Carcassonne – Die Stadt

Verlag: Hans im Glück
Autor: Klaus-Jürgen Wrede
Spieleranzahl: 2-4
Alter: ab 8 Jahre
Spieldauer: ca. 30-45 Minuten

Ich habe 15 Monate in Thailand gearbeitet. Da es Thailand absolut keine „echte“ Brettspielszene gibt (oder besser „gab“ – es hat vor kurzem ein Spielecafé nach Singapurer Vorbild dort aufgemacht) war es sozusagen spielerisches Exil. Was ich viel gespielt habe war Carcassonne am Computer. Dadurch hat sich nicht nur eine gewisse Spielstärke bei mir eingestellt (wenn ich das so sagen darf), sondern auch dafür gesorgt, dass ich das pure Carcassonne ohne Erweiterungen richtig zu schätzen gelernt habe. Nun ist mir klar, dass jeder Verlag natürlich das Recht – ja schon fast die Pflicht – hat, aus einem Spiel so viel Geld rauszuholen wie geht, aber für mich sind die Erweiterungen im Regelfall nichts. Im Falle Carccis geht durch die Erweiterung sogar etwas Taktik flöten: Da es durch die Erweiterungen mittlerweile für jede erdenkbare Situation ein Gegenplättchen gibt, ist es fast unmöglich geworden destruktiv zu spielen. Und dadurch gewinnt dann doch der, der am meisten Städteplättchen gezogen hat. Zudem wird durch die Plättcheninflation auch die Spieldauer in die Länge gezogen – auch ein kleiner Nachteil, wie ich finde.
Lange Rede kurzer Sinn: Seit meiner spielerischen Reinigung im ehemaligen Siam habe ich mir keine Erweiterungen für Carcassonne mehr gekauft.

Insofern war es auch keine Selbstverständlichkeit, dass ich mir Carcassonne – Die Stadt zugelegt habe. Zwar keine Erweiterung, aber letztlich doch nur eine Variante in einer Holzbox. Alter Wein in neuen Schläuchen?

Nun bleibt das Grundgerüst natürlich gleich (Ich werde dessen Kenntnis im folgenden voraussetzen), allerdings müssen sich Carcci-Kenner doch an einige Neuerungen gewöhnen. So sind zwar die Straßen gleich geblieben, aber statt Städten und Wiesen gibt es nun Märkte in 3 Ausführungen und Wohngebiete. Und diese können beliebig aneinandergelegt werden – nur Strassen müssen angeschlossen werden. Die Märkte übernehmen so ein bisschen die Rolle der Städte. Wir ein solcher fertig gestellt, hängt sein Wert von der Plättchenanzahl und der Anzahl der unterschiedlichen Produkte ab. Die Wohngebiete entsprechen im Prinzip den Wiesen, zählen die dort plazierten Gefolgspöppel doch bei Spielende 2 Punkte pro Markt. Durch die Plättchen und die Möglichkeit überall anzubauen sind die spielerischen Auswirkungen allerdings weitaus größer: Große „Wiesen“-Wertungen sind schwieriger geworden. Riesenwiesen, die alle „Städte“ berühren kommen nicht vor. Fast unmöglich ist es mittlerweile sich in einen Markt einzuschleusen (so wie das bei den Städten eine beliebte Taktik war) – Da fast alles passt, wird einfach ein Wohngebiet zwischen die Märkte gelegt und beide gewertet. Nicht unwichtig ist übrigens, dass es nun nicht mehr möglich ist, einzusetzen und gleich zu werten – das wäre hier zu einfach. Also muss mit den Mannen zumindest anfangs mehr gehaushaltet werden.

Doch die wichtigste Änderung ist die Stadtmauer. Wenn so ein Drittel der Plättchen gezogen worden sind, wird bei jeder Wertung die Stadtmauer verlängert. Diese erlaubt es zum einen noch ein paar Punkte zu machen und zum anderen werden Straßen und Märkte gewertet, die an der Mauer enden. Seine Gefolgsleute darf man auch einsetzen und zwar auf die Mauer – ihr Punktwert richtet sich danach, wie viele Sondergebäude sie in gerader Linie „sehen“. Sondergebäude sind in zufälliger Verteilung auf die Wohngebiete draufgedruckt. Da hier viele Punkte zu holen sind, ist das Bauen der Stadtmauer wichtig.
Überhaupt ist die Stadtmauer das entscheidende Element. Durch Sie kommt eine bislang unbekannte Enge ins Spiel und auch Tempo: Zum einen möchte ich an der Stadtmauer bauen, denn dann gibt’s Punkte. Um das zu dürfen, muss ich Wertungen auslösen. Zur Not löse ich eine gegnerische Wertung aus, um dann Mauerbau zu betreiben. Zum anderen werden Straßen und Märkte durch die Mauer begrenzt und so werden noch mehr Wertungen ausgelöst (dem, das dadurch auch kürzere Straßen entstehen wird durch eine etwas modifizierte Straßenwertung Rechnung getragen). Dadurch kommt ungemein Tempo ins Spiel. Zudem endet das Spiel auch dann, wenn die Stadtmauer die Auslage fast umschlossen hat, so dass nicht unbedingt alle Plättchen benötigt werden. Endet das Urspiel einfach irgendwann, wenn es keine Plättchen mehr gibt, so wirkt das Ende der Stadt organischer, logischer.

Doch wie ist es jetzt mit der Empfehlung? Man gestatte mir einen Vergleich mit „Jäger und Sammler“ – dem „grünen Carcassonne“ und dessen Verhältnis zum Urspiel. In meinen Augen waren das blaue und das grüne Carcassonne trotz unterschiedlicher Elemente ziemlich austauschbar. Gespielt haben sich die beiden letztlich gleich und dass sich bei mir das blaue durchgesetzt hat, liegt einfach daran, dass ich es zuerst hatte. Wäre das grüne das erste gewesen und als solchen Spiel des Jahres geworden, hätte ich das wohl in Thailand gespielt (wobei mich interessiert hätte, wie dann die Erweiterungen thematisch gepasst hätten).

Bei der Stadt ist dies anders. Es spielt sich schon taktisch und vom Spannungsverlauf her ziemlich anders als das Grundspiel. Natürlich blieb der Kern unberührt, so dass vollkommene Carcassonne-Hasser auch durch die Stadt nicht bekehrt werden können. Die großen Fans kaufen sich die Stadt auch. Die dazwischen sollten einen Blick riskieren: Die Stadt hat einen ganz eigenen Reiz. Es hat zudem den Vorteil der schöneren Optik und der Holzkiste, die sich bei Nichtgefallen prima verschenken lässt. Zwei Nachteile jedoch bringt die Stadt freilich mit sich: Zum einen ist sie nur für maximal 4 Spieler ausgelegt. Das empfinde ich nicht als Makel, spiele ich doch schon das Urspiel am liebsten zu dritt. Größere Runden müssen aber nun einmal passen. Zum anderen kommt es durch die Wertungswut in der zweiten Spielhälfte und aufgrund der vielen Punkte durch die Gefolgsleute auf den Mauern zu einer Punkteinflation (dreistellige Punktzahlen sind keine Seltenheit). Das kann gegen Ende etwas rechenintensiv werden und für so manche Überraschung gut sein – Ein Abschätzen, wer denn nur führt ist dadurch nämlich nur sehr bedingt möglich.

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