{"id":27415,"date":"2026-08-16T15:45:49","date_gmt":"2026-08-16T13:45:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=27415"},"modified":"2026-08-16T15:29:46","modified_gmt":"2026-08-16T13:29:46","slug":"wahrheit-qua-dokumentation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2026\/08\/16\/27415\/","title":{"rendered":"Wahrheit qua Dokumentation"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt Content-Creator*innen, die in ihren Spielbesprechungen gerne erw\u00e4hnen wie oft sie das Spiel tats\u00e4chlich gespielt haben. Gerade wenn spielbegeisterte Menschen anfangen ihre \u00dcberlegungen, Meinungen und \u00dcberzeugungen zu Spielen zu ver\u00f6ffentlichen, ringen sie fr\u00fcher oder sp\u00e4ter mit der Frage: wie oft muss man ein Spiel gespielt haben, bevor man es besprechen kann? (Oder darf, je nach pers\u00f6nlichem Freiheitsverst\u00e4ndnis.)<\/p>\n<p>Man will sich dem im Vorfeld bef\u00fcrchteten Vorwurf verwehren, das Spiel w\u00e4re nur ein Mal gespielt worden, bevor man zu Kamera\/Mikrophon\/Morse-Station\/etc. gehetzt ist, um umgehend \u201eContent\u201c zu produzieren. Entsprechend gilt die erste Partie als nicht aussagekr\u00e4ftig, um allein darauf eine Kritik zu formulieren.<\/p>\n<p>Das leuchtet ein, denn wer ein klein wenig \u00fcber vergangene Spielrunden nachdenkt, entdeckt mit Sicherheit, dass es sehr viele Gr\u00fcnde geben kann, weshalb eine solche Partie besonders gut oder auch besonders schlecht ausfallen kann. Ganz unabh\u00e4ngig davon was das Spiel tats\u00e4chlich bietet oder nicht. Einzelne oder auch mehrere Spielende sind in der falschen Stimmung, um eine bestimmte Art von Spiel zu spielen. Vielleicht ist man nach einem aufreibenden Arbeitstag nicht in der Stimmung, sich bei Root st\u00e4ndig in Schach zu halten und anzugreifen. Oder man w\u00fcnscht sich etwas rauflustige Interaktion, und kein stilles Legen von Polyominos auf das eigene Tableau. Oder die Regelerkl\u00e4rung ist derart konfus oder verklausuliert, dass die Partie vor allem von Verwirrung und Orientierungslosigkeit gezeichnet ist. Oder, oder, oder\u2026 Wie gesagt, es gibt eine un\u00fcberschaubare Zahl an Gr\u00fcnden, weshalb die erste Partie eines Spiels eigentlich ignoriert werden sollte.<\/p>\n<p>Unter Vielspielenden ist diese Erkenntnis sogar so weit gereift, dass es unter manchen Gruppen g\u00e4ngig ist, den ersten Eindruck eines Spiels nicht als endg\u00fcltiges Urteil zu einem Spiel zu behandeln. Zumindest in der Theorie. Bekannterma\u00dfen ist ja die Theorie mit der Praxis identisch, nur in der Praxis ist sie das nicht. Das bedeutet, dass der Eindruck den die erste Partie eines Spiels hinterl\u00e4sst, unweigerlich pr\u00e4gend ist. Man kann nat\u00fcrlich versuchen unvoreingenommen an Folgepartien zu treten. Man kann versuchen die eigene Erinnerung an das Spiel (oder auch vergleichbare Spiele) zu verdr\u00e4ngen, um \u201eobjektiv\u201c zu bleiben. Aber auch das bringt eine Form der Urteilsverzerrung mit sich.<\/p>\n<p>Es ist auch gar nicht schwer nachzuvollziehen, warum das so ist. Eine Spielerfahrung, ob negativ oder positiv, bleibt vor allem deshalb in Erinnerung, weil sie mit Emotionen verbunden ist. Es ist das gute Gef\u00fchl der Best\u00e4tigung, wenn man w\u00e4hrend des Spiels handeln und Dinge sinnvoll ver\u00e4ndern konnte. Wenn die eigenen Entscheidungen zielf\u00fchrend waren und den Spielverlauf genau so beeinflussen konnten, wie man es beabsichtigt hatte. Kurz: ein Spiel in dem man Eigenwirksamkeit erlebt ist eine positive Erfahrung, die die eigene Erwartung an die n\u00e4chste Partie setzt. Allein zu wissen, dass diese Form der Selbstwirksamkeits-Erfahrung m\u00f6glich ist, setzt den Rahmen wie und woran man das Spiel beurteilen wird. Das gilt f\u00fcr einzelne Spiele als auch f\u00fcr ganze Genres. Man \u201emag\u201c jene Mechanismen und Spielgenres, bei denen man das Gef\u00fchl hat sinnvoll am Spielgeschehen teilzunehmen. Umgekehrt hat man eine Abneigung gegen\u00fcber Spielen und Mechanismen in denen man Sorge hat, sich durch das eigene Unverm\u00f6gen der L\u00e4cherlichkeit preiszugeben.<\/p>\n<p>Man kann sich noch so sehr verstellen: die derart gesetzten Vorlieben und Abneigungen formen f\u00fcr viele Content-Creator*innen das was sie unter Spielgeschmack verstehen. Damit muss sich jedes neue Spiel an diesen Vorannahmen messen lassen, bevor eine n\u00e4here Betrachtung m\u00f6glich ist. Der gleiche Gedanke trifft aber auch auf Spielende zu, die keinen Brettspiel-Content produzieren. Wer bei Social-Deduction-Spielen vor allem feststellt, wie hilflos man nach Mitteln sucht um die Motive der Mitspielenden zu entschl\u00fcsseln, wird kaum in der Lage sein das n\u00e4chste Spiel dieser Art ohne Vorbehalte zu spielen.<\/p>\n<p>Kurz gesagt: es ist ein Ding der Unm\u00f6glichkeit eine erste Partie ohne Vorurteile zu spielen. Man w\u00fcrde vermuten, dass damit unwiderruflich belegt ist, dass die erste Partie keine Aussagekraft f\u00fcr eine Spielbesprechung haben sollte. Aber das Gegenteil ist der Fall.<\/p>\n<p>Die erste Partie wird mit Voreingenommenheit gespielt und ob es \u00fcberhaupt zu einer Folgepartie kommen wird, h\u00e4ngt davon ab, wie gut diese Erwartungen erf\u00fcllt wurden. Diese Erwartungen richtig zu setzen, liegt in erster Linie an den Verlagen selbst. Diese m\u00fcssen die Inszenierung des Spiels verantworten. Daher sollten sie auch ein Interesse daran haben, dass die formgebenden Elemente des Spiels auch in der Pr\u00e4sentation im Mittelpunkt stehen. Die Brettspielkritik leistet hier im Vorbeigehen Hilfestellung, wenn sie den Kern des Spielerlebnis und damit auch die wichtigsten Merkmale des Spiels benennt. Wie oft das Spiel daf\u00fcr gespielt wurde, ist hier jedoch nicht von oberster Bedeutung.<\/p>\n<p>Diese Zahl ist f\u00fcr Content-Creator*innen jedoch umso wichtiger. Ihre Erfahrung an Hand wiederholter Partien mit einem Spiel, dient Spielenden als Datenpunkt. Sie sind meistens gewillt einem Spiel eine zweite, dritte oder auch f\u00fcnfte Chance zu geben, wenn der\/die Content-Creator*in des Vertrauens versichern kann, dass nach \u201eder steilen Lernkurve\u201c ein tolles Spielerlebnis wartet. Dieses Urteil wird mit jeder weiteren Partie, in der das Spiel getestet wurde, noch belastbarer. Es gilt als gesetzt, dass die G\u00fcltigkeit einer Meinung an der Anzahl der gespielten Partien abgelesen werden kann. Was zumindest f\u00fcr Spiele, die nur ein Mal gespielt werden k\u00f6nnen, zutrifft.<\/p>\n<p><em>[Dieser Artikel wurde vor Ver\u00f6ffentlichung 12 Mal quergelesen.]<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Content-Creator*innen, die in ihren Spielbesprechungen gerne erw\u00e4hnen wie oft sie das Spiel tats\u00e4chlich gespielt haben. Gerade wenn spielbegeisterte Menschen anfangen ihre \u00dcberlegungen, Meinungen und \u00dcberzeugungen zu Spielen zu ver\u00f6ffentlichen, ringen sie fr\u00fcher oder sp\u00e4ter mit der Frage: wie oft muss man ein Spiel gespielt haben, bevor man es besprechen kann? 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