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Album

Autorin: Karine Minidré

Verlag: Act in Games / Asmodee

Für 2-6 Personen ab 10 Jahren (besser: 3-5 Spielende

Spieldauer 20-40 Minuten (je nach Debattierfreude der Mitspielenden, länger als 30 Minuten wäre aber eher ungewöhnlich)

 

Man tut Spielen keinen Gefallen, wenn man sie willkürlich mir irgendwelchen alten Kamellen aus der Geschichte vergleicht. Und schon gar nicht, wenn man sie mit Spielen vergleicht, die kaum noch jemand kennt. Aber was schert mich mein Geschwätz von vor acht Wörtern? Album erinnert mich enorm an Life Style von Ravensburger. Und das liegt nicht nur an den Fotos, die beide Spiele vereint.

Hat eigentlich nichts mit Album zu tun: Life Style

Flashback ins Jahr 1989: Glaubt man der Spielbox von damals, hat Ravensburger das Erscheinungsdatum von Life Style extra vorgezogen, damit es noch zum Spiel des Jahres nominiert werden konnte – es wäre sonst der erste Jahrgang ohne Spiel-des-Jahres-Erwähnung des damaligen Branchenprimus gewesen (Die Spieleszene war kleiner, heutzutage ist Ravensburger alles andere als Nominierungs-verwöhnt, der letzte rote Pöppel war noch im letzten Jahrhundert, die letzte rote Nominierung ist auch schon fast fünfzehn Jahre her). Gewinnen konnte es zumindest den Sonderpreis für das Schöne Spiel, auch dank einer riesigen Schachtel voller Fotos.

Spielerisch ging es um „Vibes“, wie man heute sagen würde, genauer gesagt war Life Style eines jener Einschätzspiele, die im Fahrwasser von Therapy Anfang der 90er Jahre eine kleine Mode waren (Siehe auch hier). Prinzipiell bekam eine Person ein paar Fotos und eine Frage zu den, nunja, Vibes und die andere versuchten einzuschätzen, welches der ausliegenden Fotos die Person jetzt zum Beispiel als am stressigsten empfand. Das war gefällig und etwas harmlos und vor allem kompetitiv, was hier weder vom Spielgefühl noch zur Wertung (die davon ausging, dass alle immer ehrlich antworten, auch wenn es zum eigenen Schaden wäre) passte. Nun ja, „kooperativ“ war damals noch Kinderspielen vorbehalten.

Auch bei Album geht es um die Stimmung von Fotos, diesmal aber kooperativ, was eine Menge unnützes Gepäck aus der Wertung entfernt: Wie bei Similo müssen auch hier Fotos sukzessive ausgeschlossen werden, bis nur noch das (hoffentlich) richtige übrig bleibt. Statt Tipps wie bei Similo dienen die Einschätzungen der Person bezüglich der Stimmung als Maßstab: Auf einer Skala von 0 bis 5 wurde das Foto vorab bezüglich zufälliger Attribute wie „Spannung“ oder „Abenteuerlust“ bewertet. Allerdings – und hier ist Album sehr viel vager als Similo – bevor die zentrale Person die falschen Fotos gesehen hat. Gezielte Tipps sind so also nicht möglich, wenn zwei Fotos eine ähnliche Stimmung verbreiten, ist es schlicht Pech. Das wird noch verstärkt, weil die Tipps bereits vorab (nur eben verdeckt) gelegt wurden, so dass die Zielperson nicht mehr auf Diskussionen (oder die neuen Fotos) reagieren kann. Was liegt, das liegt! Zudem wurden die Attribute nicht gewählt, sondern auch von der Zielperson nur nach und nach gezogen wurden- so kann es vorkommen, dass man im Nachhinein eine Eigenschaft doch etwas höher bewertet hätte, weil es von den gezogenen noch die stärkste mit dem Bild verknüpfte Emotion war. Das sind Gefühle, wo man schwer beschreiben kann!

All das klingt in der Erklärung sehr technisch für ein Spiel, dass von der Einschätzung von Gefühlen lebt. Tatsächlich ist es mein Versuch zu begründen, warum Album insgesamt nur wenig Emotionen zu wecken vermag.

Wie viel Mut ist in dem Bild?

Die zugrunde liegende Idee ist gut, die Fotoauswahl ist gut (wenn auch zu klein, schon ab der zweiten Partie wird man Wiederholungen haben, was bedeutet, dass man in gleichen Gruppen bald argumentiert á la „letztes Mal hatten wird gesagt, zu dem Bild passt Mut!“). Aber:

Was will man am Ende des Tages von einem Spiel wie Album? Man möchte interessante Diskussionen oder vielleicht witziges Scheitern.

Diskussionen, ob ein Bild jetzt vielleicht auf der Ebene „Gemütlichkeit“ eine 3 oder noch nur eine 2 wären, sind das eine, einzuschätzen, ob jemand anderes spontan eine 2 oder eine 3 gewählt hat, sind nicht interessant, sondern werden schnell zur Suche nach Strohhalmen. Strohhalme sind aber kein allzu guter Maßstab, wenn man das Gefühl haben will, sich irgendwie mit dem Spielergebnis zu identifizieren. Das wird noch dadurch verstärkt, dass es keine Teilpunkte gibt: Egal ob beim ersten oder letzten Foto gescheitert – wurde das richtige Bild nicht identifiziert, gibt es keine Punkte. Eine harsche Wertung für ein Spiel, das in erster Linie von Vibes lebt.

Strohhalme sind aber vor allem auch keine interessante Diskussionsgrundlage- man wird bei Album nicht viel über seine Mitmenschen erfahren, man wird nicht einmal die Bilder mit anderen Augen sehen. Ist das jetzt Mut 3 oder doch noch 2? Das ist in den allermeisten Fällen vor allem eines: Eine 4 bei „Flach“.

Zu viel wurde in dem Spiel dem Zufall überlassen: Die Fotos sind zufällig, die Hinweise sind zufällig, die Reihenfolge, in denen sie auftauchen ist zufällig. Dadurch fehlt dem Spiel die Zuverlässigkeit, interessante Aufgaben zu generieren.

Peer Sylvester
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