Spynet

Spynet

Verlag: Z-Man Games / Asmodee
Autor: Richard Garfield
Spieleranzahl: 2-4 (eigentlich für 4 Spieler)
Alter: ab 10 Jahre
Spieldauer: 30-40 Minuten

Beim Schreiben dieser Zeilen ist Spynet nicht einmal bei Luding gelistet. Ich bezweifle, dass allzu viele deutschsprachige Rezensionen zu diesem Spiel erschienen sind. Z-Man Games haben sich aber auch alle Mühe gegeben, dass dieses Spiel ja keine Aufmerksamkeit gewinnt:

Da haben wir ein Titelbild, bei dem ich eher eine Sinclair ZX Spectrum Kassette in der Schachtel erwarten würde, als ein Kartenspiel von Richard “Magic – The Gathering” Garfield. Die Regel ist so vage, dass wir in der ersten Partie mehrfach die englischsprachige Regel und die Regel-Foren auf Boardgamegeek konsultieren mussten, um spielentscheidene Kernpunkte zu klären wie „Darf ich in meinem Zug eine Agentenkarte spielen oder pro Bereich eine (also bis zu 4)?“ (Ersteres). Das Beste, was sich über die Karten sagen lässt, ist dass die Graphik besser funktioniert, als auf dem Cover – aber leider sind sie so schlecht gelayoutet, dass Kartentexte und Siegpunkte (!) auf den Karten schlecht zu erkennen sind (von der Unsitte Kartenwerte nur auf einer Seite der Karte anzugeben, will ich gar nicht anfangen).

Es ist an dieser Stelle Usus etwas zu schreiben wie: „Aber, was zählt, ist ja ob es Spaß macht!“. Das stimmt natürlich, und das Spiel macht auch Spaß. Aber: Wenn ein renommierter Verlag in der heutigen Zeit derart dilettantisch vorgeht, ist das schon ziemlich fahrlässig. Sicher, keines der genannten Elemente ist jetzt besonders schlecht – ich habe jeweils deutlich schlimmere Vertreter in meiner Sammlung – aber es wirkt alles so gedankenlos. Es mag an den Besitzerwechseln des Verlages gelegen haben, dass man den Eindruck gewinnt, ein ungeliebtes Kind der Redaktion vor sich zu haben, aber am Ende des Tages gibt es einen Grund, wenn das Spiel irgendwann unbemerkt verschwinden sollte…

Was schade wäre, denn Richard Garfield versteht sein Handwerk.

Das Spiel basiert auf dem sogenannten Winston Draft, der schon von Matthias hier einmal vorgestellt wurde: Prinzipiell gibt es drei Haufen und den eigentlichen Nachziehstapel. Wer neue Karten aufnehmen möchte, nimmt sich den ersten Haufen und sieht ihn sich an. Ist er zufrieden, nimmt er alle (!) Karten des Haufens auf die Hand. Wenn nicht, legt er ihn zurück und verfährt analog mit dem zweiten Haufen und ggf. dem dritten. Ist er immer noch nicht zufrieden, nimmt er sich die oberste Karte des Stapels. Dann werden alle Haufen, die er sich angesehen hat, um eine Karte vom Stapel ergänzt und der genommene ggf. durch eine Karte ersetzt.

Das ist ein wirklich ungewöhnlicher und spannender Mechanismus – Nimmt man lieber mehr Karten, die man vielleicht nicht unbedingt gebrauchen kann, oder hofft, dass der nächste Haufen eine bessere Karte bietet? Schwache Karten sammeln sich gerne im ersten Haufen, aber wenn man den nicht nimmt, bietet man dem nächsten Spieler die Chance auf eine volle Hand. Sehr schick!

Nimmt man keine Karten auf, so darf man welche ablegen: Eine Zahlenkarte in den farblich passenden Bereich, darauf – wenn man hat – graue Karten, um den Kartenwert zu erhöhen und zusätzlich eine Siegpunktkarte in jeden Bereich, den man dominiert. „Dominieren“ heißt: Man hat eine höhere Gesamtsumme an Karten in dem Bereich ausliegen, als jeder Gegner. Zu viert ist das Besondere dabei, dass wirklich nur die Gegner zählen: Gegenübersitzende Spieler bilden ein Team und der eigene Partner zählt bei der „Dominanz“ nicht. Das ist deswegen wichtig, als dass es in dem Spiel darauf ankommt, möglichst oft Punktekarten ablegen zu können. Da man aber nur eine Karte pro Runde legen darf, ist es gut, wenn beide Partner Siegpunktkarten in ihren Zügen legen können. Damit das besonders gut klappt, darf man dem Partner am Ende seines Zuges eine Karte geben – Vorausgesetzt man hat selbst eine Karte gespielt. Das Nehmen eines vollen Stapels wird so noch einmal attraktiver, auch wenn es u.U. zu lange dauert, jede einzelne Karte auch tatsächlich zu spielen.

Spynet hat einen ganz eigenen Rhythmus und spielt sich trotz einfacher Regeln erst einmal frisch und ungewohnt. Dabei ist der Draftmechanismus sicherlich der Star, aber der Rest des Spieles ist viel mehr als bloßes Anhängsel; Hier geht es um das richtige Tempo beim Ausspielen und Lesen der gedrafteten Karten. Dank einiger Sonderkarten können auch hohe Führungen in einem Bereich mal durchbrochen werden. Und mit einem schnöden Gleichstand kommt man zwar selbst nicht zu punkten, blockiert aber immerhin auch den Gegner – ob sich das lohnt, hängt von der Spielsituation ab. Spynet ist erstaunlich kurzweilig. Dabei gilt prinzipiell: Gewinnt man, hat man clever gedraftet, verliert man, hatte man Pech. Das sorgt für Ehrgeiz und Stimmung am Tisch, aber nicht für Böses Blut – so muss das!

Hoffen wir, dass Garfields Name genug zieht, um die redaktionellen Mängel auszugleichen.

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