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Die Baumeister von Arkadia

Verlag: Ravensburger
Autor: Rüdiger Dorn
Spieleranzahl: 3-4
Alter: ab 10 Jahren
Spieldauer: 45 – 60 Minuten

Eigentlich wollte ich alle zum Spiel des Jahres 2007 nominierten Spiele rezensieren. Doch, ach, der Zeitdruck macht diese Hoffnung zunichte. Zumindest eines will ich doch schaffen. Und da nehme ich das Spiel, dass ich bereits am längsten habe und ergo am häufigsten auf meinem Rezensententisch landete: Die Baumeister von Arkadia.

Aufbauspiele, so sagt man, sind in Deutschland beliebt. Und dass meine letzte Rezi ebenfalls ein Spiel mit dem Wort „Baumeister“ im Titel zum Thema hatte, soll hier als Bestätigung dienen. Allerdings täuscht der erste Eindruck: Ein wirkliches Aufbauspiel sind diese Baumeister nicht. Nicht jedenfalls im Sinne anderer Spiele dieser Gattung. „Die Säulen der Erde“ z.B. – da wird wirklich was aufgebaut. Die arkadischen Baumeister dagegen errichten zwar Gebäude, doch eher im Stile eines Legespieles: Wenn ein Gebäude mittels Karte ins Spiel gebracht wird, so ist es bereits fertig und erinnert von der Form her an einen Tetrisstein. Alle Gebäude müssen zudem an ein weiteres Gebäude oder an das „Kastell“ – ein neutraler Wohn- und Wertungsblock in der Spielplanmitte – angrenzen, was sich sehr „legespielisch“ anfühlt. Manchmal wird dabei eine Wertung ausgelöst (dazu später mehr), manchmal ein Dorf überbaut und somit platt gemacht. Was anderswo als Zwangsenteignung angesehen würde, bringt einem hier ein paar zusätzliche, aber neutrale Arbeiter ein.

Die Arbeiter, welche die Gebäude errichten, kommen im Spiel nämlich auch tatsächlich „haptisch“ vor – in Form kleiner, wirklich schön gearbeiteter Plastikminiaturen. Und deren Einsatz ist – neben dem Gebäudebau – die zweite mögliche Aktion eines Spielers. Arbeiter bauen nämlich keine Gebäude (das tun die Handkarten der Spieler), sondern umrunden diese. Will sagen: Wer kein Gebäude errichtet, kann beliebig viele eigene und gesammelte neutrale Arbeiter einsetzen, die aber insgesamt nur an ein Gebäude eingesetzt werden dürfen. Arbeiter sind sehr rar und damit wertvoll.
Und sie können ebenfalls eine Wertung auslösen. Dann nämlich, wenn ein Gebäude komplett umschlossen wird – ebenso wie wenn eine ausgelöst wird, wenn ein Gebäude durch den Einsatz eines anderen komplett umschlossen wurde. Und bei einer Wertung bekommt der Auslöser ein farbiges Siegel, deren Farbe beim Bau des Gebäudes festgelegt wurde. Alle Arbeiter holen für ihren Besitzer ebenfalls ein gleichfarbiges Siegel (und bleiben an Ort und Stelle, um eventuell noch ein Siegel für ein weiteres Gebäude mitzunehmen). Die Siegel können als Zusatzaktion (fünfmal pro Spiel möglich, darunter einmal bei Spielende) gegen Siegpunkte ausgetauscht werden. Und jetzt wird’s richtig originell: Der Wechselkurs wird durch das Kastell bestimmt. Wer nämlich eine Wertung auslöst darf dort eine „Torres-Burg“ der Siegelfarbe seiner Wahl platzieren und damit gelegentlich eine andere Farbe überdecken. Für ein Siegel gibt’s nun so viele Siegpunkte wie Burgen derselben Farbe von oben sichtbar sind. Ein wirklich netter „Aktienspiel“-Mechanismus, der für viel Finesse sorgt und das Auslösen von Wertungen gleich noch viel wichtiger macht. Das Kastell steuert auch das Spielende: Ist eine bestimmte Anzahl Steine dort eingebaut, wird die letzte Runde eingeleitet. Natürlich gewinnt der Siegpunktbeste und da Siegel wie Siegpunkte geheim sind, bleibt es bis zuletzt spannend.

Überhaupt: Das Spiel mag zwar eher ein leicht abstraktes Legespiel als ein thematisches Aufbauspiel sein, aber es ist verdammt spannend. Kann ich eine Wertung auslösen? Sollte ich das überhaupt oder kostet es im Moment zu viele Arbeiter? Sollte ich ein Gebäude errichten? Welche Farbe sollte es haben? Soll ich jetzt Siegel umtauschen oder lieber später? Da ich nur dann neue Arbeiter bekomme, wenn ich auch die Umtauschaktion wähle (auch wenn ich nicht umtausche, zählt es doch als eine Aktion und ich kann nur viermal vor Spielende tauschen), könnte ich die Aktion jetzt wählen. Aber wenn meine Lieblingsfarbe noch stärker wird, ärgere ich mich…

Die Entscheidungen sind vielfältig und sie sind genauso spannend zu zweit wie zu dritt wie zu viert, auch wenn in Vollbesetzung naturgemäß alles etwas unplanbarer abläuft. Hinzu kommt die gnadenlos gute graphische Umsetzung. Also ein Toppkandidat für den Hauptpreis?

Nein! (Und ich bin mir bewusst, dass eine solche Aussage nach der Wahl Schadenfreude nach sich ziehen könnte) Der Grund sind nicht die doch recht hohen Auf- und Abbauzeiten, obgleich die eine kleine Hürde darstellen könnten.
Der Grund ist vielmehr, dass sich das Spiel doch eher an Vielspieler wendet. Nicht, dass die Baumeister von Arkadia kompliziert wären – im Gegenteil, die Regeln sind sehr klar – doch die ständige Spannung lässt eine Atmosphäre aufkommen, die auch schnell in Stress umschlagen kann. Meiner Frau z.B. ist es schlicht zu anstrengend. Sie kann nicht aus dem Bauch heraus spielen, denn dann – so zumindest das Gefühl – geht man gnadenlos unter. Und es sind viele kritische Entscheidungen treffen und bei jeder fühlt man sich, als würde der Spielausgang davon abhängen. Das ist nicht unbedingt der Fall, aber es fühlt sich so an. Und im Gegensatz einschlägiger Forumsmeinungen macht ein solcher Druck nicht jedem Spaß. Manche wollen eben „nichts anstrengendes“ spielen…

Doch insgesamt ist Die Baumeister von Arkadia ein verdammt gutes Spiel. Mit oder ohne Titel.

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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