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Colt Express

Verlag: Ludonaute (Vertrieb: Asmodee)
Autor: Christophe Raimbault
Spieleranzahl: 2-6
Alter: ab 10 Jahre
Spieldauer: 40 Minuten

Letztes Jahr habe ich meinen Spiel-des-Jahres-Tipp Splendor vor der Bekanntgabe des Titelträgers rezensiert. Diesmal habe ich abgewartet und diesmal hat die Jury auch m.E. die richtige Wahl getroffen. Von den drei nominierten Spielen bietet Colt Express doch am meisten Spiel im Spiel.

Muss ich tatsächlich noch auf den Inhalt des Spieles eingehen? Colt Express ist spätestens seit der Preisvergabe das am meisten beachteste und rezensierte Spiel des aktuellen Jahrgangs. Wer sich für Brettspiele genug interessiert, um diese Seite zu finden, weiß vermutlich bereits, dass man versucht einen Zug zu überfallen, gewinnt wer am meisten Beute einsammelt und das Ganze in einer Robo-Rally-ähnlichen Programmierung stattfindet. Und viel mehr muss man auch nicht wissen. Ich will mich daher ein bisschen mit Colt Express als Preisträger befassen.

Zu allererst: Glaube ich dass Colt Express das „beste“ Spiel des Jahres ist? Nein. Ist es ein geeigneter Preisträger? Ich denke Ja.

Ich schrieb bereits, dass die Jury dieses Jahr auf Emotionen setzt und Colt Express liefert diese. Aber nicht nur: Da Karten zumindest weitgehend offen gespielt werden ist durchaus auch Taktik im Spiel – zwar behält Colt Express einen gewollten Chaosfaktor, aber man kann durchaus clever und geschickt vorgehen oder eben nicht. Wenigspieler bekommen also mehr als eine simple Würfelei, aber auch nicht so viel, dass sie überfordert werden (und wer etwas weniger Chaos möchte, der kann mit der Fortgeschrittenen-Variante zumindest dem Nachziehglück auf die Sprünge helfen).

Ein weiterer Vorteil: Das Programmieren ist im Familienbereich ein relativ neuer Mechanismus. Und das ist kein Zufall: Programmieren ist eben immer etwas, dass Vorausplanen und Denkarbeit bedingt. Hier allerdings ist dieser Effekt durch das nacheinander spielen etwas abgemildert und damit durchaus auch Familientauglich.

Doch Colt Express ist kein perfekter Preisträger: Weniger als vier Spieler sind absolut nicht empfehlenswert – nicht nur weil es weniger Gegner (und damit weniger Chaos) gibt, sondern auch weil der Zug zu kurz ist, als dass z.B. das Dach zum Tragen kommen würde. Je mehr desto besser, stimmt aber auch nicht ganz: In Vollbesetzung ist das Chaos schon arg hoch und die Lokomotive schon ganz schön weit weg. Ich mag in der Minderheit sein, aber 4-5 sind für mich optimal. Nicht zuletzt auch, weil dann die Figuren nach meinem Empfinden ausgewogener sind. Zu sechst sind Belle und Cheyenne doch deutlich stärker als die anderen.

Der Bonus für den besten Schützen ist in meinen Augen viel zu hoch und entscheidet zu oft das Spiel. Dadurch geht es weniger um das Einsammeln von Geldbeuteln, sondern darum, möglichst immer demselben Spieler in den Rücken zu schießen. Ich spiele eigentlich nur noch mit dem halben Bonus (500$).

Der Zug sieht toll aus und erhöht den Spielspaß. Keine Frage. Aber das wird mit einer Stunde Aufbauarbeit vor der ersten Partie erkauft – direkt unter dem Weihnachtsbaum losspielen ist nicht, zumal ich befürchte, dass einige an dem hier geforderten mittleren Ikea-Niveau verzweifeln.

Dennoch: Colt Express schafft Emotionen und führt Wenigspieler in moderne Mechanismen ein. Es zeigt, was Spiele heutzutage vermögen – und erfüllt damit sein Ziel.

Ein paar Worte noch zur „Gewaltdebatte“, wenn man die denn so nennen will: Ja, es wird geschossen. Nein, gewalttätig ist das Spiel nicht. Gegenüber Colt Express ist Tom & Jerry ein Snuff Movie. Bei Lucky Luke (wohl die Inspirationsquelle) wird – zumindest in den „offiziellen“ Bänden – keiner getötet (in einigen frühen Kurzgeschichten starb auch mal ein Bösewicht). Luke schießt immer nur die Waffe aus den Händen o.ä. In Colt Express passiert nicht einmal das: Der beschossene bekommt eine Patronenkarte in sein Deck. Nicht einmal eine Wundenkarte oder so – nur eine Karte, die sagt „Ich wurde beschossen“. Das könnte man „Gewaltverharmlosung“ nennen, aber eigentlich wird dadurch die „Schießaktion“ zur „Gegner Störaktion“ degradiert und hat mit echtem Ballern so viel zu tun, wie Die Burgen von Burgund mit dem Sanieren und Verwalten von burgundischen Burgen. Wer gegen diese Gewalt ist, ist auch gegen Wasserpistolen. Damit wäre mein Senf vergeben.

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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