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The Estates

Verlag: Capstone Games, Simply Complex
Autor: Klaus Zoch
Spieleranzahl: 2-5
Alter: ab 10 Jahren
Dauer: 40-60 Minuten

The Estates* von Klaus Zoch (Autor von Zicke, Zacke, Hühnerkacke) ist ein einfach verständliches Bietspiel welches vor allem dadurch glänzt, dass die kluge Verknüpfung der einzelnen Spielschritte immer wieder zu kniffligen Entscheidungen führt. Es bleibt aber auch in Erinnerung, weil diese Entscheidungen spürbare Konsequenzen haben.

Visuell hat The Estates eher den Charme eines hochwertigen Kinderspiels. Die Holzwürfel, auf die im Laufe des Spiels vornehmlich geboten wird, sind in kräftigen Farben gehalten. Die Zahlenwerte, die groß auf ihnen zu sehen sind, erinnern an Rechenspielzeug aus dem Kindergarten. Ein Holzwürfel (der eine Etage eines Gebäudes darstellt) wird vom aktiven Spieler ausgesucht, es wird reihum darauf geboten und anschließend darf der Bietsieger diesen Stein auf dem Spielbrett platzieren.

Während des Spielablaufs ertappt man sich jedoch schnell dabei mit ziemlicher Intensität auf die Gebote und Entscheidungen der anderen Spieler zu reagieren. Denn The Estates ist ein Spiel bei dem man gemein sein muss, gemein sein kann und gelegentlich gemein sein will. Das vertraute Ringen um Siegpunkte findet hier in deutlich verschärfter Form statt. Zum einen können errungene Siegpunkte später noch von anderen abgenommen werden. Zum anderen kann es passieren, dass man zum Spielende die Vorzeichen eben jener Siegpunkte umdreht. Aus den 14 Siegpunkten können auf einmal -14 Siegpunkte werden.

Dadurch ist The Estates über weite Strecken ein sehr spannendes und unter Umständen auch nerven-aufreibendes Spiel. Punkte, die man sicher wähnt und die man sich teuer erkauft hat, können im Handumdrehen von einem Konkurrenten gestohlen werden. Das weckt bei manchen Spielern Ehrgeiz und Spielfreude, bei anderen aber eher Verbissenheit und Frustration. The Estates ist kein Spiel, welches man ohne Vorwarnung oder Vorbereitung mit jeder Gruppe spielen kann.

Wie gemein kann so ein brav aussehendes Spiel schon sein?

Dabei schlummert unter dem Bieten und Schachern um Wohnhäuser ein beeindruckend elegantes Regelwerk. Mit hoher Präzision werden den Spielern Entscheidungsmöglichkeiten gegeben, welche sich spürbar auf die Spielsituation auswirken. Jeder zur Versteigerung frei gegebene Spielstein beeinflußt die Punktebalance zwischen den Spielern merklich. Jeder Sonderspielstein verschärft das Risiko aller das Spiel mit Minuspunkten zu beenden. Jede Bietrunde liefert den Spielern eine kurze Knobelaufgabe in der man nicht nur einschätzen muss wie wichtig ein Stein einem selbst ist, sondern auch wie wichtig er den anderen sein wird. The Estates ist ein Spiel bei dem der Kopf nie zur Ruhe kommt.

Denn ein weiteres Detail, welches The Estates zu so einem runden Design macht, ist der geschlossene Geldfluss mit dem die Versteigerungen stattfinden. So beginnt jeder Spieler mit der gleichen Summe an Geld (bzw. von Kickstarter-Backern unterschriebenen Schecks) und bezahlt den Versteigerer bzw. den Höchstbietenden selbst, wenn es um das Recht geht den nächsten Spielstein zu platzieren. Der politische Seitenhieb der sich in dem Zusammenspiel zwischen Regelmechanismus und Spielthema versteckt, zündet vermutlich am Ehesten bei Gruppen, die zumindest ein rudimentäres Verständnis von Sozialwirtschaft besitzen.

Ähnlich wie bei High Society – einem ähnlich kniffligen aber sehr viel leichtfüßigeren Bietspiel von Reiner Knizia – zielt jedes Gebot darauf einen anderen Spieler herauszufordern, basiert auf strategischem Kalkül und ist von der Gier nach Siegpunkten angetrieben. In diesem Spiel jedoch steuern alle Spiele mit offenen Augen auf das Spielende zu. Das Ende zeichnet sich einige Züge im Voraus ab. Nicht selten wird am Ende deshalb noch versucht sich gegenseitig in den Dreck zu ziehen und Minuspunkte zu erschaffen. Dieses Piesacken kann für viel Gelächter sorgen, es kann aber auch demotivieren, wenn die eigenen Vorhaben immer wieder durchkreuzt werden.

The Estates ist trotz seiner Aufmachung kein entspanntes Spiel. Es ist trotz seiner Thematik kein Spiel, bei dem das effizienteste Häuser bauen am Ende belohnt wird. Aber es sind gelungen entworfene 40-60 Minuten in denen allein der hemmungslose Wettkampf zwischen dem Spielern im Mittelpunkt steht.

 

 

 

 

* – Bei diesem Spiel handelt es sich um die aktuelle, durch Kickstarter ermöglichte, Neuauflage von Neue Heimat, welches erstmalig 2007 erschien. Die Unterschiede zwischen den beiden Version sind vernachlässigbar und auch visuell ist die neue Version sehr nahe am Original.

Georgios Panagiotidis

Einst als Podcaster unterwegs, schreibe ich nun über mein liebstes Hobby: Brettspiele in all seinen Variationen, Facetten und Eigenarten.
Georgios Panagiotidis