestaltet und liefern entsprechend zuverlässig (Familien-Quiz) oder sie  bieten darüber hinaus spielerisch noch mehr (Freelink Revelations, Der wahre Walter).

Es stimmt dass viele Spiele dieses Genres den Denkfehler machen, dass man interessante Gespräche nur führen kann, wenn man die Spielenden zwingt ihre Komfortzonen zu verlassen, in dem sie etwa ekliges, unangenehmes oder intimes abfragen. Fun Facts macht aber den umgekehrten Denkfehler. Fun Facts versucht diesen Denkfehler so krampfhaft mit derart weichgespülten Fragen zu umgehen, dass zwar niemand seine Komfortzone verlassen muss, aber auch niemand wirklich zusammenrückt.  Fun Facts bleibt dabei auf einem sehr flachen Niveau stehen, sowohl als Aktivität, als auch als Gesprächsanlass und als Spiel sowieso.

Um wieder zum Ausgangsabsatz zurückzukehren: Fun Facts ist kein schlechtes Spiel. Doch die Frage nach „Gut“ oder „Schlecht“ ist hier falsch gestellt, denn Fun Facts bietet schlicht zu wenig, um wirklich zu missfallen: Es stört nicht, es bleibt nicht negativ in Erinnerung. Doch um bei Fun Facts wirklich zusammenzurücken und miteinander zu reden, bedarf es, dass Spiel zu unterbrechen und lediglich als Gesprächsanlass zu dienen. Die besseren Spiele dieses Genres haben diese Erfahrung im Spielverlauf integriert und schaffen dadurch zuverlässig was Fun Facts nur gelegentlich schafft: Seine Mitspielenden auf neue Art kennenzulernen.

 

Peer Sylvester