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Dream Cruise

Verlag: Kobold Spieleverlag
Autoren: Moritz Schuster, Malte Kischkel
Illustrationen: Sabrina Miramon
Spieler: 1 – 4 Spielende
Alter: ab 10 Jahren
Dauer: ca. 45 Minuten

Dream Cruise ist ein gefälliges und zugängliches Spiel. Es ist schön aufgemacht, einfach erklärt und spielt sich ohne nennenswerte Probleme in recht kurzer Zeit zu Ende. Man organisiert dabei eine Kreuzreise und versucht durch ansprechende Reiseziele und gute Abendunterhaltung den Gästen eine schöne Zeit zu machen. Lässt man die ökologisch fragwürdigen Aspekte von realen Kreuzfahrten außen vor, so bleibt ein Spielerlebnis, das nett und freundlich bleibt. Schließlich hilft man anderen – in diesem Fall imaginierten Gästen – etwas glücklicher zu sein. Dieses kleine Detail prägt das Ambiente des Spiels überraschend deutlich.

Bedauerlicherweise sticht das Design nicht sonderlich hervor oder bleibt anderweitig in Erinnerung. Das muss kein Fehler sein. Auch ein unscheinbares Design kann seinen Zweck erfüllen. Überhaupt sind in Dream Cruise kaum Fehler zu finden. Aber Spieldesign ist im Kern kein Mathematik-Test. Keine Fehler zu machen, heißt eben nicht, dass man alles richtig gemacht hat.

Der lange Weg von Kiel nach Mykonos

Nun ist diese Rezension nicht als Verriss gedacht oder gemeint. Spiele wie Dream Cruise haben allein dadurch ihre Berechtigung, dass sie durch ihre Thematik bei Interessierten ins Schwarze treffen. Wer Eltern, Schwiegereltern oder Großeltern hat, die oft oder noch immer von ihrer tollen Kreuzfahrt schwärmen, kann hier wahlweise ein Weihnachtsgeschenk oder einen Eisbrecher für den nächsten Spieleabend finden. Was das Spiel für Menschen interessant macht, die sich sonst nicht an ein modernes Brettspiel wagen würden, ist auch gleichzeitig der Grund weshalb erfahrenere Spieler eher mit den Schultern zucken, nachdem sie eine Partie hinter sich gebracht haben. Dream Cruise hat so gut wie keine Ecken und Kanten.

Karten werden gezogen, man sucht sich welche davon aus, legt diese an sein Tableau an und versucht so möglichst effektiv Siegpunkte zu sammeln.

Interessant und erinnerungswürdig sind jedoch weniger die eigenen Entscheidungen, sondern jene die in die Illustrationen des Spiels flossen. So wurde hier sehr bewusst entschieden, die Kreuzfahrtgäste, die man im Rahmen des Spiels bewirtschaftet, in großer Vielfalt und Diversität darzustellen. Von der Patchwork-Familie, zu den „zwei ewigen Junggesellen“ bis hin zum gleichgeschlechtlichen Ehepaar sind hier alle Farben des Regenbogens vertreten. Auf den ersten Blick wirkt diese Entscheidung sehr auffällig. Man mag des Gefühl bekommen, es wäre „zu gewollt“. Aber bei meinem letzten Einkauf im Supermarkt, achtete ich stärker auf mein Umfeld und es stellte sich heraus, dass meine Umgebung deutlich diverser aufgestellt ist, als ich sie eigentlich im Kopf hatte. Ich hatte lediglich bis zu dieser Rezension nie einen Grund gehabt genauer hinzuschauen.

Die Wahrnehmung fehlender Diversität scheint mir daher nicht allein ein Problem der Spieleszene zu sein. Natürlich „wissen“ wir, dass unsere Gesellschaft vielfarbig und mit den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen ausgestattet ist. Aber wir „sehen“ letztendlich – gerade auch in unserer Vorstellung – nur die Bilder, mit denen wir medial konfrontiert werden.

Voll beladen stechen wir ins Meer

Es fehlt an der Normalisierung solcher Abbildungen, in denen man die Vielseitigkeit der modernen Gesellschaft nach vorne stellt. So gesehen bricht Dream Cruise aus dem Schema der Vorhersehbarkeit heraus, in dem es weit über das Erreichen einer Frauenquote oder Einzelvertreter verschiedener Minderheiten hinausschießt. Das wiederum verstärkt den großen Sympathiewert, den Dream Cruise durch seinen wohltuenden, inhaltlichen Rahmen absteckt. Die Gäste, die dank uns eine schöne Zeit verbringen, sind bunt und bunt gemischt. Sie scheinen aus den unterschiedlichsten Lebensumständen zu kommen. Warum sie jedoch manchmal so eigentümliche Beschreibungstexte haben, lässt sich nur mit viel Kenntnis der zur Zeit bekanntesten Spiele beantworten. Das sorgt unabhängig vom Erfahrungsgrad am Tisch für ein Schmunzeln und ein nettes Beisammensein.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass man in Dream Cruise keine Punktabzüge erhält, wenn ein Vorhaben nicht gelingt. Die Gäste bleiben im Zweifelsfall einfach etwas länger. Ihr Urlaub wurde dadurch nicht schlechter, sondern er ist lediglich nicht der beste Urlaub geworden, den sie hätten haben können. Mathematisch betrachtet macht das keinen Unterschied. Und wer sich eh nur an den eigenen Unzulänglichkeiten misst, statt den Erfolgen, wird wohl auch hier nur sehen welche Punkte einem durch die Lappen gegangen sind.

Aber für alle anderen, hinterlässt Dream Cruise ein wohliges Gefühl, dass man egal wie man abgeschnitten hat, seinen Schiffsgästen eine schöne Zeit ermöglicht hat. Es gibt denkbar schlimmere Erfahrungen, die man mit einem Spiel haben kann als anderen Leuten etwas Gutes zu tun. Vielleicht ist Dream Cruise genau die Art von Eskapismus, nach der sich manche Spielgruppe gerade sehnt.

Georgios Panagiotidis
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