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Roll Player

Roll Player

Verlag: Pegasusspiele
Autor: Keith Matejka
Spieleranzahl: 1-4
Alter: ab 10 Jahre
Spieldauer: 60-90 Minuten

Vor langer, langer Zeit, als ich noch Oberstufenschüler war, gründete ich mit zwei Mitschülern zusammen eine „Rollenspiel-AG“ an unserer Schule. Im wesentlichen bedeutete das: 90% unserer regulären Rollenspielgruppe traf sich zusätzlich noch einmal die Woche für 90 Minuten in der Schule (ein Lehrer war nicht anwesend), was eigentlich keine Vorteile brachte, außer dass wir „Brettspiel-AG“ auf unser Zeugnis schreiben konnten.

In der Praxis sah diese AG meistens so aus: Irgendjemand neues war da oder jemand hatte seinen Charakterbogen vergessen oder jemand fehlte und man musste deshalb unbedingt ein ganz anderes Abenteuer in einem ganz anderen Rollenspielsystem spielen, wo niemand Charaktere mit hatte oder was auch immer, jedenfalls gab es in gefühlt jeder zweiten Sitzung einen Grund Charaktere auszuwürfeln. Das war kein Problem, denn das geflügelte Wort war „Das dauert ja nur 10 Minuten!“

Dauert es natürlich nicht, eigentlich dauerte es immer so ziemlich genau 90 Minuten und auch nur, weil dann jeder nach Hause wollte. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, ob wir überhaupt mal ein Abenteuer gespielt haben, oder ob wir tatsächlich immer nur Charaktere ausgewürfelt (oder Unsinn gequatscht) haben.

Roll Player ist jetzt sozusagen „Rollenspiel-AG – Das Brettspiel“:

Man würfelt einen Charakter aus und nach 90 Minuten (zu viert) ist man fertig und räumt ein, ohne mit dem Charakter etwas anzustellen.

Als Rollenspieler bin ich von diesem Konzept also natürlich schon einmal extrem positiv dem Spiel gegenüber eingestellt!

Und Roll Player beginnt auch entsprechend witzig: Neben der frei wählbaren Fantasyrasse (lobenswerterweise werden immer beide Geschlechter angeboten) werden Hintergrund, Gesinnung und Klasse zufällig bestimmt, was für witzige Kombinationen wie den neurotischen Raubauken-Waldläufer oder den eremitischen Dieb sorgt. Spieltechnisch sind diese Dinge „Auftragskarten“, die eine gewissen Richtung vorgeben. Mechanisch ist Roll Player ein Puzzlespiel, bei dem die Spieler wie bei Sagrada Würfel auswählen und auf ihrem Tableau platzieren. Die Auftragskarten geben Punkte, wenn Würfeln bestimmter Farben auf dem Feld stehen (Hintergrund) und wenn die Würfel einer Summe eine bestimmte Zahl erreichen – da die Reihen den Standard-Eigenschaften (Stärke, Konstitution usw.) entsprechen, passen die Klassen natürlich zu diesen Augensummen: Ein Dieb braucht eine höhere Geschicklichkeit, ein Zauberer mehr Intelligenz. Das kennt man aus den Rollenspielen der ersten Generation (D&D, DSA usw.) und ist natürlich thematisch so richtig schön passend!

Hätte Roll Player es bei diesem Puzzle belassen (also möglichst die Würfel so einzusetzen, dass Farbe und Zahl stimmen, wobei man aber immer nur einen Würfel zur Zeit bekommt), wäre es ähnlich schlank wie Sagrada und es wäre auch spielerisch fast so wie Sagrada und ob das gut oder schlecht wäre, hängt davon ab, wie man Sagrada so findet. Es ist aber auch egal, denn Roll Player belässt es nicht dabei: Zusätzlich zur Würfelverteilung im Uhrzeigersinn gibt es jede Runde nämlich noch die Möglichkeit eine Karte zu erwerben und in diesem Teil sehe ich den Kern aller Probleme, die ich mit Roll Player habe:

Zu alleroberst steht die Spieldauer. 90 Minuten schafft man in Vollbesetzung tatsächlich nur wenn alle flott spielen und Nebenaktionen wie das Platzieren der Würfel oder das Nutzen von Sonderfertigkeiten parallel durchführen. Für ein Spiel dieser Art ist 90 Minuten aber sehr lang – Sagrada ist ein Drittel schneller und vergleichbare Roll n Writes sind sogar noch ne Ecke kürzer und ein Großteil dieser zusätzlichen Zeit geht für das Kaufen der Karten drauf; Da die Auslage begrenzt ist, kann nicht parallel gekauft werden. Da die Auslage zufällig ist, muss man mit jeder Auslage überlegen, welche Karte am besten zur eigenen Taktik passt und ob die Gesinnung durch sie in eine Art geändert wird, die weniger oder mehr Punkte bringen. Und da die meisten Karten einzigartig und textbasiert sind, muss jeder alle Karten erst einmal lesen. All das kostet Zeit und da die meisten Karten auch für Krams genutzt werden können (oft gegen Veränderung der Gesinnung) muss man zwischendurch auch noch mal nachdenken und das kostet dann noch einmal Zeit. Zeit, die nicht unmittelbar in spaßbringende Aktionen fließt, sondern in Verwaltung und Downtime.

Dann ist es nicht so, dass man es sich mit den Karten einfach machen kann – im Gegenteil! Die Karten sorgen oft für mehr Punkte als das eigentliche Tableau! Das empfinde ich doppelt ungünstig, denn zum einen steht der Puzzleaspekt des „Tableau Building“ eigentlich mechanisch im Vordergrund und sollte daher – so finde ich – auch beim Spielziel irgendwie im Vordergrund stehen, zum anderen ist es kaum möglich, gezielt auf bestimmte Karten zu spielen (selbst wenn man das Deck auswendig kennt), da die Karten dann kommen können, wenn man keinen Zugriff auf sie hat oder Kombis erscheinen gleichzeitig oder… Der interessante Aspekt – die Charakteroptimierung – wird dadurch verwässert. Es ist schon vorgekommen, dass ein Spieler 12 Punkte über die Aufträge mehr hatte als jeder andere Spieler, er aber mehr als 20 Punkten insgesamt aufgrund schlechterer Karten hinter den anderen hinterherhing. Klar, er hat zu viel Energie in gute Würfel gesteckt und daher schwache Karten bekommen – aber das Spiel impliziert mit aller Macht, dass es hier um die Würfel geht, und nicht um Kartenoptimierung.

Ein weiterer Effekt der Karten: Damit deren Kauf interessanter ist, hat derjenige zuerst Zugriff, der niedrigere Würfel gewählt hat. Damit das aber überhaupt ein Dilemma darstellt, sind prinzipiell in allen Attributen hohe Würfel notwendig. Dadurch ist die Varianz der Charakterklassen deutlich niedriger als sie sein könnte – Eine 1 in einer Reihe verhindert selbst bei den schwächsten Attributen grundsätzlich eine Wertung. Sicher, solche Powergaming-Charaktere habe ich auch schon beim Rollenspielen gesehen, aber dennoch wurde hier m.E. Potential verschenkt.

Das klingt jetzt so, als würde ich Roll Player gar nichts abgewinnen können. Dem ist nicht so. Ich würde mir gar nicht so viele Gedanken machen, wenn ich dem Konzept „Würfelpuzzelei mit Rollenspielthema“ nicht so viel Sympathie entgegenbringen würde. Leider setzt das Spiel dieses Thema nicht genügend um; Nach dem anfänglichen Bestimmen der Auftragskarten ist das Spiel bis auf einige Kartentexte rein abstrakt. Und da das Spiel eben deutlich länger dauert als die vergleichbare Konkurrenz, kommt dieses Alleinstellungsmerkmal nicht genügend heraus. Wenn ich das Spielerlebnis von Roll Player haben möchte, kann ich auch zu einem der vielen anderen Spielen des Genres greifen – und vermutlich sogar zu zwei oder drei anderen, wenn ich 90 Minuten zeit habe.

Das Spielende ist dann nur noch Punkte zählen (jeder für sich). Dann wird der gerade erstellte Charakter wieder abgerissen. In der Brettspiel-AG hatten wir nach 90 Minuten wenigstens einen neuen Charakter in unserer Charaktermappe. Hier haben wir einen Punktwert, der aussagt, wer seinen Charakter am besten mit Karten versorgt hat. Mein Bauchgefühl sagt mir: Da wäre mehr drin gewesen.

 

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
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