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Mehr! Erstere! Am Geeindrucksten!

Wenn einer eine Reise tut… und wenn er wieder zurückkommt darf er waschen, Emails beantworten, aufräumen, Mami anrufen, dass nichts passiert ist und einen Blogeintrag schreiben, damit die Leserschaft nicht auf die andere Strassenseite zum viel schöneren, neueren und gepflegteren Blog wechselt. Und wenn ich auch ein schönes Thema im Kopf habe, werde ich mich auf Ersteindrücke beschränken (ich muss für den anderen noch eine Kleinigkeit recherchieren). Dabei habe ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen, denn eine echte Graupe ist jetzt nicht dabei und Wolfgang Friebe hat gerade das Fehlen echter Verrisse moniert – aber so ist das eben und ein Spiel nun nur zu verreißen, damit man mal wieder einen Verriss anbieten kann ist ja nun auch nicht der Sinn der Sache (wobei ich auch Glück hatte – das Piratenspiel von Faidutti hab ich bei einer Spielrunde knapp verpasst). Naja, hier die Eindrücke:

Jäger & Sammler: “Knizia macht aus aus Packeis am Pol ein abendfüllendes Familienspiel!” könnte die Titelzeile der Bild-Spielezeitschrift sein. Die Wahrheit ist natürlich diffiziler:  Zwar wird tatsächlich der “Bewegen und Feld wegnehmen”-Mechanismus verwendet, aber in einer völlig neuen Art, wobei das wichtigste ist, dass nur 2 Felder weit gesetzt werden kann. Zudem gibt es Höhlen und festbleibende Wege und zwei Spielphasen und -wer hätte es bei einem Knizia-Spiel gedacht? – eine vielschichtigere Wertung. Unterm Strich kein Brüller, dazu ist die Downtime etwas zu lang und die Wertung zu viel Gerechne. Aber es ist ein wirklich solides Familienspiel, dass man guten Gewissens zum Familienspieleabend mitbringen kann und das -dank des schwachen Familienspieljahrgangs – wohl auch Jurybeachtung finden könnte.

Thunderstone: Thunderstone ist Dominion mit funktionierendem Thema, ohne Goldstrategie (dank zweier “Währungen”: Gold und Kampfstärke) und längerer Spieldauer. Wo Dominion durch Klarheit als Absacker/Zwischendurchspiel glänzen kann, bietet sich Thunderstone als abendfüllendes Vielspielerspiel an. Nachteilig ist aber das viele Gerechne (Kann ich das Monster besiegen? Nein. Das vielleicht? Nein. Das? Nein. Gut, was kann ich mir kaufen?) und zumindest das Einstiegsspiel ist auch recht interaktionsarm. Ich mags aber und werds öfter spielen – oft genug für eine Rezension, denke ich.

Tricky Trek: Das ist das Cwali-Spiel mit den netten Porzellan-Figuren, von denen es einige nicht unfallfrei nach Berlin schafften. Eigebtlich ist es auch kein Spiel, sondern ein Beutel mit niedlichen Porzellanfiguren (einige kaputt) und einem Mechanismus, den sich der gute Corné vermutlich in der Mittagspause ausgedacht hat: Man entscheidet gleichzeitig wie weit man seinen Löwen setzt, gibt das entsprechende Tier ab, setzt vor und nimmt ein neues Tier. Es funktioniert. Es istz kurz. Ich spiele lieber was anderes. Die Figuren sind niedlich. In der nächsten Mittagspause denke ich mir was für die niedlichen Radiergummis aus, die ich gerade beim Schreibwarenladen um die Ecke gesehen habe.

Peeper: Wieder ein Vergleich (Sorry!): Peeper ist Tichu. Ohne Punkte. Ohne Partner. Ohne Karten (dafür mit Mah-Yongg-ähnlichen Steinen). Trotzdem macht es Spaß. Es ist natürlich nicht Tichu, was die Taktik oder so betrifft. Hier ist es mehr Rommé, aber als solches nicht ohne Reiz. Es geht fix -sogar sehr (5 Minuten pro Partie) und mit Punkte-Regel, bei der ein Backgammon-ähnliches Ansageprinzip hinzukommt ist es sogar etwas anspruchsvoller. Natürlich eher ein Familienspiel für müde Familien, die nicht denken mögen, aber sehr unterhaltsam.Zumindest glaube ich das alles, denn die Regel ist das schlechteste, was ich in den letzten 10 Jahren zu interpretieren versuchte.

Hansa Teutonica: Ich muss mich “leider” der allgemeinen Begeisterung anschließen: Ein Klassespiel! Nun das ist nicht überraschend, denn HT hat genau das was ich an einem Spiel schätze: Die Grundstruktur ist einfach, es kommt ohne regeltechnischen Firlefanz und unnötiges Gerechne aus und es spielt sich spannend. Und es bietet Platz für sehr unterschiedliche Strategien. Es ist schon merkwürdig: Viele Zufallsfaktoren gibt es nicht, verlaufen die Partien (wohl – viele habe ich noch nicht gespielt) recht unterschiedlich. Vielleicht ein Beleg für die Chaostheorie (Kleine Unterschiede  addieren sich zu was komplett Unvorhersehbarem)? Jedenfalls ein sauberes Einsetzspiel, allenfalls auf den ersten Metern etwas unintuitiv, da die Zugweise “Einsetzen – Abbauen und DANN erst ein Effekt” ungewöhnlich ist.

Firebulls: Ich hatte schon einen Satz bei meinem Artikel über Taiwan geschrieben. Hier sind noch ein paar mehr: Man sammelt Karten und schlägt damit Karten aus der Auslage, die Siegpunkte bringen, Soweit nichts neues. Allerdings kann man nur Karten schlagen, die in derselben Reihe liegen, wie der eigene Stein oder aus der Nachbarreihe. Also wird getauscht. Das funktioniert mit vielen Spielen nicht richtig (da immer nur hin- und hergetauscht wird) und ist mit wenigen nervig. Das Element ist nicht ganz ausgereift. Ansonsten passiert das, was immer passiert, wenn man Karten sammelt und damit kurz vor dem Gegner die Auslage, die der abräumen wollte, abräumt: Man sammelt, man hat etwas Spaß, man hat das Gefühl, dass man das Spiel kennt, wird aber gut unterhalten. Bei Spielende wirds spannend, welche Siegbedingung noch eintrifft (das hat Auswirkungen auf die Punkte). Nichts weltbewegendes, aber einen Blick wert.

Vasco da Gama: Gutes Spiel. Origineller Mechanismus: Hohe Zahl nehmen und später dransein oder niedrige Zahl nehmen und Risiko eingehen, dass man bezahlen muss. Alle Einsetzmöglichkeiten sind wichtig und man hat ständig das Gefühl als hätte man nur Daumen an den Händen – alles dauert zu lange, ist zu umständlich – ARRGH! Das ist nett. Allerdings lädt das Spiel dazu ein, blöde Fehler zu machen und wer solche vermeiden kann wird auch ohne große Strategie bestimmt nicht letzter. Und das Thema ist zwar so lala umgesetzt, wird aber alle enttäuschen, die tatsächlich ein Entdeckungsspiel erwarten. Insgesamt ist der Eindruck aber so positiv, dass ich weitere Partien spielen will.

ciao

peer

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
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