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Talisman - Legendäre Abenteuer

Talisman: Legendäre Abenteuer

Verlag: Pegasus Spiele
Autoren: Michael Palm und Lukas Zach
Spieleranzahl: 1-6
Alter: ab 8 Jahren (besser: 2-4, mit Hilfe können auch Sechsjährige mitspielen)
Spieldauer: 20-40 Minuten (je nach Mitspielerzahl)

Über die Gründe für den Erfolg des Spieles Talisman könnte man vermutlich Bücher schreiben: Es ist total zufällig, man hat wenig Einflussmöglichkeiten und es ist viel zu lang. Aber es ist seit Jahrzehnten erfolgreich, offenbar reichen die Geschichten, die durch die unglückliche Verkettung von unseligen Umständen entstehen, aus, um die Zielgruppe zu begeistern.

Erfolg hat Folgen: In diesem Fall ein kooperatives Spiel aus Deutschen Landen, das sich mit dem Talisman-Logo schmücken darf, obwohl gar nicht so furchtbar viel Talisman drin ist. Oder doch? Nun, meine Kinder, das hängt ein bisschen vom Betrachter ab…

Wie gesagt sind die Legendären Abenteuer vollkooperativ und zudem szenariobasiert. In jedem Szenario winkt ein Talisman (was auch sonst?) als Belohnung für erfolgreiches Abschließen und jedes Szenario kommt mit einem eigenen Satz Plättchen und ein paar Regeln sowie einer netten Geschichtseinbettung. Die Geschichten im Grundspiel entstanden zufällig, hier sind sie Bestandteil des Spieles und das lockt tatsächlich – Meine Kinder z.B. wollten immer gleich wissen wie es weiter geht. Zudem sind die Abenteuer in mehrere Teile gegliedert: Mache erst DIES, dann lies weiter. Dann kommt DAS und eventuell eine kleine Wendung und man muss JENES machen. Braucht die Gruppe zu lange, scheitert sie. Fast so wie in Gloomhaven, also. Zu lange braucht die Gruppe in erster Linie, wenn sie Pech hat.

Denn Kollege Zufall regiert auch bei den legendären Abenteuern – allerdings auf eine andere Weise als beim Klassiker. Gewürfelt wird nur, um die Figur weiterzusetzen und meistens ist das nicht weiter dramatisch, denn es müssen keine riesigen Distanzen überbrückt werden. Nein, Glück braucht man in erster Linie beim Kämpfen. Und gekämpft wird viel, in Talisman-Land: Prinzipiell sind DIES, DAS und JENES fast immer “Besiege offen liegende Monster” oder “Besiege ein bestimmtes Monster” oder “Besiege Monster auf einem bestimmten Ort”, wobei die Monster bei den verschiedenen Szenarien unterschiedlich sind. Fast so wie in Gloomhaven also.

Gekämpft wird mit Beutel: Hier werden drei Chips rausgezogen, und wenn die Symbole auf den Chips ausreichen um die Symbole auf den Monster zu schlagen, ist das Monster besiegt. Das Monster selbst schlägt nicht zurück, aber die Möglichkeit besteht, dass die Zeit voranschreitet, was ja eine mögliche Niederlage näherkommen lässt. Das Ziehen aus dem Beutel ist deswegen ein gelungener Mechanismus, weil man selbst entscheiden kann, ob gezogenes vor dem Ziehen wieder in den Beutel geworfen wird – Sind die passenden Symbole draußen eher ja, sind es eher die Nieten eher nicht. Das sorgt für das Gefühl zumindest ein wenig das Ergebnis beeinflussen zu können. Außerdem gelangen mit jedem besiegten Monster besonders gute Chips in den Beutel, wobei man – und das ist sehr clever – auch den Mitspieler beglücken kann. So macht das Ziehen Spaß! Neue Chips powern den Helden auf, der so qua Monster plätten immer besser wird, ohne aufzusteigen. Fast so wie bei Gloomhaven also.

Dabei hilft auch, dass das Spiel flott geht – zumindest, wenn man nicht die Vollbesetzung ausreizt. Mehr als ein Abenteuer am Stück schaffe ich allerdings auch kaum, denn ganz ehrlich: Das System ist begrenzt. Viel Variabilität jenseits der geschichtlichen Einbettung und der Monsternamen ist nicht. Das stört nicht, wenn man das Spiel an unterschiedlichen Abenden spielt, aber mehrmals hintereinander spielt man höchstens, wenn man verliert, insbesondere wenn man schnell verliert, weil Fortuna gegen einen ist. Man muss halt loslassen können. Wie beim ursprünglichen Talisman ja auch – das aber deutlich mehr Zeit beanspruchte.

Das Design mag nicht auf meinen Geschmack zugeschnitten sein, aber es lockt Wenigspieler und meine Kinder an den Spieltisch, um Abenteuer zu erleben. Und die sind spannend und dauern nicht zu lange, sind auch nicht zu kompliziert. Vielleicht wie bei Talisman, definitiv nicht wie bei Gloomhaven.

Ich muss aber auch meckern: Die wichtigen Grafikelemente sind z.T. echt klein und bei allem Verständnis was die fehlende Flexibilität betrifft: Dass die meisten Abenteuer regelrechte Wimmelbildaufgaben enthalten, empfinde ich dennoch als ungünstig. Ich kann auch verstehen, dass man eine Punktwertung am Ende der Kampagne haben möchte, basierend auf den gespielten Schwierigkeitsgraden. Aber warum überhaupt einen leichten Schwierigkeitsgrad anbieten, wenn man dann dasselbe Abenteuer mehrfach (!) gewinnen muss, um das nächste spielen zu können? Wiederholen, wenn man verliert ist frustrierend genug, aber wiederholen, wenn man gewinnt ist einfach nur albern. Und auf die Gefahr hin zu kleinteilig zu werden: Das vierte Abenteuer ist einfach nur Frust pur. Hier kann man – Reminiszenz an das alte Talisman – in eine Kröte verwandelt werden. Das ist natürlich schlecht aber umkehrbar, aber nicht nur ist es ein Tempoverlust, man hat zudem in der Regel dann auch das Monster, dass einen verzauberte, nicht besiegt, wird also doppelt bestraft. Das Resultat erinnert mich an ein Appspiel, á la Candy Crush, bei dem man bestimmte Level nur gewinnen kann, wenn man am Anfang Kombis zusammenbekommt. Wenn nicht, kann man gleich von vorne aufhören. Selbst meine Kinder verloren die Lust es nach 10 (!) verlorenen Partien am Stück es noch einmal zu versuchen und wir haben das Abenteuer dann letztlich einfach übersprungen. Es ist ja nicht so, dass man aus einer Niederlage viel lernen könnte – man verliert, weil die Chips nicht wollen oder die zufällige Monsterverteilung auf den Orten nicht passt. Wenn der Zufallsmechanismus einen rauskickt, fühlt man sich gespielt. Aber er Vorteil an einem kooperativen Spiel ist ja, man kann auslassen, was einem nicht gefällt. Fast so wie bei… ach, nein, eigentlich eher nicht.

Ein unrundes Vergnügen also, aber dennoch das meistgespielte Kinderspiel 2019 bislang. Sollte den Autoren eine Möglichkeit einfallen, Szenarien zu entwickeln, die sich wirklich anders spielen als die im Grundspiel enthaltenen, werde ich mir nach 25 Jahren wohl erneut mal eine Talisman-Erweiterung zu legen müssen. Den Kindern zuliebe natürlich.

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
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