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Betrayal at House on the Hill

Verlag: Avalon Hill
Autor: Bruce Glassco
Spieleranzahl: 3-6
Alter: ab 16 Jahre (Spiel ist komplett auf Englisch)
Spieldauer: 60-180 Minuten

Ein kleines Missgeschick verschlägt mich und einige Mitspieler in das Geisterhaus auf dem Hügel. Doch kaum betreten wir das Haus, fällt die Tür hinter uns ins Schloss und lässt sich nicht mehr öffnen. Was jetzt? Na ja, erkunden wir erst einmal das Haus und sehen was passiert…

So stimmungsvoll beginnt eine Partie „Betrayal at House on the Hill“ (im folgenden einfach Betrayal genannt). Anders als bei den meisten deutschen Spielen der letzten Zeit ist diese Einleitung auch durchaus wichtig, denn auf der Skala Abstrakt-Thema liegt diese Avalon Hill-Neuheit ganz weit rechts – so weit wie bei keinem anderen Spiel, das im letzten Jahr auf meinem Spieltisch lag.

Aber wir wollen die tapferen Streiter in der Eingangshalle nicht vergessen! Wie geht’s weiter? Nun, erst einmal wird das Haus erkundet. Dies geschieht ganz einfach durch Anlegen neuer Raumkarten, so wie man es aus Fantasyspielen wie Drachenhort kennt. Zwischendurch gibt es Ereignisse, die Stimmung bringen und die Ausgangslage schön flexibel gestalten. Soweit wäre das Spiel nicht weiter beachtenswert, doch schon bald beginnt die zweite Spielphase: Jedes mal wenn eine Omen-Karte gezogen wird (was beim Betreten bestimmter Räume geschieht) wird gewürfelt, ob der eigentliche Spuk losgeht. Ist das soweit wird – je nach Auslösungsort und -Karte – eines von 50 (!) Szenarios bestimmt, mit dem es weiter geht. Und die haben’s in sich!

Bei jedem Spuk wird einer der Mitspieler zum Verräter und bekommt ein eigenes Heftchen, wo ihm verraten wird, wie es soweit kommen konnte und vor allem, was er jetzt zu tun hat. Außerdem werden ihm in der Regel einige Monster an die Seite gestellt. Die anderen Mitspieler haben nun ein eigenes Heft, mit eigenem Spielziel und z.T. eigenen Regeln, die sie beachten können. Der Gag ist: Keine Partei hat die Informationen der Gegenpartei! Also tappt man ein bisschen im Dunkeln, was die anderen für ein Ziel verfolgen.

So kann es z.B. sein, daß plötzlich im Erdgeschoss einige Dämonen nebst Oberdämon auftauchen. Die Gruppe der Nicht-Verräter (im Spiel „Helden“ genannt“ müssen sich nun beraten – Was tun? Da sich die Charaktere in vier Werten unterscheiden, sind einige Planungen möglich. So könnte der Professor zum jüngst entdeckten Safe geschickt werden, da er das nötige Wissen hat, diesen zu knacken. Der Football-Spieler könnte versuchen die Dämonen vom jüngst entdeckten Pentagramm-Raum im Keller fernzuhalten (Zwar wissen die Helden nicht, ob die Dämonen dieses Ziel haben, aber da sich die Szenarios oft an klassischen Horror-Genres orientieren, kann man zumindest erste Vermutungen aufstellen), während der dritte Spieler erst einmal weiter neue Räume erkundet.

Der Verräter muss sich natürlich alleine für eine Taktik entscheiden. Dafür hat er einige neue Fähigkeiten bekommen, die ihm helfen seine Aufgabe zu erledigen. Außerdem steuert er natürlich alle aufgetauchten Monster. Diese können im Gegensatz zu den Menschen im Haus nicht sterben, bestenfalls aufgehalten werden.

Natürlich gewinnt, wer seine Aufgabe als erstes erledigt. Die Aufgaben können recht einfach gestrickt sein („Tötet alle Mitspieler“), aber auch etwas komplizierte Vorgänge beinhalten und sind generell sehr abwechslungsreich gestaltet und stimmungsvoll in das jeweilige Spiel eingebettet. Zudem sind die Spannungsbögen fast immer optimal: Die Ereignisse spitzen sich immer weiter zu und bis zuletzt ist offen, wer die Oberhand behalten wird.

Für mich ist Betrayal eines der innovativsten Spiele der letzten Jahre. Das „Feeling“ entspricht dem eines guten Computeradventures und ist selbst dann noch spannend, wenn der eigene Charakter vorzeitig das Zeitliche gesegnet hat.

Das Spielsystem bedingt allerdings dass es einen Haufen Regelfragen gibt, die z.T. nicht eindeutig geklärt werden können. Aufgrund des Realismusgehaltes des Spieles, konnte man sich aber in meinen Runden bislang immer recht schnell auf eine „logische“ Lösung einigen. Außerdem muss klar sein, daß Betrayal natürlich kein Strategiespiel im klassischen Sinne ist. Natürlich sind Taktiken möglich, aber es wird auch viel mit Würfeln und Karten entschieden und gerade die erste Spielhälfte beschenkt die Spieler z.T. sehr unterschiedlich. Dennoch ist aufgrund des Teamplays und des „Lösen“ des Szenarios deutlich mehr Taktik „drin“ als bei vergleichbaren Spielen wie „Rückkehr der Helden“ oder „Talisman“. Wer jedoch abstrakte Strategie erwartet ist fehl am Platze. Schach ist Betrayal nun einmal nicht.

Die Ausstattung ist sehr ordentlich, auch wenn man natürlich nicht erwarten sollte, dass die Minaturen-Flut einem HeroQuest oder Doom entspricht; die Monster sind auf Countern dargestellt, was sich aufgrund der atmosphärisch gestalteten Räumen und Karten aber verschmerzen lässt. Ärgerlicher sind da schon die zahlreichen Druckfehler im Regel- und Szenarioheften, zudem man die Erratas ja schlecht ausmerzen kann, ohne sich den Spaß zu verderben. Wer sich die deutschen Texte hier auf www.spielbar.com herunterlädt hat aber Glück gehabt, da dort die meisten Fehler bereits ausgemerzt sind.

Vorsicht Lobpreisung: Betrayal at House on the Hill ist für mich ein wahr gewordener Traum. Als Fan der klassischen Adventures habe ich immer wieder nach einem Spiel gesucht, dass diese Atmosphäre vom Computer auf das Brett überträgt, ohne zu einem Solospiel zu werden. Betrayal erfüllt genau das: Man will den Fall lösen (bzw. als Verräter ein Ziel erreichen) und ist wirklich gespannt, wie sich die vom Spiel erzählte Geschichte entwickelt. Einzigartig! Das Tüpfelchen auf dem i: Da die Szenarien im allgemeinen an die Spieleranzahl angepasst werden sind alle Kombinationen von 3 bis 6 Spielern gleich gut möglich und selbst bei hohen Spielerzahlen übersteigt die Spieldauer niemals die absolut maximalen 3 Stunden. Zu viel Lobhudelei? Mir egal! Betrayal ist ein Spiel, das es wahrhaft wert ist gekauft zu werden (Schon allein, damit mehr Spiele dieser Art erscheinen), da spiele ich gerne mit meinem Ruf als ernstzunehmenden Rezensenten…

Ach ja, unseren Freunden gelang es übrigens das Unglück abzuwehren und die Dämonen zurück in die Hölle zu jagen. Wie das gelang und ob der Pentagrammraum was damit zu tun hatte, soll an dieser Stelle nicht verraten werden…

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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