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Eine wundervolle Welt

Verlag: Kobold Spieleverlag
Autor: Frédéric Guérard
Spieleranzahl: 1-5
Alter: ab 14 Jahren (eigentlich schon ab 10)
Spieldauer: 30-60 Minuten

Eine wundervolle Welt ist, glaube ich, eine Gesellschaftssatire. Das fängt schon beim Titelbild an, bei denen zwei Alternativen im Spiel gegenübergestellt werden: Einerseits eine militärische Seite, die jedoch von der Farbgebung und Symbolik an den Kommunismus angelehnt ist und als Kontrapunkt eine kapitalistische Utopie (insofern das kein Oxymoron darstellt) mit schicken Bauten und natürlich dient hier ein Mann als Symbolfigur, während die Frau den Kommunismus/das Militär repräsentiert (Die russische Revolution begann am Internationalen Frauentag). So ganz utopisch sehen beide Seiten nicht aus – ich lehne mich,  glaube ich, nicht weit aus dem Fenster, wenn hier Absicht unterstelle: Unter der vermeintlichen Utopie verbirgt sich nichts anderes als Propaganda.

Dieser feinsinnige Ton wird auch bei den Karten -dem Motor des Spieles – fortgesetzt: Sei es der „Mega-Bohrer“, der eher bedrohlich als hilfreich wirkt, sei es das Atomkraftwerk, in dessen Vordergrund Leute am Strand liegen oder die Person im „Kryoschlaf“, dessen Gesichtsausdruck nicht auf ein glückliches Dasein schließen lässt. Das „Super-Sonar“ deckt sogar eine Bedrohung aus der Tiefsee auf und das ganze endet noch nicht bei einer Ufo-Staffel – Die wertvollsten Karten sind Entdeckungen des Mystischen, wie Aliens oder Atlantis (und in der Erweiterung darf sogar Pandoras Box geöffnet werden). „Die Spieler“ scheint das Material zu sagen „belügen sich selbst, wenn sie ihr tun damit rechtfertigen, dass sie ein Utopia aufbauen würden. Dieses Paradies ist verdorben!“

Dieser Tonfall in einem Spiel ist in dieser Form durchaus neu – Spielewelten werden in der Regel als Welt interpretiert, in der es den Menschen nach dem Einfluss des Gott/Spielers besser geht, als vorher. Oder sie sind ganz unzweifelhaft und ebenso un-subtil lustige Welten, die man nicht ernst nehmen kann. Die feinsinnige Satire der Wundervollen Welt (im Original mit „It´s a wonderful world!“ noch etwas propagandistischer formuliert) ist in dieser Form überraschend und unverbraucht und eine tonale Richtung, die in modernen Brettspielen schmerzlich fehlt.

Leider überträgt sich diese Satire kaum auf den Kerninhalt des Brettspieles: Dem eigentlichem Spiel.  Der einzige Teil, der mitgenommen wird, ist, dass die Spieler nicht über die von ihnen geschaffene Welt nachdenken. Die oben erwähnte Graphik der Karten, die erst gedraftet und dann ausgelegt oder abgeworfen werden, wird -obwohl ständig präsent – kaum wahrgenommen. Die Karten werden auf ihre Werte reduziert – und davon gibt es gleich mehrere: Die Baukosten (die über mehrere Runden abgestottert werden können), die Karteneffekte für bezahlte Bauwerke, die Siegpunkte, die am Ende für die Karte abfallen und dann auch noch der Rohstoff, der gewonnen werden kann, wenn die Karte abgeworfen wird. Das alles für alle Karten im Auge zu behalten ist fordernd genug, da werden die nötigen geistigen Kapazitäten um auch nur den Titel wahrzunehmen selten aktiviert. Immerhin muss für jede Karte evaluiert werden, ob sie gebaut werden soll -was je nach Karte der eigenen Engine oder dem Siegpunktekonto gut tut – oder ob sie der Verwertung ein heimfällt, um mit dem so gewonnenen Rohstoff andere Karten zu bezahlen. Das ist ein Puzzle, dass ich als ausgesprochen reizvoll empfinde, aber es ist ein abstraktes Puzzle, denn die Leute, deren Innenleben auf den Karten angedeutet wird, sind mir egal. Man kann sich nicht einmal für eine kommunistische oder kapitalistische Spielweise entscheiden – die entsprechenden Aushängeschilder kommen im Spiel lediglich als Siegpunktchips vor, die selten auch mal für einzelne Karten gebraucht werden. Das wirkt auf mich weniger als eine getroffene Aussage („Am Ende sind alle Ideologien austauschbar“) sondern eher als wäre ein  Teil des Spieles im Laufe der Entwicklung verloren gegangen und dies wären die Überbleibsel. Die Rohstoffe haben tatsächlich mehr Charakter und bei denen weiß ich nicht einmal alle Namen (Wir bezeichnen sie als Zahnräder, Strom, Grün, Geld und Blau)!

Die Rohstoffe sind neben dem Drafting auch die einzige Interaktionsquelle: Wer in einem Rohstoff die meisten erhält, bekommt einen Siegpunkt. Das ist allerdings in der Regel mehr Kollateralschaden, als gezielt erarbeitet. Auch deswegen ist Eine wundervolle Welt kein Zivilisationsspiel.

Eine wundervolle Welt ist eher ein Engine-Builder mit Drafting als ein Draftspiel mit Enginebuilding. Der Schwerpunkt liegt auf dem Puzzle welche Karten man in welcher Reihenfolge baut und welche Karten dazu abgeworfen werden. Ist die erste Assoziation bei diesem Spiel 7 Wonders, wird man schnell feststellen, dass selbst dessen nur indirekte Interaktion hier noch weiter heruntergedreht wurde und das Puzzlen der Maschine im Vordergrund steht.

Dabei dient Gebautes nur noch als Antrieb der eigenen Engine und verliert sofort jeglichen Charakter; Nicht einmal den Namen der zuerst gebauten Gebäude ist am Ende noch sichtbar (spätere Gebäude überdecken frühere bis auf dessen Einkommenszeile). Vielleicht ist das eine Aussage zum Kommunismus („Jeder ist nur ein Rädchen im Getriebe“). Vielleicht ist das eine Aussage zum Kapitalismus („Alles wird nur dahingehend bewertet, ob es mir hilft besser dazustehen als meinem Nachbarn“). Ich glaube aber es ist in erster Linie eine Aussage zum Ludolismus Europäischer Schule: „Das Thema ist nur der Farbanstrich für die Mechanismen“. Und das ist schade.

 

Ein paar Worte zu https://game-park.com/de :

Auf dieser Seite lässt sich das Spiel wirklich gut online spielen – vielleicht sogar besser als offline, da die App mitrechnet und zu jeder Karte eine Erklärung mitliefert, sollte etwas unklar sein. Die Übersichtlichkeit ist auch gegeben und so lässt sich das reizvolle Puzzle wunderbar vertiefen – und es lässt sich ein Timer zuschalten, wenn man gerade das nicht möchte.

Allerdings: Eine der  spielenden Personen muss ein Abo abschließen und das ist im Vergleich zu anderen Seiten nicht billig, bedenkt man, dass hier nur ein Spiel gespielt werden kann und nicht einmal die Erweiterung implementiert ist (was mich i.Ü, sehr ärgert).

Das Spiel zu empfehlen fällt mir schon nicht ganz leicht – es ist zwar sehr reizvoll, aber Furnace ist der originellere Enginebuilder und Paper Tales das originellere Draftingspiel – die App zu empfehlen fällt mir unter den o.g. Gesichtspunkten aber noch schwerer.

Peer Sylvester
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