spielbar.com

Die Stunde der Maus

Autor: Sawyer West

Verlag: Plaid Hat Games /Asmodee

Für 1-4 Spielende ab 10 Jahren

Spieldauer: 60-120 Minuten

Insbesondere im englischsprachigem Spielraum gibt es die Diskussion, ob ein Spielelement „Mechanik“ oder „Mechanismus“ heißen sollte (Mechanic/Mechanisms). Ersteres erweckt eher das Bild einer technischen Maschine, letzteres ist dagegen etwas nicht-physisches, etwas das mehr oder weniger automatisch durch die Umstände passiert („Die Mechanismen des Marktes“). Der Zentralmechanismus bei Die Stunde der Maus ist  jedoch klar eine Mechanik: Es ist ein Zeiger, der physisch vorwärtsbewegt wird.

Dabei handelt es sich nicht nur um einen Rundenzähler, sondern um eine ebenso originelle wie dynamische Art, die Spielreihenfolge zu bestimmen:

Die Stunde der Maus ist -dem eher kindlichen Aussehen zum Trotz – eine Art Worker-Placement-Spiel, bei dem Gegenstände auf den Arbeiterfeldern gewonnen, verteilt und ausgewertet werden, mit einigen Extrafeldern für Aktionskarten und einer Sondersiegpunktleiste. Ohne das erwähnte Zentralelement wäre die Kuckucksuhr nicht nur zeigerlos, sondern auch ohne große Überraschungen, ohne Kuckuck quasi.

Der Witz des Zeigers ist, dass er dazu dient, die Mäuse von ihren aktuellen Positionen auf andere Arbeiterfelder zu bewegen. Zu diesem Zweck kann der Zeiger – wenn er vorbeikommt – betreten bzw. verlassen werden. Gleichzeitig legt er die Reihenfolge fest, in der gehandelt wird: Wer vorne auf dem Zeiger steht, darf als erstes ran, was wichtig ist, um gelegentliche Boni abzugreifen.

Anschnallen! Die nächste Fahrt geht… wieder vorwärts. Es geht immer vorwärts. Weiter immer weiter!

Die Zeigerbewegung erscheint auf den ersten Blick unspektakulär, sorgt aber für eine überraschende und auch recht einzigartige Dynamik. Anders als bei anderen Arbeitereinsetzereien gibt es hier keine einheitliche Reihenfolge unter den Spielenden, aber auch keinen Rhythmus aus Einsetzen und Zurückholen. Stattdessen geschieht ständig beides, in einer recht hohen Taktung –  Da der Zeiger einfach weiterläuft, wenn niemand etwas machen kann, werden Nullphasen einfach übersprungen. Zumindest wenn man nicht gerade in Vollbesetzung spielt, spielt sich diese Stunde dadurch tatsächlich überraschend flott… wenn nicht gerade Personen am Tisch sitzen, die dieses Spiel wie ein herkömmliches Worker-Placement spielen wollen. Der Zeiger sorgt nämlich durchaus dafür, dass das Spiel eher strategisch denn taktisch angelegt ist: Man sollte einen groben Plan haben, was man anstrebt, aber die konkreten nächsten Züge kann man nur so in etwa vorplanen – zu viel kann passieren, zu viel hängt von den anderen ab. Obwohl: Ganz stimmt das nicht: Immer wieder gibt es Phasen, wo eine Maus alleine auf dem Zeiger fährt und entscheidet wo sie abspringt. Auch hier zeigt dass das ryhtmischen Zeigerklicken für eine Wellenbewegung sorgt: Häufungen um bestimmte Singularitäten mit hohem Chaos- und Mausfaktor, gefolgt von Phasen, in denen jemand frei zwischen zwei oder drei Aktionen entscheiden kann (je nachdem wo die Maus aussteigt). Das fühlt sich immer wieder interessant an – das Menschliche Hirn wird durch Abwechslung getriggert.

Die Stunde der Maus ist ein „Pick up and Deliver“, also ein Spiel, wo Dinge eingesammelt und wieder abgeliefert werden. Ohne die Dynamik des Zeigers wäre das sehr herkömmlich – Wertungen, Bonis, Sonderkarten, Aufträge, Jokerrohstoffe… alles schon einmal gesehen. Es wäre auch sehr statisch – ein potentielles Problem dieses Genres ist, dass sie dazu neigen, mit steigernder Spieldauer in Routinen zu verfallen. Die Gefahr ist bei Die Stunde der Maus nicht vollständig gebannt. Aber die Dynamik des Zeigers sorgt das Ziele nicht räumlich sondern zeitlich verschoben werden. Das erfordert entsprechendes Umdenken und Flexibilität – das Salz in der Suppe der Courierdienstspiele.

Man könnte einen eigenen Artikel über das Setting von Die Stunde der Maus schreiben – der Originaltitel Hickory-Dickory verrät, dass es eine spielerische Umsetzung eines Kinderreimes ist. Als Umsetzung ist das Spiel insofern gelungen, als dass Graphik und Elemente das Gedicht visualisieren – inklusive einer Maus, die auf der Uhrkette in die Uhr läuft. Ich würde dennoch nicht von einer thematischen Umsetzung sprechen, denn was wir tun, ist keine leichte Kinderei. Die Stunde der Maus ist klar im  Kennerbereich verortet. Eine tonal passende Umsetzung des Reimes würde sich flott spielen und eine klare Aufgabe und Struktur besitzen. Die Stunde der Maus hat das nicht. Vor der ersten Partie hat man nur wenig Ideen, was man wie eigentlich erreichen können soll. Das liegt partiell an der zentralen Mechanik, die erst ausprobiert werden will, aber auch daran, dass viele Elemente erst einmal gleichberechtigt nebeneinanderliegen und sich erst im Laufe der ersten Partie herausstellt, welche davon zentral und welche eher Beiwerk sind. So richtig transparent arbeitet die Kuckucksuhr da leider nicht. Immerhin konzentriert sich so der Blick auf das was das Spiel antreibt: Die Kernmechanik und ihre Implikationen. Das reicht mir.

Peer Sylvester
Letzte Artikel von Peer Sylvester (Alle anzeigen)