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Switch & Signal

Verlag: Kosmos
Autor: David Thompson
Spielerzahl: 2-4
Alter: ab 10 Jahren
Dauer: ca. 45 Minuten

Als Student habe ich ein Jahr lang in einem Museum gearbeitet, in dem unter anderem auch Lokomotiven ausgestellt waren. Die Besucher waren unterschiedlichsten Alters und ihre Begeisterung für diese eisernen Ungeheuer hat sich mir nur in groben Zügen erschlossen. Also habe ich einen der regelmäßigen, etwas rüstigeren Besucher gefragt, warum diese Maschinen so eine Faszination auf ihn ausübten. Er erzählte mir von seiner umfangreichen Modelleisenbahn und sprach mit zunehmender Leidenschaft (und tiefgehender Fachkenntnis) wie er sich an der Organisation, den Abläufen und der Logistik eines Eisenbahnnetzes erfreute.

Switch & Signal ist ein Spiel, welches nun genau diesen Reiz in einem Brettspiel zu kommunizieren versucht. Es geht darum das Schienenetzwerk Europas (bzw. Nordamerikas) zu nutzen, um Waren zu transportieren. Durch gut abgesprochenes Kartenspiel arbeitet man zusammen, um im richtigen Moment Weichen zu stellen, Züge fahren zu lassen und so Güter unspezifischer Art sicher und pünktlich zum internationalen Großhafen zu bringen.

Betrachtet man Switch & Signal im Kontext eines Modelleisenbahnfreundes so ergeben viele der Designentscheidungen einen Sinn. Die spielerische Herausforderung ist nicht trivial, aber etwas Spielerfahrung und gutes Zusammenspiel, führt oft zu einem erfolgreichen Abschluss der Partie. Das mag für viele Brettspieler und auch der Hardcorefraktion unter den Kooperations-Fans ein Nachteil sein. Stellt doch für sie die Herausforderung, das Ringen um Sieg und der damit verbundene Nervenkitzel den eigentlichen und wahren Reiz des Spielens dar. Aber wie man auch bei einer Modelleisenbahn nicht versucht die meiste, beste oder schnellste Eisenbahn abzuliefern, lädt auch Switch & Signal eher dazu ein, sich am sauberen Zusammenspiel und der reibungslosen Koordination zu erfreuen. Die Momente in denen Switch & Signal am meisten Spielspaß auslöst sind nicht das Abwenden einer sicher geglaubten Niederlage, sondern der souveräne Umgang mit Komplikationen.

Züge und Güter im Pariser Umfeld

Andere Spielkonzepte leben von ihrer hohen Variabilität. Sie locken mit unvorhersehbaren Wendungen und ungewöhnlichen Situationen, die es zu meistern gilt. Aber gerade das Vertraute und Verlässliche von Switch & Signal ist der Grund weshalb Spielende sich für eine weitere Runde an den Tisch setzen.

Es ist ein Spiel welches Zuflucht verspricht, weil es eine kleine, heile Welt bietet. Es stellt die Spielenden vor Probleme, die sie bewältigen können und eine Aufgabe welche sie gemeinsam zu einem positiven Ende führen. Die emotionale Bandbreite eines Spiels kann und darf auch mehr sein als nur Adrenalin, Herzschlag und große kognitive Anstrengung. Manchmal ist es gerade das Vertraute und Kontrollierbare, was das gemeinsame Spielen zu einer wohltuenden Erfahrung macht.

Die einzigen Schwächen die Switch & Signal wirklich aufweisen kann, ist das etwas generische Spielmaterial. Gerade im Hinblick auf die Leidenschaft vieler Eisenbahnfreunde, hätte ein Blatt mit den Eckdaten der unterschiedlichen Lokomotiven, ihrer Bezeichnungen oder auch Historie den Liebhabercharakter des Spiels nach vorne gestellt. Statt der austauschbaren Züge in drei Farben, hätten detailliertere Modelle, Identifikationsnummern und ähnliche Feinheiten aus Switch & Signal etwas wirklich besonderes gemacht. Vermutlich steht hier die Realität einer Brettspielproduktion der Eisenbahn-Träumerei im Wege.

So bleibt mir bei einer Runde Switch & Signal nur die Erinnerung an den älteren Herren mit seiner Modelleisenbahn, der mich damals über eine Stunde an seiner Leidenschaft teilhaben ließ. Ich denke er würde sich in Switch & Signal wiederfinden.

Georgios Panagiotidis

SPIEL.digital

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