Autor: 居椿善久 (Yoshihisa Itsubaki)
Illustratorin: Akimi Kawakami
Verlag: Hobby Japan
für 3-6 Spieler*innen
ab 8 Jahren
Dauer: 15 Minuten
Die Phrase „zwischen den Zeilen zu lesen“ ist, wenn man sie wortwörtlich versteht, hoch amüsant. Schließlich steht in Büchern ja ausdrücklich nichts zwischen den abgedruckten Zeilen. Es bedarf Kontextwissen und ein sprachliches Gespür für Anspielungen, Doppelbödigkeit und Nuancen, um einen Sinn im gedruckten Text zu erkennen, der über die lesbaren Worte hinaus geht. Überträgt man diese Idee auf ein Brettspiel, müsste man vielleicht von „zwischen den Handlungen“ sprechen, wenn man vergleichbares versucht. Wenn man also Kontextwissen und ein Gespür für Anspielungen und Nuancen anwendet, um einen Sinn in einem Spiel zu erkennen, der über das Offensichtliche hinausgeht.
Dice Democracy ist ein Spiel, welches offensichtlich und nach eigener Aussage ein Partyspiel ist, in dem es um Abstimmungen geht. Konkret wird darüber abgestimmt, welche Zahl am Häufigsten unter den geworfenen Würfeln in der Spielschachtel zu sehen war und welche am Seltensten. Diese alles entscheidenden Würfel sind jedoch nur wenige Sekunden (d.h. weniger als drei) nachdem sie geworfen wurden sichtbar, bevor sie umgehend verdeckt werden. Anschließend wird abgestimmt, welche Zahl am Häufigsten und welche Zahl am Seltensten zu sehen war. An sich ist das schon das gesamte Spiel. Ein kurzer Zeitvertreib für Menschen mit guten Augen und schneller Reaktion.

Gäbe es da nicht die Sache mit der Mehrheitsentscheidung: der im Titel erwähnten „Demokratie“. Denn in Dice Democracy (die wörtliche Übersetzung des japanischen Titels) setzt sich die Ansicht der Mehrheit durch. Das bedeutet, dass die größere Zahl an Spieler*innen mit gleicher Meinung, Punkte erhalten. Wer eine Minderheitenmeinung vertritt, geht leer aus. Dann geht es in die nächste Runde und die verdeckte Schachtel wird nochmal gut durchgeschüttelt, bevor man die Würfel wieder heraus nimmt und erneut wirft.
Wer nun beim Offensichtlichen bleibt, mag sich fragen wie man auf diese Weise feststellen soll, wer denn nun „Recht“ hatte und die Punkte wirklich verdient hat. Für diese Spieler*innen ist die Möglichkeit, die Mehrheitsentscheidung anzufechten, eine zwingende Phase in jeder Runde. Wie soll es denn sonst fair zugehen? Dank eines tadellosen Gespür für Dramatik und Theatralik liegen dem Spiel zwei Schaumstoff-Stäbe (in Gießkannen-Grün und Traubensaft-Lila) bei. Diese Stäbe kann man mit gebührender Ernsthaftigkeit ergreifen und so dem eigenen Einspruch gegen den Mehrheitsentscheid politische Macht verleihen. Denn dann folgt eine Offenlegung der Würfel, eine Auszählung vor aller Augen und eine Belohnung bzw. Bestrafung per Siegpunkten. Dieser Schritt ist jedoch kein fester Bestandteil eines Rundenablaufs, und kostet sogar Punkte, sollte man sich irren.
Wer hier „zwischen den Zeilen“ liest, erkennt aber genau darin das spielerische, humoristische und auch sozialkritische Potential dieses Spiels. Denn wie es in demokratischen Prozessen üblich ist, sind verifizierbare Fakten und Mehrheitsmeinungen nicht zwingend deckungsgleich. Oft spielt rhetorisches Feingefühl und gut projizierte Selbstsicherheit eine fast genauso große Rolle wie die eigenen Überzeugungen. Um Punkte zu machen will man der Mehrheit angehören. Aber welche Meinung vertritt die Mehrheit denn genau? Wohl gemerkt, es geht hier um die Mehrheit am Tisch, um die politischen Entscheider sozusagen. Es geht eben gerade nicht um die Mehrheit der Würfelwerte, für deren Begutachtung maximal drei Sekunden Zeit bleiben. Für den Fall, dass die Augen und Reflexe der Mitspielenden doch zu gut sind, um sich täuschen zu lassen, bietet Dice Democracy auch einige zusätzliche Regeln. Mit diesen muss man auch noch zwischen Farben und Größen der Würfel unterscheiden, um die Lage „richtig“ zu lesen. So werden wir schnell an unsere Grenzen gebracht und müssen auch darauf vertrauen was die anderen meinen gesehen zu haben.

Entsprechend muss man bei Dice Democracy „zwischen den Handlungen“ lesen, denn dort findet das eigentliche Spiel statt. Hier kann das gewieft eingesetzte rhetorische Manöver die strenge Formalität der regeltreu Spielenden überlisten. Meinungsstarke Argumentation ringt um die Deutungshoheit über die objektive Wahrheit. Das Ergebnis findet zumindest bei Menschen, die noch die mentale Widerstandsfähigkeit besitzen Nachrichten zu verfolgen, derart deutliche Vergleiche, dass man wahlweise laut auflacht oder zumindest die Augenbrauen weit nach oben zieht. Wenn die Mehrheitsmeinung sich durch leidenschaftliche Reden manipulieren lässt, dann mutet das manchmal doch einen Tick „zu ehrlich“ und „zu ungeschönt“ an.
Aber gerade diese Momente machen Dice Democracy zu so einem erinnerungswürdigen Spielerlebnis. Wie die besten Spiele ragen die Ereignisse über den Spieltisch hinaus und wirken wie ein quietschendes Echo realer Situationen, Zustände und Stimmungen. Man erkennt einen Fünkchen Wahrheit in dem was man hier zum Spaß tut, und schmunzelt nickend vor sich hin. So wie man es vielleicht von gelungenem Kabarett kennt. Dice Democracy gelingt das Kunststück sich wie politische Satire anzufühlen, obwohl es dabei ein leichtfüßiges Partyspiel bleibt.
Eines, welches dank seiner Doppelbödigkeit und augenzwinkernden Nuancen aber auch Erwachsene zu unterhalten weiß.
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