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Save Patient Zero

Verlag: Helvetiq
Autor: Cédric Martinez
Spielerzahl: 1-7 (besser 1-2)
Alter: ab 10 Jahren
Spieldauer: 30-45 Minuten

Die Stärke eines guten Themas hängt nicht allein davon ab, wie gut es sich um die Regelmechanismen legt und sie so greifbar macht. Ein nicht unwichtiges Element ist auch die Frage, ob sich die Spielgruppe etwas darunter vorstellen kann. Es ist kein Zufall, dass es kein Spiel gibt, in denen man möglichst eindrucksvoll Schuhe neu besohlen muss. Die letzten Jahre unter Corona haben uns dahingehend zumindest den Themenbereich Virologie etwas vorstellbarer gemacht.

Save Patient Zero greift nun dieses Thema auf, und rahmt sein knobelige Herausforderung in die Bestimmung eines Virus ein. Das bedeutet in der Praxis, dass man aus einer festen Anzahl an möglichen Formen (stellvertretend für einen Virus) die eine ermitteln muss, die durch die App oder wahlweise einer Person, die die Aufgabe der App übernimmt, ausgewählt wurde. Dafür stehen verschiedene Aktionen zur Verfügung, welche mal mehr und mal weniger Informationen auswerfen. Diese gilt es zu kombinieren und Schlüsse daraus zu ziehen, bis man die richtige Lösung ermittelt hat.

Die Arbeitsstation eines Brettspiel-Virologen

Oder um es anders zu sagen: Save Patient Zero ist eine Rätselaufgabe. Das soll jedoch nicht als Abgrenzung zu einem „richtigen“ Spiel verstanden werden. Es ist schlicht ein Spiel, welches einem ein Rätsel bietet. Dummerweise gibt es in der Szene eine lautstarke Gruppe, die hier gerne eine Grenze ziehen würde, weshalb sich Designer Cédric Martinez wohl genötigt gefühlt hat dem Spiel einen kompetitiven Anstrich zu verpassen. So ist es bei Save Patient Zero nicht damit getan, dass man das richtige Virus identifiziert. Man muss es auch schneller, d.h. in weniger Zügen, als das gegnerische Team schaffen.

Das Resultat ist ein überraschend unbefriedigendes Spielerlebnis. Die Informationen, welche die App ausgibt, können sehr stark variieren. Das wiederum bedeutet, dass sich ein schnelleres Vorankommen nicht selten nach einem glücklichen Zufall anfühlt. Das gibt Sieg wie auch Niederlage einen schalen Beigeschmack, weil sich beide eher unverdient anfühlen.

Im Gegenzug dazu funktioniert Save Patient Zero als Solospiel in seinen Grundzügen aber recht gut. Wenn eine Aktion überraschend nützliche Informationen ausgibt, so fühlt sich das wie ein dankbarer Durchbruch an. Gerade auch weil man nach ein paar Partien merkt, wie oft man eben auch mit leeren Händen dastehen kann. Diese Glücksmomente können durchaus motivieren und verlocken mal eine völlig abwegige Strategie zu versuchen.

Das anfangs erwähnte Thema wird hier jedoch denkbar ungeschickt eingebracht. Die Aktionsbezeichnungen, welche vermeintlich für Atmosphäre sorgen sollen, leisten thematisch nur wenig. Anstatt die Spielentscheidungen zu stützen und sie greifbar, also verständlicher zu machen, hat man das Gefühl Fachvokabeln lernen zu müssen, um sich zu merken welche Aktion eigentlich welche Art der Information liefert. Die Begriffe klingen unterhaltsam, aber sie kommunizieren zu wenig, um ein schlüssiges Spielgefühl zu formen. Leider hat auch die App einige Makel im User Interface, die das Spiel zwar nicht kaputt machen, aber ihren Teil dazu beitragen, dass kein angenehmer Spielfluss entsteht. Selbst nach meiner 12. Partie, muss ich noch immer nachschlagen was eine Aktion eigentlich macht und mich auf der App kurz orientieren wie ich eigentlich was auswähle, damit ich zu einem Ergebnis gelange.

Save Patient Zero ist auf den ersten Blick eindrucksvoll produziert, aber in der praktischen Anwendung nicht auf leichte und intuitive Bedienung optimiert. Man hat zu oft das Gefühl, dass man nicht nur gegen die Herausforderung des Spiels ankämpft, sondern auch gegen das Produktdesign.

Um diese Aktionsübersicht zu verinnerlichen, braucht man einiges an Zeit

Das ist nicht zuletzt deshalb so bedauerlich, weil das Spielkonzept robust ist und klar Potential besitzt. Wenn ich nicht zu genau hingeschaut habe, habe ich in Solopartien durchaus Spaß gehabt. Ich habe Aktionen gewählt, um vielleicht diese oder jene Information über das Virus in Erfahrung zu bringen. Mal mit Erfolg, mal gab es kaum verwertbares Wissen. Als leichte Zerstreuung im Stile eines Sudokus oder auch einer Partie Solitaire war Save Patient Zero vollkommen ausreichend.

Aber diese entspannende Knobelei erweckte bei mir nicht das Gefühl, es würde etwas auf dem Spiel stehen. Selbst der Wettlauf gegen ein gegnerisches Teams ist aus erwähnten Gründen nur ein ungenügendes Mittel, um Spannung zu erzeugen. Auch die Einschränkungen, die durch die zufällig gewählte „Disrupto“-Karten entstehen, machen das Spiel umständlicher, aber nicht riskanter. Es gibt ganz einfach keinen Grund ehrgeizig zu spielen. Im Großen und Ganzen wirkt Save Patient Zero wie ein eilig vor der Deadline eingereichte Hausarbeit, die vielversprechend genug ist, um die Note „ausreichend“ zu erhalten. Aber leider nicht genug Sorgfalt in der Ausführung aufweist, um sie wirklich zu loben.

Die besten Chancen zu gefallen hat Save Patient Zero in dieser Form am ehesten als Solospiel. Denn im Bereich des kompetitiven Deduktionsspiels gibt es derzeit schlicht und ergreifend zu viel Konkurrenz, gegen die es sich nicht behaupten kann.

Georgios Panagiotidis
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