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High Risk

Verlag: Iello
Autoren: Trevor Benjamin/ Brett J. Gilbert
Spieleranzahl: 2-4
Alter: ab 8 Jahre
Spieldauer: ca. 5 Minuten pro Spieler

Hohes Risiko gehe ich ja im wahren Leben selten ein. Selbst das Risiko  „Rezensionsexemplare von Spielen über die ich gar nichts weiß anfordern“ scheue ich und das ist ja durchaus noch ziemlich überschaubar. Das schlimmste was passieren kann, ist dass ich einen Verriss schreiben muss.

Und mittlerweile schreibe ich wirklich sehr ungern Verrisse.

Es ist nicht nur so, dass ich mich nicht gerne mit einem Spiel, das ich nicht mag, länger befassen muss, es ist vor allem so, dass im allgemeinen niemand etwas von einem Verriss hat; Die Autoren und der Verlag, mit Sicherheit nicht – die haben viel Arbeit (mehr oder weniger jedenfalls) in ein Spiel gesteckt und bekommen dafür eines auf die Mütze. Der Leser wird gewarnt, aber das ist nur ein Plus, wenn er überhaupt vorhatte, sich das Spiel zuzulegen. Und ich als Autor könnte mir eine Katharsis vom Leibe schreiben, aber eigentlich ist so ein Verriss immer mehr Arbeit, als er wert ist.

Insofern war das Anfragen von High Risk schon ein kleines Risiko. Zumal es ein Can’t Stop-Würfelspiel mit Bergsteigerthema ist und eines der besten Würfelspiele aller Zeiten – Can’t Stop – hatte auch schon mal ein Bergsteigerthema. Ein schweres Erbe! Aber ich dachte: Hey, mal ne kurze Würfelei, noch dazu ist der von mir geschätzte Kollege Brett Gilbert Co-Autor: Was kann da schon schiefgehen?

Das Spiel kam an, die Schachtel ist klein und die Figuren klasse. Spiel aufgemacht, Regeln gelesen, Spiel gespielt: Zugspieler würfelt mit 6 Würfeln, legt Wolken und Berge raus und würfelt Blitze noch mal. So lange bis er entweder aufhört und für jeden Berg ein Feld vorgeht oder er nur Blitze würfelt und er eine seiner drei Figuren zurücksetzen muss oder alle Würfeln Nicht-Blitze zeigen und er gemäß den Bergen vorsetzt UND dann sofort noch einmal an der Reihe ist.

10 Minuten später:  Regeln noch einmal durchgelesen: Das kann doch nicht alles gewesen sein? Wo ist das Spiel? Wo ist die Originalität? Und warum braucht die Anleitung 11 Din A6-Seiten um diesen einfachen Spielverlauf darzustellen?

Und die Erkenntnis: Da ist wirklich nicht mehr. Und da kam dann auch nach weiteren Versuchen nicht mehr.

High Risk ist kein schlechtes Spiel im ursprünglichen Sinne; Es funktioniert. Aber mir ist es ehrlich gesagt ein Rätsel, warum es existiert. Ja, es ist fast ein Ärgernis, dass es existiert, wenn andere Spiele, die ich im Prototypenstauts kenne, es nicht tun. Es gibt hier keinen Mechanismus, bei dem man denkt: „Oh, das ist aber interessant!“. Alles kennt man und vor allem: Alles kennt man besser.

Ein Can’t Stop-Spiel lebt von der Frage: „Wann höre ich auf?“, aber die Frage stellt sich hier kaum. Wenn man mehr als drei Würfel noch mal werfen darf, wird man das tun. Bei weniger als drei hängt die Antwort davon ab, wie viele Schritte man vorwärts setzen darf. Nur wenn ein Würfel übrig bleibt ist die Frage: Riskiere ich es? Und dann hat man eben eine 50:50-Chance  auf entweder „Zug vergeudet“ oder „Bonuszug“ und das ist doch ziemlich banal – zumal die Entscheidung zu 90% davon abhängt, wie viele Bergspitzen man gewürfelt hat und wie man steht. Hintenlieger werden eher riskieren, Vornelieger eher auf Sicherheit spielen.

Man kann natürlich zu Recht einwenden, dass High Risk nur ein kleines Spiel sein will, ein Opener, ein Absacker eine Zwischendurch-Würfelei und man hat recht damit. Aber es ist nicht das einzige Spiel dieser Art. Es ist nicht einmal das einzige Würfelspiel dieser Art: Vom exotischen Birth über das Spiel des Jahres Bluff oder der Choice-Neuauflage Can’t Stop Express fallen mir zahlreiche kurze Würfeleien ein, und da sind die Roll and Writes noch gar nicht mit drin, geschweige denn Nicht-Würfelspiele, wie Legendary Forests aus dem selben Verlag. Ich wüsste nicht, wann ich High Risk spielen sollte. Ich wüsste nicht, wem ich High Risk empfehlen würde. Also kann ich es nicht empfehlen. Und ich fühle mich schlecht damit. Aber ich bin das Risiko eben eingegangen und hatte daher mehr Arbeit mit dem Spiel als es wert war. Dabei habe ich mir nicht mal die Katharsis vom Leibe geschrieben. Selbst schuld!

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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