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Verlagsvorstellung “Le Scorpion Masqué”

Sicherlich eines der originellsten Spiele der letzten Essener Messe war Climb! vom kanadischen Kleinverlag Le Scorpion Masqué.Leider war es auch eines der am schnellsten ausverkauften; Die beiden Verlagsvertreter waren vor der Messe in Tschechien wandern und hatten daher nur sehr wenig Spiele dabei. Doch jetzt gibt es eine gute Nachricht: Alle Spiele von Le Scorpion Masque erscheinen nächstes Jahr in deutscher Sprache beim Heidelberger Spieleverlag. Grund genug für ein Interview! Weiter unten findet ihr dann auch meinen ersten Eindruck von Climb!

Bitte stelle doch Dich und Deinen Verlag unseren Lesern vor!

Hi! Ich bin Christian Lemay, lebe in Montral (Quebec, Kanada) und bin der Spieleverlag Le Scorpion masqué. Wie 80% der Bevölkerung von Quebec spreche ich französisch und ein wenig englisch (Quebec ist die größte kanadische Provinz, hier leben 8.000.000 Menschen). I habe 5 Jahre Literatur unterrichtet, abeite jetzt aber ausschließlich für Le Scorpion masqué.

Apropos: Was bedeutet der Name eigentlich?

Le Scorpion maqué bedeutet “Der maskierte Skorpion” und das war der coolste Name der uns im stundenlangen Brainstorming eingefallen ist. Dieser Name gibt uns eine Persönlichkeit. Und Skorpione sind irgendwie cool. Ich war immer ein Fan von Superhelden und habe mir selbst die langweiligsten Superheldenfilme angesehen. Und durch dieNinja-Turtle-Maske wird aus dem Skorpion ebenfalls ein Superheld. Und nebenbei wir aus dem ekligen Tier etwas sehr lustiges und vielleicht sogar niedliches!

Erzähle uns doch bitte ein wenig über eure Spiele!

Le Scorpion Masque veröffentlich seit Ende 2006 Spiele. Unser Programm umfasst im Moment drei Spiele. Wir veröffentlichen unsere Spiele zuerst für den frankokanadischen Mark. Folglich erscheinen unsere Spiele zuerst auf französisch: Als erstes war J`te gage que aus dem I Betcha! entstand. Dann kam Grimpe! / Climb! Das dritte Spiel, Où étiez vous? ist noch nicht auf englisch erschienen. Alle drei Spiele werden nächstes Jahr in einer deutschsprachigen Version bei Heidelberger erscheinen.  Es ist das erste Mal, dass Spiele aus Quebec in deutsch erscheinen.

Ich denke Spiele sind ein Teil des kulturellen Outputs einer Nation. Also sollten Spiele ein kreativ sein. Z.B. kann man I Betcha spielen, während man etwas anderes tut – z.B. eine Dinner Party oder etwas anderes spielt! Climb! verwendet einen sehr originellen Mechanismus, der den Klettersport sehr gut umsetzt.

Unsere Spiele sind ausserdem sehr einfach. Man kann sie in weniger als einer Minute erklären. Der Grund ist, dass wir möglichst viele Leute zum spielen bringen wollen. Und man kann keine neuen Spieler mit Caylus gewinnen (Ich mag Caylus übrigens). Ihr wisst warum. Ich selbst begann meine Spielekarriere mit Werewolf und Jungle Speed.

Drittens das wichtigste: Unsere Spiele müssen Spaß machen! Wir machen Spiele, die Emotionen wecken und einen zum Lachen bringen. Darum geht es beim Spielen schließlich – Leute treffen und Spaß haben!

Was habt ihr für die Zukunft geplant?

Wir haben viele Projekte geplant: Als erstes wollen wir unsere Spiele in den USA und in Europa etablieren. I Betcha ist bereits beim französischen Verlag Cocktail Games als Bluff Party erschienen.

Natürlich erscheinen auch einige neue Spiele. 2009 erscheint eine Erweiterung für I Betcha und ein kleines Spiel um eine typische Quebecsche Spezialität namens Poutine (die besteht aus Pommes Frites, Käse und brauner Soße).

Aber mein wichtigstes Ziel ist ganz einfach: Ich möchte von den Spielen leben können. Also mache ich alles, um dieses Ziel zu erreichen.

Erzähle uns doch abschließend ein wenig über die Brettspielszene in Kanada!

Ich kann aus zwei Gründen nicht so viel über die kanadische Szene erzählen: Zum einen ist Kanada sehr groß. Sehr, sehr groß! Vancouver ist 5000km von Montreal entfernt, entsprechend weiß ich nicht, wie die Szene da ist. Zum anderen unterscheidet sich Quebec kulturell sehr vom restlichen Kanada. Die kanadische Regierung hat Quebec als “Staat im Staat” anerkannt: Quebec ist eine eigenständige Nation, die aber offiztiell noch zu Kanada gehört.

Der Brettspielmarkt in Quebec ist sehr im Wachstum inbegriffen, je nach Quelle zwischen 12% und 20%! Das ist großartig! Es gibt viele neue Verlage, z.B. Filosifia, die französische Versionen der Spiele von Kostmos, eggertspiele, Hans im Glück etc. produzieren. Mit unseren drei Spielen wird erstmal der umgekehrte Weg beschritten.

Und was das Spielen selbst betrifft: In den letzten 5 Jahren wurden 5 jährliche Conventions und 3 Autorenwettbewerbe ins Leben gerufen! Wir spielen elegante Eurogames genauso wie amerikanische Monster von Fantasy Flight Games. Und natürlich mögen wir auch die französischen Spiele, da kommen einige sehr gute leichte und lustige Partyspiele her.

Aber man darf sich dennoch nicht täuschen lassen: Die Szene ist nicht so vielfältig wie die deutsche. Alles ist noch sehr neu. Es gibt keine Messe wie Essen, wo die ganze Familie zusammenkommt. Und wenn man hier von Brettspielen trifft, denken 95% der Leute nur an Monopoly – Hey, in Monopoly World gibt es nicht weniger als drei kanadische Städte! Aber wir arbeiten hart daran, diese Wahrnehmung zu verbessern!

Vielen Dank für das Interview!

Zu den Spielen: I Betcha ist so eine Art Dinner der Geheimagenten mit Aufgaben statt Worten. Bestimmte Aufträge (z.B. 5 Minuten lang nichts sagen) müssen erfüllt werden, ohne dass dies jemand merkt. Und wie mein Dinnerspiel wird auch I Betcha parallel zu einer anderen Aktivität (etwa einem Dinner) gespielt.

Où étiez-vous? ist das Spiel durch das Heidelberger auf Le Scorpion Masqué aufmerksam wurde. Hier müssen zwei Spieler eine Alibi-Geschichte erfinden, um sich von einem Verdacht freizusprechen. Der Gag ist aber, dass die beiden getrennt vernommen werden – sie müssen sich also gut absprechen, um mit der Geschichte durchzukommen! Ich hab dieses Spiel mangelnse Französischkenntnissen nicht gespielt, kenne aber ein ähnliches Public-Domain-Spiel, das im Jugengruppenbereich eingesetzt wird, um zu zeigen, dass man im Zweifelsfall vor Autoritäten lieber die Wahrheit sagen sollte. Ich hatte schon öfter mit dem Gedanken gespielt, ein “echtes” Spiel aus der Grundidee zu machen und bin daher ein bisschen auf die Umsetzung gespannt. Dieses Spiel ist übrigens für 5-30 (!) Personen gedacht.

Climb! ist eine Art thematisches Twister für die Finger. Es geht darum möglichst viele Finger gleichzeitig auf dem Tisch aufzusetzen. Das Problem: Die Finger dürfen nur durch bestimmte Löcher gesteckt werden, die durch die ausliegenden Karten gestanzt worden sind. Diese Löcher sind zudem Farbkodiert, d.h. in ein bestimmtes Loch darf nur ein bestimmter Finger. Diese Karten werden nun als “Kletterroute” ausgelegt und die Hand muss nun von Loch zu Loch nach “oben” wandern und wie gesagt muss man dabei möglichst viele Finger auf den Tisch bringen. Wenn sich eine Karte bewegt ist der Zug beendet. Das ist sehr trickreich, originell und erfordert eine Menge Fingerspitzengefühl. Mir gefällts, aber Geschicklichkeitsfan sollte man schon sein. Besonders gelungen ist auch die thematische Einbindung: Genau wie beim Klettern an einer Kletterwand sollte man sich auch hier vorher überlegen, welche Route man klettert – wer nicht vorrausplant stürzt ab. Also wirklich mal was neues! Zwei Probleme hat das Spiel aber: Zum einen sind einige Spieler einfach wirklich sehr viel besser als andere (Gegen Kletterer oder Klavierspieler haben Normalsterbliche keine Chance) zum anderen kann das Spiel frustrieren – Ich empfehle eine Filzmappe oder zumindest eine Tischdecke beim Spielen unterzulegen, sonst wirds etwas frustig.

ciao

Peer

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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