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Misty

Misty

Verlag: Helevetiq
Autor: Florian Fay
Spieleranzahl: 2-4
Alter: ab 6 Jahre
Spieldauer: ca. 15-20 Minuten

Roll and Writes waren aufgrund ihrer Einfachheit und Flexibilität der heiße Scheiß der letzten zwei, drei Jahre. In ihrem Fahrwasser kamen auch eine Reihe von Drafting-Spielen und zwar insbesondere (wenn auch nicht beschränkt auf) einfache Draftingspiele für den Familienspielbereich. Das Problem mit einfachen Draftingspielen ist nun, dass sie sich auf mechanischer Ebene deutlich weniger voneinander unterscheiden, als zwei durchschnittliche Roll and Writes: Man drafted und dann kommt eine Wertung. Nun hat aber Sushi Go spätestens in der Partyversion schon einen großen Schwung möglicher Wertungen abgedeckt und so sind  sich die meisten Post-Sushi-Go-Familien-Draftingsspiele vielleicht fluffig, sicherlich aber unoriginell und bereichern das Spieleangebot nicht gerade.

Misty dagegen tappt nicht in diese Falle, denn es präsentiert sich als Legespiel – Was gedraftet wird, wird nicht ausgespielt, sondern in die eigene Auslage angelegt (so dass sich ein 3×4 Rechteck bildet). Die Kombination „Drafting“ und „Legespiel“ ist eine gelungene Kombination, zweier Genres, die sich ergänzen:  Die Legeelementen ermöglichen eine größere Variabilität des Draftens und die Draftingelemente findet für das Legen einen schönen Mittelweg zwischen „Handkarten erhöhen die Downtime“ und „Ziehen und sofortiges Anlegen sorgen für einen hohen Glücksfaktor“. Rein spielmechanisch müsste es daher viel mehr Drafting-Legespiele geben!

Florian Fay belässt es dabei aber nicht, sondern baut noch einen zusätzlichen Kniff ein: Bewegungen. Sind alle 12 Karten gelegt, bewegen sich bestimmte Karten in bestimmte Richtungen und überdecken ggf. dort liegende Karten (was außerhalb des Rasters landet, wird abgelegt). Das kann eine Punkteträchtige Karte sein, oder eine ungeliebte Monsterkarte (Monster entfernen die wertvollen Blumen) und manchmal landet eine Karte nur auf einem gerade frei gewordenen Platz einer anderen Karte. Übereinanderliegende Karten werden abgeräumt, was noch übrig bleibt punktet. Bewegungen dieser Art kenne ich aus keinem anderen Spiel, dabei ist dieser Kniff so einfach und so elegant! Sehr clever!

Leider nutzt das Spiel das Potential dieser Idee nicht voll aus. Vermutlich, damit es nicht zu kompliziert wird, gibt es ein relativ klares Ranking aus Karten: Feste Karten sind immer besser als bewegende Karten, denn bewegende Karten punkten nur dann, wenn sie auf leere Plätze bewegt werden, bedingen also definitiv mindestens eine Karte, die nicht wertet. Blumen sind immer besser als keine Blumen und auch besser als Gesichter, die nur selten mehr punkten als ihren Basiswert. Einzig die Monster brechen den Kreis etwas auf, denn nicht überdeckte Monsterkarten zählen wenigstens einen Punkt, entfernen aber eben Blumen – sofern vorhanden. Da wäre etwas mehr Variabilität schön gewesen, eben ein paar mehr Sorten von Karten, so dass es etwas weniger eindeutig ist, welche Karte man behält und welche nicht, so dass der Draftingaspekt mehr in den Vordergrund rücken kann. Das Punktesystem ist zudem unbefriedigend, da man quasi auf zwei Gewinnsätze spielt – eine Runde aber ziemlich oft unentschieden endet (es gibt keinen Tiebreaker), was ebenfalls auf die geringe Variabilität in den Karten zurückzuführen ist. Gewinnen aber zu dritt immer zwei Spieler einen Satz gemeinsam, ist Misty bereits nach zwei Runden durch. Das ist einerseits angenehm schnell, aber es fühlt sich fast so an, als hätte man Misty nicht das Potential eines Uno-Killers zugetraut. Ein Potential das vorhanden gewesen wäre, hätte man es zu nutzen gewusst.

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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