Deine Wahl war … Einzigartig

Ich habe Matrix schon oft zitiert. Am Ende vom zweiten Teil wenn der Architekt sagt: „The Problem is choice“, dann wissen wir, dass wir über Grübler reden. Die Spieler die sich nicht entscheiden können. Die Spieler die alle Mitglied sein müssten im Verein für Zweifler und Zögerer, einem Verein ohne Mitglieder, denn die Leute können sich einfach nicht entscheiden beizutreten. Aber es gibt nicht nur Spieler die sich nicht entscheiden können. Es gibt auch Autoren die es nicht können. Die sitzen vor ihrem Prototypen und entwickeln fröhlich vor sich hin und schicken dann ein Spiel ein, welches nicht nur ein Regelwerk enthält, sondern gleich 10. Man kann ja mit dem Material so vieles machen.

Sogar auf der Berlin-Con wollte mir ein Autor ein Spiel zeigen, wo mit demselben Material gleich etliche Spiele gespielt werden können. Er wertete das als das tolle Element, welches ich so noch nie gesehen hätte. Und diese Autoren glauben wirklich was neues entdeckt zu haben. Was ich ihnen glaube. Dabei reicht eine Standard Spiele-Sammlung auf der groß die Zahl 300 oder 400 oder 500 oder eine beliebige andere noch größere Zahl prangert. Da fallen allein 200 Spiele auf verschiedene Regeln für 5 Standard-Würfel. Vom Material unterscheiden sich diese Sammlungen ja nicht so sehr. Welcher Autor schafft es denn auf diese Menge mit seinem Material.

Aber das sei natürlich was völlig anderes. Es wäre doch schon eher ein großes Spiel. Eins welches mit den modernen mithalten könnte. Aber auch wenn man es natürlich etwas anders machen will, so zeigt doch das groß aufgezogene Stonehenge, dass die meisten Spieler sowas nicht wollen. Die Spieler bekommen einen Haufen Material und müssen sich dann noch entscheiden, welches Spiel sie damit spielen. Für Leute die sich nicht entscheiden können also schon ein Alptraum. Es gibt etliche die auch deswegen auf Erweiterungen verzichten, weil sie sich nicht entschieden können mit welchen sie spielen wollen und welchen nicht. Aber ein Spiel zu erweitern empfinde ich zumindest als was anderes als ein komplett anderes Spiel mit dem selben Material zu machen.

Auch ein neues Spiel wie es der Mücke-Verlag gemacht hat in dem er nur dasselbe Material vorgegeben hat etwa bei der Bohrturm-Reihe ist was anderes. Denn es gibt ein neues Brett und in der Schachtel steckt nur ein Spiel. Man kann es natürlich auch anders angehen, so wie es Friedemann Friese in 504 gemacht hat. Das ganze ist aber eher ein Kunstprojekt und damit doch irgendwie auch was anderes. Aber wirklich auf den Tisch kommt es bei den meisten nicht mehr und alle Welten durchgespielt hat wohl auch keiner.

Den neusten Ansatz dazu hat nun Fantasy Flight Games gebracht. Auf der Gen Con haben sie KeyForge vorgestellt und gleich mal angefangen zu verkaufen. Hier wird den Spielern ein Spiel präsentiert, wo die Spieler in einer Art Sammelkartenspiel vorgesetzt bekommen. Nur ohne Sammelkarten. Bzw ohne Tauschkarten. Also, die Spieler kaufen ein Deck und aus dem können sie weder einzelne Karten dazukaufen noch vertauschen. Jedes Deck ist einzigartig. Es macht nur im ganzen als Deck Sinn. Den Spielern werden also die Optionen des Deckbaus genommen, welcher sehr viele Entscheidungspunkte hat. Aber Decks bauen kann ich doch zu Hause in Ruhe. Da störe ich doch keinen anderen. Es wird halt ersetzt durch die Entscheidung, welches Deck ich nehme.

Nun ist das natürlich etwas böswillig formuliert. Eigentlich finde ich die Idee grandios und bin froh dass sich ein Verlag traut, sowas zu machen. Unzählige Decks zu drucken, welche alle Unterschiedlich sind. Jedes hat eine eigene Rückseite, damit die Karten nicht mit Karten aus anderen Decks gemischt werden können. Und das ganze noch so zu designen, dass jedes dieser zufälligen Decks auch noch funktioniert und nicht komplett umbalanciert ist. Das ist auch schon Kunst.

Was mich eigentlich stört ist eher die Tatsache, wie es verkauft wird. Es wird als tolles großes Plus verkauft, dass Netdecking entfällt. Netdecking ist, wenn ich mir online die tollen Decks ansehe und dann nachbaue. Aber was ist denn daran bitte toll, das als doof hinzustellen. Nachbauen ist das was kleine Kinder machen. Wenn ich anfange mich mit einem TCG/LCG zu beschäftigen, dann will ich nachbauen, um aus den Decks was zu lernen. Ich will begreifen wie Sachen funktionieren. Und wenn ich gut bin, kann ich ablesen was andere nachbauen und das Perfekte Gegendeck entwickeln. Das ist das Metagame. Ein entscheidender Punkt bei einem TCG/LCG. Den zu nehmen nimmt einem Spiel seine Fülle. Auch der Sekundärmarkt für TCGs ist wichtig für dessen Leben. Bei LCGs ist das nur noch der Markt mit Provokanten. Bei diesem Spiel dürfte auch das wegfallen. Die einzige Option mehr Abwechslung reinzubekommen ist es also immer wieder neue Decks zu kaufen und zu hoffen, dass ich was tolles bekomme. Oder ganze Decks zu tauschen.

Ich möchte nicht beurteilen wie es spielerisch ist. Kann ich ja auch nicht, da ich es nicht gespielt habe. Die Idee finde ich toll und als Versuch auch sehr mutig. Wie es mir allerdings verkauft wird, finde ich nicht so toll. Ich gehe davon aus, die meisten werden sich einen Starter und/oder 2 Decks kaufen. Mehr wird es wohl nicht. Aber das ist ok. Die meisten Brettspiele haben nicht mehr. Wenn sie aber mit Turnieren kommen, bleibe ich eher neugierig, wie das funktionieren soll und wie die Spieler darauf reagieren. Und spannend wird, wie es vielleicht erweitert werden soll. Denn wenn es dafür OP gibt wie angekündigt, dann kann es nicht bei einem Set bleiben. Aber diese Entscheidung wurde von FFG schon getroffen, damit haben sie kein Problem. Die zögern nicht.

Politikum Spiel

Spiele sind eher unpolitisch und das ist meistens auch gut so. Letzte Woche geisterten gleich drei Gegenbeispiele durch die Medien und auch das ist gut so: Ein Kulturgut darf auch mal politisch sein, darf (und soll) sich auch mal ruhig positionieren.

Als erstes ist einmal Genocon zu nennen. Gencon ist nicht irgendeine Spieleversanstaltung, sondern die größte in den USA und mit 180.000 Besuchern in Essen-Regionen (wobei Gencon eben ein Con ist, keine Messe). Bislang fand die immer in Indianapolis statt. Bislang – denn gestern wurde die “Religious Freedon Bill” unterzeichnet und die erlaubt es, dass gläubige Unternehmer, keine Gleichgeschlechtlichen Paare mehr bedienen muss, wenn dies gegen die religiösen Überzeugungen geht. Allein den letzten Satz zu schreiben, geht mir gegen den Strich und ich denke gerade daran, eine Religion zu gründen, die es mir verbietet, religiöse Fundamentalisten zu bedienen und dann einen Laden in Indiana aufzumachen. Aber das nur nebenbei.

Als Protest gegen dieses Gesetz prüfen die Veranstalter einen Wegzug aus Indianapolis – aber erst 2020 (bis dahin laufen die Verträge mit der Stadt noch). Wirtschaftich wäre das ein herber Schlag gegen die Stadt. Dies ist meines Wissens das bislang erste Mal, dass ein Unternehmen aus der Spieleszene ihre wirtschaftliche Hebel benutzt, um einen Politikwechsel zu erreichen. Da Brettspieler i.A. eher humane Werte (wie eben z.B. den Gleichheitsgrundsatz) vertreten, ist dies ein guter Tag, auch wenn das Gesetz trotz der Drohung unterzeichnet wurde. Ich bin jeden Fall gespannt wie es weitergeht – bis 2020 kann viel passieren (z.B. kann das Gesetz als nicht verfassungskonform wieder einkassiert werden, was ich -nebenbei gesagt – fast erwarte).

Der nächste Politikwechsel ist eher kleinerer Natur und betrifft Days of Wonder. Die haben jetzt entschieden, die Sklaven aus Five Tribes gegen Fakire auszutauschen. Der Grund dürfte erst einmal wirtschaftlicher Natur sein: Viele Leute haben ein Problem damit, mit Sklaven zu handeln und der Wechsel ermöglicht so zumindest potentiell eine etwas höhere Verbreitung.  Umgekehrt wird natürlich wieder der Ruf nach übertriebender “Political Correctness” laut. Wie stehe ich zu der Geschichte? Nun, vorweg: Ich glaube dass der PC-Vorwurf gerne erst einmal rausgeworfen wird, um sich nicht mit unangenehmen Fragen befassen zu müssen, gerade auch, was das eigene Verhalten betrifft. Political Correctness hat nach meiner Überzeugung schleichend im Hintergrund eine große Rolle gespielt, was Toleranz in unserer heutigen Gesellschaft betrifft. Umgekehrt halte ich das einfache Weglassen negativer Aspekte in einem Thema auch für problematisch. Es gibt Vorwürfe, dass “Fakire rein, Sklaven raus” eine idealisierte Welt vorgaukelt und die Beschäftigung mit einem ernsten Thema so verhindert. Das kann ich auch nachvollziehen, denke aber, Five Tribes ist dieses Spiel sowieso nicht. Das Spiel ist abstrakt, keine Simulation und es bietet allenfalls eine thematische Einkleidung. Ehrlich gesagt kann ich nicht einmal nachvollziehen, warum Sklaven überhaupt gewählt wurden, da hier ohne Not ein negatives besetztes Element eingeführt wurde. Mich persönlich stören die Sklaven nicht, gerade weil sie generisch sind – aber genau deswegen hätte man sie von Anfang an besser weggelassen. Negative Konnationen ohne Not sind bestenfalls ein Beispiel von “nicht nachgedacht” und schlicht überflüssig. Ihr Ausstausch ist insofern in Ordnung, auch wenn jetzt wohl erst einmal der Streisand-Effekt wirken dürfte…

Das dritte Beispiel ist für mich das stärkste und stammt aus dem Computerbereich: Beim Spiel Rust haben die Spieler keine Wahl, was ihr Aussehen betrifft. Klingt erstmal nicht weiter spektakulär. Aber: Man bekommt ein Aussehen fest zugeteilt, inklusive Ethnizität. Da ist dann plötzlich so viel Sprengsatz dahinter, dass ich spontan “WoW!” ausrief, als ich davon las. In Onlineswelten sind nämlich die meisten Europäisch aussehend, andere Typen sieht man selten. Und tatsächlich gab es in den Foren einige sehr negative Stimmen von Spielern, die z.B. keinen Schwarzen spielen wollen, aber vom Spiel eine entsprechende Hautfarbe (zufällig) zugeteilt bekamen.

DAS ist aber einmal eine Möglichkeit, die ein Spiel hat, die für das Medium einzigartig ist: Multiperspektivität. Spiele (egal ob Brett – Computer – oder Rollenspiele) bieten eben auch die Möglichkeit einmal eine andere Seite kennen zu lernen. Und in diesem Fall heißt das eben auch im Rahmen eines normalen Spieles, einmal zu sehen, wie es als Mitglied einer ethnischen Minderheit sein kann, wenn man z.B. vermeidlich harmlosen Sprüchen ausgesetzt ist. Umgekehrt setzt vielleicht auf Dauer das Denken ein, dass die Hautfarbe vielleicht doch gar nicht wichtig ist (die feste Augenfarbe hat ja auch keine großen Emotionalen Ausbrüche verursacht). Wenn ich oben von wachsender Toleranz in unserer Gesellschaft sprach: Spiele wie Rust haben so das Potential eben gerade ohne Zeigefinger, quasi nebenbei, für differentierteres Denken und damit Toleranz zu sorgen.

Und das erwarte ich von einem Kulturgut auch ein Stückweit.

ciao

peer