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Architectura

Verlag: Game Brewer / Hobby Games
Autor: Pavel Atamanchuk
Spieleranzahl: 2-4
Alter: ab 8 Jahren
Spieldauer: Etwa 10 Minuten pro Spieler

Gleich auf dem ersten Blick sieht man, dass Architectura ein wichtiges Kriterium für ein Legespiel erfüllt: Es sieht gut aus. Die Graphik ist schick, lenkt aber nicht von den wesentlichen Dingen ab. Das sind nämlich – anders als bei den meisten Legespiele – nicht die graphischen Elemente, sondern es sind die Kartenwerte.

Statt wie so oft eine Landschaft zusammen zu puzzeln, ist der Einsatzort einer Karte hier sehr eng begrenzt: Die Reihen müssen linksbündig gehalten werden und es gibt maximal so viele Reihen wie es Mitspieler gibt. Nur gelegentlich wird ein zusätzlicherer Platz innerhalb der Reihe frei und bildet so einen alternativen Ablageplatz. Daher kommt es bei diesem Legespiel ungewöhnlicherweise nicht so sehr auf den Ort an, an dem man anlegt, sondern vielmehr nur auf die Karte, die abgelegt wird. Die Karten beeinflussen die Auslage auf zwei Arten: Einmal ist da der erwähnte Kartenwert: Ist dieser Wert höher als die Karte davor, so wird diese abgewertet (oder sogar umgedreht, wenn die neue Karte viel höher ist), ist der Kartenwert aber niedriger, so wird die Nachbarkarte im Wert aufgewertet – Da die Kartenwerte bei Spielende Siegpunkte zählen wird man das vor allem bei einer eigenen Karte machen wollen sofern möglich. Das sorgt durchaus für interessante Dilemmata, denn hohe Karten werden zwar schnell aufgewertet, aber die niedrigen müssen ja auch irgendwann gespielt werden und stehen in ständiger Gefahr zerstört zu werden. Außerdem sind bei den niedrigeren die Sprünge zwischen den Werten oft größer, weshalb eine Aufwertung lohnt – die aber eine noch niedrigere Karte bedingt. Dennoch reicht dieser originelle Mechanismus natürlich nicht für ein interessantes Spiel aus, zumal man oft nur die Wahl zwischen zwei Ablageplätzen hat – und manchmal nicht einmal das! Also haben alle Karten noch eine Sonderaktion, die beim Legen genutzt wird und die das Umlegen, Drehen und gar zerstören von Karten erlaubt. Damit fühlt sich Architectura tatsächlich mehr an wie ein aggressives Sammelkartenspiel á la Magic oder Keyforge denn wie ein Legespiel. Dazu passt, dass man Architectura am besten zu zwei spielt – zu dritt oder gar zu viert dauert das Spiel schlicht zu lange, dafür dass Strategien praktisch nicht möglich sind, weil zu viel Chaos passiert, bis man wieder dran ist. Das ist aber nicht schlimm – ein kurzweiliges Sammelkartenlegespiel hätte definitiv seine Nische. Und tatsächlich bietet Architectura eine kleine Deckbaumöglichkeit durch Austausch von Karten – sogar unterschiedliche Karten für jede Spielerfarbe, so dass asymmetrisches Spiel möglich wird.

Leider sind die Effekte selber im Großen und Ganzen nicht allzu originell, sondern zu 90% das was man erwarten wird: „Vertausche zwei Karten“ etwa, oder „Drehe eine“. Vor allem aber ist der Chaosfaktor selbst zu zweit recht hoch, dass auch erfahrenere Spieler doch ziemlich von der Hand in den Mund leben müssen. Gegen langfristige Planungen spricht auch die geringe Anzahl an Anlegemöglichkeiten – ich kann nicht besonders geschickt spielen, wenn ich nur an einen Platz anlegen kann. Zu viert gibt es zwar häufiger umgedrehte Karten, die sind aber in der Regel voll, bis ich wieder dran bin, so dass es pro Person nicht mehr Legemöglichkeiten gibt. Daher bin ich dann von meiner Hand abhängig (die ich immerhin einmal pro Spiel austauschen kann). Liegt zudem der Tempel, mit dem ich einen Doppelzug durchführen kann, unten im Deck, ist das ein Nachteil, denn es sind niemals genug Plätze für alle Karten da. Klar, kann ich den nach oben holen, wenn ich das merke – aber eben nur, wenn ich nicht schon eine nutzlose Hand weggeworfen habe – z.B. weil ich als Startspieler nur Karten auf der Hand habe, die bereits liegende Karten beeinflussen würden.

Ein Mitspieler meinte: „In den 80er Jahren wäre das Spiel eine Sensation gewesen!“. Das ist zweifelsfrei richtig. Auch in der legendären Kosmos-Zweierreihe hätte es gut reingepasst. Doch die Spielewelt hat sich nun einmal weiterentwickelt und nur ganz konsequent auf einen Fokus designte Spiele haben eine Chance wahrgenommen zu werden. Bei Architectura ist dieser Focus zu unscharf, die Effekte zu herkömmlich und alles andere zu übertünchend um wirklich zu begeistern.

 

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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