{"id":26938,"date":"2026-03-01T12:01:06","date_gmt":"2026-03-01T10:01:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=26938"},"modified":"2026-03-01T12:32:24","modified_gmt":"2026-03-01T10:32:24","slug":"ethik-im-wandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2026\/03\/01\/26938\/","title":{"rendered":"Ethik im Wandel"},"content":{"rendered":"<p>Henry Kissinger ist nun gl\u00fccklicherweise tot. Damit steht es nun an mir dieses alt-gediegene TV-Format in Blog-Form wiederzubeleben. Diesmal jedoch \u2013 wie sollte es anders sein \u2013 mit einem Brettspielbezug. <\/p>\n<p>Aufh\u00e4nger ist dabei eine flapsige Bemerkung, die ein bekannter Spielekritiker auf Bluesky machte, welche aus verschiedenen Gr\u00fcnden f\u00fcr Emp\u00f6rung und Aufruhr sorgte. Konkret wurde ein Kommentar angeprangert, in dem ein anderer Spielekritiker beil\u00e4ufig erw\u00e4hnte, dass er erhaltene Rezensionsexemplare (nachdem sie besprochen wurden) weiterverkauft.<\/p>\n<p>Umgehend wurde von ethischen Grunds\u00e4tzen des (Brettspiel-)Journalismus gesprochen. Es wurde ausgef\u00fchrt, dass ein finanzielles Interesse an einem Spiel die Unvoreingenommenheit der Spielkritik sch\u00e4digt. Es war die Rede von T\u00e4uschung der eigenen Community, oder auch dem Vertrauensmissbrauch gegen\u00fcber dem Verlag. Von der Einkommenseinbu\u00dfe des dadurch nicht vom Verlag verkauften Spiels ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Wenn diese Beschreibung etwas sp\u00f6ttisch klingt, dann ist das nicht ganz falsch. Aber ich will dennoch betonen, dass ich nicht den kritischen Blick auf die Situation f\u00fcr unzutreffend halte. Auch ich st\u00f6re mich an dem Gedanken, dass Rezensionsexemplare ohne weiteres weiterverkauft werden. Es sind jedoch die Argumente und der Tonfall, der mir in diesen Gespr\u00e4chen verfehlt erscheint.<\/p>\n<p>Ethik ist ein sehr gro\u00dfer Begriff f\u00fcr etwas, das auch auf einer niedrigen Stufe besprochen werden kann. Wenn jemand in den Parkplatz schl\u00fcpft, in den man gerade zur\u00fccksetzen wollte, beginnt man kein Gespr\u00e4ch \u00fcber ethische Grunds\u00e4tze des Miteinanders. Nicht weil so ein Verhalten nichts mit Ethik zu tun hat, sondern weil wir nicht \u00fcber Prinzipien sprechen, sondern \u00fcber konkrete Handlungen von einzelnen. Wenn wir uns dar\u00fcber einig sind wie diese einzelne Handlung zu bewerten ist, k\u00f6nnen wir daraus gerne Prinzipien und auch ethische Grunds\u00e4tze ableiten. Aber wir sollten erst ein mal wissen wo unsere W\u00e4nde stehen, bevor wir versuchen ein Dach draufzusetzen.<\/p>\n<p>Die oben erw\u00e4hnte Situation ist \u2013 wenn man sie von den meisten pers\u00f6nlichen Details befreit \u2013 die folgende: ein Verlag h\u00e4ndigt einem Kritiker ein Rezensionsexemplar eines Spiels aus. Dieser bespricht das Spiel auf seiner Plattform. Im Anschluss bleiben dem Kritiker folgende Optionen mit dem Spiel umzugehen.<br \/>\nErstens: er beh\u00e4lt das Spiel.<br \/>\nZweitens: er verschenkt das Spiel.<br \/>\nDrittens: er verlost das Spiel an seine Community<br \/>\nViertens: er verkauft das Spiel.<\/p>\n<p>In der hermetisch abgesiegelten Blase dieses Beispiels ist ganz klar, welche Optionen man uneingeschr\u00e4nkt akzeptieren kann und bei welchen man die Nase r\u00fcmpft. Dummerweise existieren wir nicht in hermetisch abgesiegelten Blasen. Spielkritik wird in einem sehr facettenreichen Kontext gemacht, auch wenn die Vielzahl an Gesichtern wei\u00dfer M\u00e4nner manchmal anderes vermuten l\u00e4sst. Dennoch braucht es einen differenzierten Blick auf die Situation. Auch hier f\u00fchle ich mich gezwungen zu betonen, dass ich den Weiterverkauf von Rezensionsexemplaren nicht guthei\u00dfen will.<\/p>\n<p>Der Konflikt, der sich in dem anfangs erw\u00e4hnten Austausch entladen hat, liegt jedoch meiner Meinung nach in zwei stark von einander abweichenden Vorstellungen \u00fcber Brettspielmedien (bzw. Spielkritiken). Auf der einen Seite steht das Streben nach einer professionalisierten, vertrauensw\u00fcrdigen und verl\u00e4sslichen Medienlandschaft (wenn schon nicht in der Politik, dann wenigstens bei Brettspielen). Auf der anderen Seite steht das Selbstverst\u00e4ndnis der Brettspielmedien als lose Gruppe leidenschaftlicher Hobbyisten, die ehrenamtlich handeln und daf\u00fcr mit Privilegien wie ausgew\u00e4hlten Verlagsveranstaltungen und kostenfreien Spielen belohnt werden. Innerhalb dieses Spannungsfeldes f\u00fchrt die \u00c4u\u00dferung \u00fcber verkaufte Rezensionsexemplare unweigerlich zur Explosion. Die einen sehen das angestrebte Ziel einer respektablen und erwachsenen Spielszene in Gefahr. Die anderen blicken neidisch auf Leute, die sich trotz ihrer vermeintlich gehobenen Stellung in der Szene finanziell bereichern.<\/p>\n<p>Betrachtet man die Brettspielszene n\u00fcchtern und ohne Anflug von Mitgef\u00fchl, so muss man festhalten, dass ihre Medien eben zu gro\u00dfen Teilen von ehrenamtlichen Hobbyisten geschaffen werden. Das hat zum einen zur Folge, dass das Heraufbeschw\u00f6ren von verpflichtenden journalistischen Standards deplatziert wirkt. Spiele zu besprechen und Kritiken zu verfassen, wird aus Freude an der Sache betrieben. Nicht um eine weitere Einkommensquelle zu etablieren. <\/p>\n<p>Jedoch lockt, aus Gr\u00fcnden die in meinen Augen vor allem damit zu tun haben welche verquere Vorstellungen in unserer Gesellschaft existieren was eine \u201esinnvolle\u201c Besch\u00e4ftigung angeht, die Aussicht auf finanzielle Vorteile bzw. die Verringerung der eigenen Ausgaben f\u00fcr das Ehrenamt viele dazu mit Professionalit\u00e4t zu lieb\u00e4ugeln. Es scheint darum vielen Enthusiasten naheliegend ihr Tun in der einen oder anderen Form zu kommerzialisieren. Sei es durch Crowdfunding, durch Merchandise oder durch finanzierte Kooperationen mit Verlagen. Mit diesen Finanzierungsversuchen \u00f6ffnet man sich nat\u00fcrlich der Gefahr der Befangenheit durch finanzielle Abh\u00e4ngigkeit. Die Vergangenheit der Medien (und erschreckenderweise auch ihre Gegenwart) zeigt, dass aus diesen Gr\u00fcnden journalistische Standards und strenge ethische Richtlinien notwendig sind. Dass ihre Einhaltung und auch Anmahnung unverzichtbar ist.<\/p>\n<p>Es kann keine professionelle Medienlandschaft ohne strengen journalistischen Verhaltenskodex geben. Gleichzeitig kann aber eine solche Medienlandschaft nicht allein aus ehrenamtlich Handelnden bestehen. Auch ein Ehrenamt muss ab einem bestimmten qualitativen und quantitativen Niveau finanziert werden. Findet diese Finanzierung nicht statt, werden Brettspielmedien nur noch von jenen produziert, die das soziale und finanzielle Privileg daf\u00fcr aufbringen k\u00f6nnen. Die oben erw\u00e4hnten M\u00f6glichkeiten der Finanzierung wirken wie mal mehr oder mal weniger starke Kompromisse mit den eigenen Prinzipien. Auch den Verkauf von Rezensionsexemplar z\u00e4hle ich dazu. Wer es sich leisten kann, verzichtet darauf. Aber es f\u00e4llt mir schwer andere Kritiker*innen a priori daf\u00fcr zu verurteilen ohne ihre konkrete Situation zu kennen.<\/p>\n<p>Die eigentliche Frage ist meiner Meinung nach nicht, ob ein solcher Verkauf unter bestimmten Vorbedingungen (Offenlegung der Praxis, Einverst\u00e4ndnis des Verlags, geringer Umfang, langer zeitlicher Abstand zur Ver\u00f6ffentlichung etc.) in Ordnung ist. Vielmehr muss man sich die Frage stellen, ob das Produzieren von Brettspielkritiken Arbeit ist oder nicht. Ist sie es nicht, dann m\u00fcssen wir uns fragen warum es uns st\u00f6rt wie andere ihr Hobby betreiben. Aber wenn Brettspielmedien und Spielkritiken Arbeit sind, dann m\u00fcssen wir uns als Szene damit auseinandersetzen wie und in welcher Form wir eine Finanzierung dieser Arbeit zu akzeptieren bereit sind. Insbesondere im Hinblick darauf wen wir aus dieser Szene ausschlie\u00dfen, wenn wir bestimmte Finanzierungsm\u00f6glichkeiten partout als inakzeptabel abstempeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Henry Kissinger ist nun gl\u00fccklicherweise tot. Damit steht es nun an mir dieses alt-gediegene TV-Format in Blog-Form wiederzubeleben. Diesmal jedoch \u2013 wie sollte es anders sein \u2013 mit einem Brettspielbezug. Aufh\u00e4nger ist dabei eine flapsige Bemerkung, die ein bekannter Spielekritiker auf Bluesky machte, welche aus verschiedenen Gr\u00fcnden f\u00fcr Emp\u00f6rung und Aufruhr sorgte. Konkret wurde ein [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":26943,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"Ethik im Wandel - \r\n\r\n\u00dcber Dinge die Rezensent*innen nicht tun d\u00fcrfen und die Gespr\u00e4che, die man deshalb f\u00fchren sollte\r\n\r\n#brettspiele","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-26938","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Ethik-im-Wandel-scaled.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26938","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26938"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26938\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26942,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26938\/revisions\/26942"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26943"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26938"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26938"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26938"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}