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Flügelschlag

Verlag: Stonemeyer Games / Feuerland-Spiele
Autor: Elizabeth Hargrave
Spieleranzahl: 1-5
Alter: ab 10 Jahre
Spieldauer: 40-70 Minuten (stark Spieleranzahl- und typabhängig)

Wenn ein Spiel als „überproduziertes Hypespiel“ bezeichnet wird, so ist das ein Problem für den Rezensenten, der das Spiel gut findet. Der Vorwurf lautet: „Man ist ein Opfer des Hypes geworden“ – keine Ahnung warum man ein Opfer ist, wenn man ein Spiel mag, aber die Implikation ist, dass man sich hat blenden lassen; etwa von der unerhört fantastischen Ausstattung, von der immensen Werbekampagne des Verlages (deswegen werden Hasbro-Spiele auch immer so positiv besprochen) oder weil alle Kumpels das Spiel auch mögen, was ja ebenfalls ganz klar etwas schlechtes ist. „Eigentlich ist das Spiel ja blöd, Du traust Dich nur nicht das auszusprechen!“ ist der unausgesprochene Satz. Tja, Scheiß drauf.

Die Qualitätsbetrachtung eines Spieles ist sinnfrei, wenn man sie nicht in Bezug dessen setzt, was das Spiel erreichen will und mit wem. Flügelschlag macht aus der Zielgruppe, mit dem es etwas anfangen will keinen Hehl: Thema und Ausstattung sowie Regelkomplexität richten sich nicht an absolut unbeleckte Familien, aber auch nicht an die großen Brettspielnerds; Im Grunde kann Flügelschlag in einer knappen Viertelstunde umfassend erklärt werden -was einerseits an der Materialunterstützung liegt, aber auch daran, dass hier Kennerspielern prinzipiell bekannte Mechanismen verknüpft werden. Insbesondere geht es hier darum Vogelkarten so auf das eigene Tableau zu spielen, dass möglichst viele und möglichst große Synergieeffekte zwischen den Vögeln entstehen – die Vögel haben alle Sondereigenschaften, die zu bestimmten Zeiten ausgelöst werden. Passen die einigermaßen zueinander, schafft man mehr, als wenn man alles einzeln per Hand organisieren muss. Mehr Vögel bedeuten mehr Synergieeffekte und damit noch mehr Vögel. Das ist prinzipiell gut.

Die anderen Mechanismen dienen dazu das Kartenlegen zu erschweren sowie es zu belohnen. Erschweren, weil an das Legen von Karten Bedingungen geknüpft sind: Man braucht Karten und Nahrung und später auch Eier zum legen, die man sich erst mühevoll organisieren muss. Belohnen, weil am Ende Karten auf verschiedene Arten Siegpunkte bringen, vor allem in dem von ihnen bestimmte Bedingungen erfüllt werden, die durch Auftragskarten oder Zwischenwertungen gefordert werden.

Als Konsequenz bietet Flügelschlag in erster Linie ein Puzzle, dass ständige Kompromisse erfordert: Vogel A, sollte vor Vogel B kommen, weil Vogel A einen Effekt auslöst, wenn B später gebaut wird. Aber Vogel A kann ich nur bezahlen, wenn ich Vogel B sofort spiele oder wenn ich erst eine andere Aktion durchführe, die mir aber Zeit kostet und mich die Zwischenwertung kosten könnte. Oder ich spiele Vogel C, was mir ebenfalls einen schönen Bonus bringt und mir erlauben würde A zu spielen, aber dann fehlt mir die Voraussetzung für meinen Bonusauftrag oder ich riskiere es blind einen Vogel vom Deck zu ziehen, mit der Chance, genau das zu bekommen, das mir hilft und dem Risiko Kartenballast auf die Hand zu bekommen… Die Stärke Flügelschlags ist dass dieses Puzzle von der ersten gespielten Karte an klar kommuniziert wird – jede Aktion ist rar und man muss vom Start weg damit haushalten. Jede Partie stehen andere Vogelkombinationen zu anderen Zeiten zur Verfügung, die andere Effekte bieten können. So ist das Puzzle immer neu. Das Puzzle wird zudem nicht durch übermäßig komplexe Regeln oder ellenlange Kartentexte unnötig verschleiert – man weiß, was man will und warum und wo die Fallstricke liegen und dass nicht alles erreichen können wird. Anders als bei vielen anderen Engine Buildern werden die Synergiemaschinen zudem dadurch im Zaum gehalten, dass jede Runde weniger Aktionen zur Verfügung stehen – die vom Spieler geforderte „Rechenleistung“ wächst also nicht wie sonst so oft exponentiell, sondern bleibt in etwa gleich – und das Puzzle bleibt dadurch im gleichen Maße ebenfalls herausfordernd.

Flügelschlag wird oft mit Terraforming Mars verglichen, weil beide eine Kartenbasierte Engine als Kernmechanismus gewählt haben. Nur: Terraforming Mars stellt eben kein klares Puzzle in den Mittelpunkt des Geschehens, sondern die Optimierung von diversen Variablen in Verbindung mit einem Kartensystem, das vor allem darauf abzielt, dass die Spieler den Wert von Karten abschätzen können. Da zudem die Optimierung sehr viel langfristiger angelehnt ist als bei Flügelschlag, ist auch die Zielgruppe eine gänzlich anders – Als jemand der klare Spiele und knackige Spieldauern bevorzugt, fühle ich mich tatsächlich mehr der Zielgruppe Flügelschlags zugehörig.

Das bedeutet nicht, dass Flügelschlag auf ganzer Linie konsequent ist: Als Spiel Amerikanischer Schule dürfen destruktive Elemente nicht fehlen, die das zentrale Puzzleelement etwas unterlaufen. Sorgt das Wegnehmen von Vogelkarten aus der Auslage noch für eine gewisse Spannung und dient zudem als weiterer Faktor, der berücksichtigt werden muss, ist die Unvorhersehbarkeit der Futterwürfel (mit deren Ertrag die Vögel bezahlt werden wollen) in erster Linie ein ärgerlicher Störfaktor, der mehr Frustrationen als interessante Dilemmata erzeugt. Die vom Spiel empfohlene Zwischenwertungsleiste zudem erfordert bei konsequentem Spielen mehr Übersicht gegenüber den anderen Tableaus als vom Spiel unterstützt – was sich aber einfach dadurch beheben lässt, dass man die andere Leiste nimmt, die viel mehr zum Kernmechanismus passt. Auch findet auch Flügelschlag nicht wirklich eine Lösung für das systemimmanente Problem von Puzzlespielen, dass die Downtime mit der Anzahl der Mitspieler ansteigt – Flügelschlag reiht sich da in die Spiele ein, deren maximale Spielerzahl eher eine theoretische als eine praktische Möglichkeit darstellt.

Trotz dieser Kritik macht Flügelschlag das, was die Autorin erreichen wollte und was auch vom Spiel kommuniziert wird. Damit ist es weitaus erfolgreicher als viele andere Spiele, die es damit auch zu Recht hinter sich gelassen hat – sowohl was die Verkaufszahlen betrifft, als auch bei der Wahl zum Kennerspiel des Jahres und auch im Kampf um einen Regalplatz bei mir.

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
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