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Hot Streak

Autor: Jon Perry

Verlag: CYMK

Für 2-9 Spielende ab 6 Jahren

Spieldauer: 20 Minuten

Vorhersagen sind ja bekanntlich schwierig, insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen. Wäre es anders, wären Brettspiele als Spielerlebnis deutlich ärmer. Schon der große Baseball-Philosoph Benjamin L. Sisko wusste „Das Spiel ist interessant, weil es linear ist“.

Bei keinem Genre ist dies so evident, wie bei Wettspielen. Dieses Genre hat sich in den letzten Jahren doch deutlich gewandelt: In der Generation „Jockey“ konnten alle Spielenden alle Figuren bewegen. Auf was gewettet wurde, hing letztlich davon ab, auf welche Figuren man welchen Einfluss hatte. Bei Jockey entsprach dies beispielsweise des Einschätzens einer Kartenhand. Dieses Einschätzen konnte vor- oder während des Vorgangs, auf dem gewettet wurde, geschehen. Auch der Zeitpunkt ist somit eine Variable bezüglich „Einfluss“.

In jüngerer Zeit – und insbesondere durch Ready, Set, Bet – gab es eine Verschiebung: Es gab keinerlei Kontrolle der Bewegungen bezüglich der Spielenden mehr, vielmehr geschieht dies mit einem Zufallsmechanismus. Diese Wettspiele entsprechen dadurch natürlich mehr denen in der Realität: Die Spielenden schätzen (oft klar ersichtliche) Wahrscheinlichkeiten ein und setzen entsprechend je nach Gemütslage vorsichtig oder riskant. Der Spaß liegt am Mitfiebern.

Ich schreibe dies auch deswegen so ausführlich, weil Hot Streak einerseits klar zu dieser neuen Gruppe gehört, aber einerseits noch gerade genug Kontrolle andeutet, um interessante Wettentscheidungen zu

Noch sieht alles ganz gesittet aus

treffen und andererseits recht konsequent auf Chaos setzt und somit eben nicht die mathematische Wahrscheinlichkeiten ersichtlich macht. Das ist wieder erwarten kein Wiederspruch.

Der Spielverlauf als Gif

Tonal passt meine Rezension bislang nicht so recht zu dem Spiel, das muss ich zugeben. Ich werde versuchen mich zu bessern. Hot Streak ist ein albernes Spiel. Mehr noch: Es ist witzig. Vier Maskottchen laufen um die Wette, laufen in die verkehrte Richtung, rempeln sich versehentlich um, krabbeln auf dem Boden, bringen sich gegenseitig zu Fall. Chaos. Eine Zucker-Abrahams-Zucker-Filmszene als Spiel. Das allein ist bereits großartig. Gesteuert wird alles durch einen Kartenstapel, der, ähnlich wie bei Challengers, das Spielgeschehen ablaufen lässt, während die Spielenden zusehen, wie wunderschön abstrus das Chaos wirkt, wie bemerkenswert groß der Effekt des Vertauschens der Reihenfolge zweier Karten sein kann. Das Chaos auf dem Feld der Ehre (bzw. des Hotdogs) ist schon großes Kino. Aber tatsächlich haben die Spielenden ein ganz klein wenig Einfluss: Sie können für jedes der drei Rennen genau eine Karte beisteuern. Dadurch verschiebt sich der Inhalt des Kartenstapels bereits subtil, vor allem aber vor allem bekommen sie dadurch ein Ziel für ihren Wetteinsatz: Ah, ich habe eine gute Karte für den Fisch ins Deck getan, also setze ich jetzt auf den! Natürlich nutzt man auch die Informationen aus den vorherigen Rennen (bzw. kennt man beim ersten Rennen ein Großteil des Decks) und so haben die Wetten ein Ziel und die Spielenden identifizieren sich mit ihrer Wahl.

Verstärkt wird das ganze durch mögliche Nebenwetten, mit denen man auf eigentlich nicht Vorsehbares Wetten kann, etwa, ob zwei Maskottchen gleichzeitig hingefallen sind. Das sind so deutliche Nonsens-Wetten, dass niemand befürchten muss, es gehe hier vielleicht doch um wissenschaftliches Abschätzen von Wahrscheinlichkeiten und nicht ums Bauchgefühl. Dennoch erfreuen sie sich auch bei Vielspielenden großer Beliebtheit. Hot Streak macht auch ernste Eurogamer locker!

 

Das Ende ist dann aber das Tüpfelchen auf dem i: Es gibt keinen expliziten Gewinner oder Gewinnerin, vielmehr bekommen alle -basierend auf ihrem Gewinn – einen Orakelspruch für das zukünftige Leben. Wie albern es ist, die Zukunft vorhersehen zu wollen, wird dadurch noch einmal deutlich gemacht. Wer das Spiel ernst nimmt, ist selber schuld. Es ist der Partymachende Bruder, des ernsten Ready-Set-Bets, das vermutlich BWL studiert hat.

Was ist hier los???

 

Allerdings kann ich die Rezension nicht beenden, ohne erneut die Verlagspolitik zu bedauern, die Namen der Spieleschaffenden nicht auf der Schachtel zu nennen. Come on, es ist doch so einfach!

 

Peer Sylvester
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