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Kreative Bilder-Geschichten

Verlag: Ravensburger
Autor: Wolfgang Kramer
Spieleranzahl: 1-6 (naja, eher 1-3 Spieler, mehr Leute heißt, weniger Sprechzeiten für den Einzelnen)
Alter: 6-10 Jahre
Spieldauer: Hängt komplett von den Spielern ab, 5-20 Minuten erscheint realistisch, irgendwann stößt auch der Stift an seine Grenzen

Benötigt wird ein Tiptoi-Stift mit Aufnahmefunktion

Was ist ein Spiel?
Das ist eine schwierige Frage, aber eigentlich interessiert sie uns gar nicht so sehr – hier auf der Spielbar geht es ja bereits um eine Unterkategorie: Um sogenannte „Regelspiele“, also Spiele, die feste Regeln haben (Das Gegenteil von „freiem Spiel“) und selbst diese Kategorie ist noch zu weit gefasst, denn Rollenspiele und Erzählspiele sind ja ebenfalls Regelspiele, aber etwas ganz anderes als die hier üblicherweise besprochenen Spiele, die z.B. als „Zielorientierte Spiele“ oder – tatsächlich häufiger – als „Strategiespiele“ bezeichnet werden. Dabei ist „Strategie“ für einen Brettspieler tatsächlich verwirrend, denn auch Mensch-Ärgere-Dich-Nicht ist nach der Definition ein „Strategiespiel“ – der Begriff bedeutet nur, dass es ein fest definiertes Spielziel gibt und die Spieler innerhalb eines festen Regelwerkes Entscheidungen treffen, um auf dieses Ziel hinzuarbeiten – Das die Entscheidungen bei MÄDN marginal sind, ist für die Definition uninteressant (Spiele ohne Entscheidungen – also reine Roll&Moves oder Bingo – fallen nicht in diese Kategorie, sind aber noch „zielorientierte Spiele“, da es ja ein konkretes Spielziel gibt. Es ist kompliziert).
Kreative Bilder-Geschichten ist nun schon einmal definitiv kein Strategiespiel nach dieser Definition, nicht einmal ein zielorientiertes Spiel, denn es gibt kein Spielziel, das zu erreichen ist. Vielmehr ist es ein Werkzeug, um Geschichten zu erzählen. Fällt es damit schon in den Bereich „Erzählspiele“ oder ist dieses Spiel „nur“ ein Spielzeug?
Nun, es gibt zumindest feste Regeln: Die Geschichte besteht aus genau sechs Karten. Ob die Karten und deren Reihenfolge vom Spiel vorgegeben werden oder ob sich die Kinder beides selbst aussuchen ist den Kleinen selbst überlassen (ergo: Einstellbar). Die Bilder dienen dabei als Hooks der Geschichte – wie viel die Kinder dem Tiptoi-Stift (nicht enthalten) erzählen ist denen überlassen. Aber das Set heißt eben auch „Kreative Bilder-Geschichten“ und darum geht es: Kreative Geschichten mit Bildern zu erzählen. Wer weniger kreativ ist, kann sich die Bilder vorgeben lassen, sonst erzählt man was man will. Das Besondere ist jetzt, dass man sich die Geschichten anschließend vom Tiptoi-Stift vorlesen lassen kann. Und/oder man speichert die ab und hört sich die später nochmal an. In Zeiten des Handys vielleicht nicht mehr so beeindruckend wie vor 10 Jahren, aber dennoch für die Kinder sehr motivierend. Kann man Kreative Bilder-Geschichten damit schon als “Regelspiel” bezeichnen? Ich glaube kaum – eine einzelne Regel (Es müssen genau sechs Bilder sein, die eine Geschichte vorgeben) macht noch keinen Sommer. Selbst wenn die Geschichtenerzähler bestimmte Karten raussuchen und die in einer festen Reihenfolge auslegen befolgen Sie nur Anweisungen, sie “spielen” nicht wirklich, da dieser Teil nicht der Teil ist, der Spaß erzeugt. Das macht das Geschichten erzählen und das ist, nunja, das Erzählen einer Geschichte anhand von Bildern. Ist das Hinreichend anders als bei Erzählspielen? Ich denke schon, da hier gemeinsam erzählt wird und die Geschichte weder strukturiert ist noch ein festes Ende o.ä. hat. Dies ist genauso wenig ein Spiel wie “Storyboard”. Ich bin da aber kein Experte.

Gehen wir zur zweiten Frage über: Ist das Set brauchbar?

Ja, durchaus. Es gibt wirklich viele Bilder, die auch viele Möglichkeiten erlauben – konkret genug um Anregungen zu geben, allgemein genug, um vielseitig einsetzbar zu sein.

Der Gegner ist dabei allerdings der Tiptoi-Stift selbst. Auch im Jahre X nach Erfindung dieses prinzipiell coolen Geräts, hat es Ravensburger nur partiell geschafft die Kinderkrankheiten abzuschaffen. Es gibt immer noch Hänger und Fehler und manchmal erkennt der Stift nicht, was er erkennen soll und weigert sich z.B. trotz mehrmaligem Tippen eine Aufnahme zu wiederholen.
Die Erklärfunktion ist nach wie vor sehr träge und auch wenn man abkürzen kann, muss doch eine ganz bestimmte Reihenfolge eingehalten werden, in der Bestätigungen und OKs getippt werden müssen, bevor die Kinder erzählen dürfen. Ungeduldige Geschichtenerzähler sind da schnell genervt. Außerdem ist die Qualität der Aufnahme und damit des Abspielens nicht gerade grandios. Man merkt eben dass der Tiptoi-Stift nicht primär ein Diktiergerät ist.
Damit ist das Set insgesamt mehr eine gute Idee als ein gutes Was-Auch-Immer-„Spiel“. Genutzt wird es in meinem Haushalt aber dennoch. Sicherlich nicht so oft wie von Ravensburger intendiert, aber es landete bislang auch nicht in der Ecke – dazu ist das Werkzeug zu gut. Insbesondere erlaubt es auch meiner Sechsjährigen, die erst im kommenden Jahr Lesen und Schreiben lernt, eine Geschichte zu kreieren. Und dafür ist das Set ja da.

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
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