{"id":26784,"date":"2025-12-07T12:01:50","date_gmt":"2025-12-07T10:01:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=26784"},"modified":"2025-12-07T11:34:58","modified_gmt":"2025-12-07T09:34:58","slug":"agency-und-warum-man-sie-braucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2025\/12\/07\/26784\/","title":{"rendered":"Agency und warum man sie braucht"},"content":{"rendered":"<p>Agency ist ein Begriff, der im Mittelpunkt von Brettspielen steht. In \u201eAgency as Art\u201c sagt T. Chi Nguyen, dass Spiele ein Medium f\u00fcr eben diese Agency sind. An Stelle von erz\u00e4hlerischen oder abbildenden Inhalten, verleihen Spiele ihren Spieler*innen eine Form der Handlungsf\u00e4higkeit, welche sie im Rahmen des gemeinsamen Spielens ausprobieren k\u00f6nnen. Es ist ein Gedanke, der das Medium sinnvoll umschreibt. Spielsimulationen machen die Spieler*innen mit bestimmten Situationen vertraut. Diese \u00dcbung hilft ihnen in vergleichbaren, realen Situationen nicht \u00fcberfordert zu werden. Ein Gedanke, den Peter Perla in The Art of Wargaming ebenfalls umrei\u00dft.<\/p>\n<p>Abseits solcher Lernm\u00f6glichkeiten, erlauben Spiele aber auch sich selbst zu inszenieren. Man kann sich am Tisch wie ein gewiefter H\u00e4ndler gebaren, wenn man Preisschwankungen im Spielverlauf geschickt nutzt, um einen Profit zu schlagen. Oder eben mit abgebr\u00fchtem Weitblick Investitionen t\u00e4tigen, um sich Einfluss und Macht \u00fcber den Spielplan zu sichern. Brettspiele erlauben uns eine Form des Theaters zu spielen, welches Immersion einschlie\u00dft, aber auch weit dar\u00fcber hinausgeht. S\u00e4mtliche dieser Erfahrungen sind uns zug\u00e4nglich, weil Brettspiele uns \u201eagency\u201c verleihen.<\/p>\n<p>Man kann sich also mit Recht fragen, was es mit dieser \u201eagency\u201c eigentlich auf sich hat. Woraus setzt sie sich zusammen und was versteht man eigentlich darunter? Das g\u00e4ngige Verst\u00e4ndnis von Spielen f\u00e4llt generell auf ihre mechanische Ebene zur\u00fcck. Entsprechend versucht man \u201eagency\u201c auch mechanisch zu fassen.<\/p>\n<p>Innerhalb dieses Kontext versteht man \u201eagency\u201c, als die M\u00f6glichkeiten der Spielenden auf den Spielverlauf Einfluss zu nehmen. Das ist zum einen durch die meist klar umrissenen Aktionsm\u00f6glichkeiten des Spiels gegeben. Ein Spiel in dem man w\u00e4hrend des eigenen Zugs zwischen vier unterschiedlichen Aktionen entscheiden kann, bietet einen klaren Rahmen wie man den Spielverlauf ver\u00e4ndern kann. Die erste Stufe der \u201eagency\u201c findet sich in den Regeln des Spiels wieder. Sobald man diese kennt, hat man eine Form von \u201eagency\u201c erreicht.<\/p>\n<p>Wenn man mit anderen spielt, kommt oft hinzu, dass die Entscheidungen der anderen Spieler*innen meine M\u00f6glichkeiten weiter einschr\u00e4nken oder ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Angenommen eine meiner Aktionen lautet: Geld aus dem Vorrat nehmen. Wenn die Spieler*innen vor mir jedoch diese Aktion bereits gew\u00e4hlt haben und der Vorrat darum in dieser Runde leer ist, ver\u00e4ndert das meine M\u00f6glichkeiten etwas zu tun. Die Grenzen meiner \u201eagency\u201c verschieben sich im Laufe des Spiels aufgrund der Entscheidungen anderer. Im kleineren \u2013 und oft als reizvoll angesehenen Rahmen \u2013 werden einzelne Aktionen dadurch wertvoller f\u00fcr mich. Vielleicht hat der Fokus auf Geld dazu gef\u00fchrt, dass ich nun mehr Karten aus der Auslage nehmen kann als letzte Runde.<\/p>\n<p>Im anderen Extrem kann meine \u201eagency\u201c jedoch auch aufgehoben werden, weil ich durch die Aktionen meiner Mitspieler*innen aus der laufenden Spielrunde geworfen werde. Der Grund weshalb \u201eplayer eliminiation\u201c oft abgelehnt wird, hat letztendlich damit zu tun, dass uns unsere \u201eagency\u201c v\u00f6llig genommen wurde. Der Grund weshalb viele von uns \u00fcberhaupt ein Spiel spielen, wird in solchen F\u00e4llen durch die Entscheidungen anderer aufgehoben.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde dieses Verst\u00e4ndnis von agency als \u201eSpiel-agency\u201c umschreiben. Es umschreibt die mechanische Ebene des Spiels, aber auch die durch die Spielinteraktion entstehenden Situationen, welche explizit umrei\u00dfen welche Handlungsm\u00f6glichkeiten mir zur Verf\u00fcgung stehen. \u201eSpiel-agency\u201c ist gewisserma\u00dfen objektiv, da sie messbar ist und durch eine saubere Analyse oftmals sogar in einem Flussdiagramm oder in mathematischen Gleichungen erfasst werden kann. Der spielerische Reiz besteht in vielen Spielen darin, dass man nicht alle Faktoren kennt. Stichspiele veranschaulichen das ziemlich gut. Hier versuchen wir unsere eigene \u201eSpiel-agency\u201c zu maximieren, in dem wir die Regeln daf\u00fcr nutzen, um die \u201eSpiel-agency\u201c der anderen einzuengen. Wir spielen bestimmte Karten, um andere zu zwingen darauf zu antworten und sie so hoffentlich spielerisch in die Ecke zu dr\u00e4ngen. Damit k\u00f6nnen wir selbst Stiche holen bzw. Punkte machen.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde diesem mechanischen Verst\u00e4ndnis von \u201eagency\u201c jedoch noch eine Ebene hinzuf\u00fcgen wollen. Eine, die vielleicht sogar noch wichtiger ist als die Spiel-agency selbst: \u201epers\u00f6nliche agency\u201c. Diese ist nicht unbedingt eine direkte Folge der M\u00f6glichkeiten, die die Spielregeln uns einr\u00e4umen. Es ist auch nur indirekt von der tats\u00e4chlichen, \u201emessbaren\u201c Spielsituation beeinflusst. Bei \u201epers\u00f6nlicher agency\u201c geht es vielmehr um Fragen der Selbsteinsch\u00e4tzung, der Interpretation der Spielsituation und dem Vertrauen in das Potential welches beiden innewohnt.<\/p>\n<p>\u201ePers\u00f6nliche agency\u201c ist davon geformt wie wir unsere Handlungsf\u00e4higkeit und unsere Wirkungsmacht innerhalb des Spiels einordnen und erfassen. Sie ist die psychologische Basis daf\u00fcr wie wir diese Dinge innerhalb des Spiels erleben, und damit meiner Meinung auch wie viel Spa\u00df wir mit einem Spiel haben. Je gr\u00f6\u00dfer die \u201epers\u00f6nliche agency\u201c ist, umso mehr Freude und Interesse empfinden wir beim Spielen. Je weniger \u201epers\u00f6nliche agency\u201c wir empfinden, umso unbefriedigender und frustrierender ist auch das Spielerlebnis.<\/p>\n<p>Als Veranschaulichung sei hier eine Spielpartie genannt, in der ein Mitspieler sich bereits in der ersten Runde als stark eingeschr\u00e4nkt sah. Aus vier verf\u00fcgbaren Aktionsfeldern waren zwei bereits von Mitspieler*innen blockiert worden, bevor er am Zug war. Hinzu kam, dass die Wahl sp\u00e4terer Aktionen daran gekoppelt war, welches Feld man zu Beginn der Runde gew\u00e4hlt hatte. Der Mitspieler sah sich als letzter Spieler in der Zugreihenfolge in jeder Hinsicht benachteiligt. Dieses Gef\u00fchl konnte er das gesamte Spiel \u00fcber nicht ablegen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_26791\" aria-describedby=\"caption-attachment-26791\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Agency-dino-scaled.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-26791\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Agency-dino-300x278.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"278\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Agency-dino-300x278.png 300w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Agency-dino-700x648.png 700w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Agency-dino-150x139.png 150w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Agency-dino-768x711.png 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Agency-dino-1536x1422.png 1536w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Agency-dino-2048x1897.png 2048w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Agency-dino-370x343.png 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Agency-dino-270x250.png 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Agency-dino-570x528.png 570w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Agency-dino-540x500.png 540w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Agency-dino-740x685.png 740w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-26791\" class=\"wp-caption-text\">Wer nur das Negative sieht, vermutet einen Abgrund neben dem Bild<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auch in sp\u00e4teren Runden, als die Zugreihenfolge mehrfach gewechselt hatte und auch die Entscheidungen zu Beginn der Partie keine greifbaren Konsequenzen auf die aktuelle Situation hatte, f\u00fchlte er sich in seiner Handlungsf\u00e4higkeit benachteiligt.<\/p>\n<p>Eine Erkl\u00e4rung oder vermeintlich objektive Analyse der Spielm\u00f6glichkeiten h\u00e4tte an dieser Stelle keine Ver\u00e4nderung gebracht. Denn wie so viele Meinungen basierte sie eben nicht auf einer rein rationalen Analyse der Sachlage, sondern auf ein Gef\u00fchl, welches auf fr\u00fcheren Erfahrungen und Erlebnissen aufbaute. Er sah sich selbst als benachteiligt, sah die Spielsituation als unausgeglichen und es fiel im schwer das Potential f\u00fcr die laufende Partie zu sehen. Er konnte keinen Weg sehen, um am Wettbewerb des Spiels teilzunehmen. Dabei ist es auch unerheblich, ob diese Einsch\u00e4tzung richtig war oder nicht. Es sah sich in dieser Situation und sowohl seine Entscheidungen, als auch sein Spielerlebnis wurden dadurch geformt.<\/p>\n<p>Aber \u201epers\u00f6nliche agency\u201c umschreibt nicht nur ein empfundenes Schrumpfen der Handlungsf\u00e4higkeit in einem Spiel. Gerade Gl\u00fccksspiele leben davon, dass sie den Spieler*innen das Gef\u00fchl geben \u00fcber die mechanischen M\u00f6glichkeiten des Spiels hinauszuwachsen. \u201ePers\u00f6nliche agency\u201c dient uns dazu mehr zu sehen als die strikt mathematisch erfassbaren Optionen, die in den Regeln benannt werden. In einem Spiel wie Hot Streak (ein Spiel bei dem man auf die Erstplatzierten eines Rennens wettet) hat man geringe Spiel-agency. Man w\u00e4hlt zu Beginn lediglich aus, welche Wetten man platzieren will. Die Figuren bewegen sich nach einem Kartenstapel von etwa 12 zuf\u00e4llig gew\u00e4hlten, aber bekannten Karten, von denen jede*r Mitspieler*in exakt eine vor jedem Rennen geheim ver\u00e4ndern kann. Genau genommen ist es \u2013 gerade in gr\u00f6\u00dferen Gruppen \u2013 enorm unklar wie sich die Figuren bewegen werden. Aber da man durch die ungef\u00e4hre Kenntnis des Kartenstapels, sowie der durch uns selbst eingebrachten Ver\u00e4nderungen, in der Lage sind den m\u00f6glichen Spielverlauf grob zu antizipieren, entsteht \u201epers\u00f6nliche agency\u201c. Wir f\u00fchlen uns in der Lage vorausschauende Entscheidungen zu f\u00e4llen, die den Sieg wahrscheinlicher machen.<\/p>\n<p>Wir sind davon \u00fcberzeugt die M\u00f6glichkeiten des Spiels zu erkennen und nutzen zu k\u00f6nnen. Unsere volle Teilnahme am Spielgeschehen baut auf dieser Selbsteinsch\u00e4tzung auf. Ohne \u201epers\u00f6nliche agency\u201c k\u00f6nnen wir nicht richtig in das Spielgeschehen eintauchen. Erst wenn wir diese Schwelle \u00fcberschreiten, wird aus einem Spielzeug ein Spiel.<\/p>\n<p>Entsprechend sollte es oberste Priorit\u00e4t sein Spieler*innen m\u00f6glichst schnell dorthin zu bringen. Diese Aufgabe f\u00e4llt offensichtlich denen zu, welche das Spiel anderen vermitteln. Das k\u00f6nnen Erkl\u00e4rer*innen bei einem \u00f6ffentlichen (oder auch privaten) Spieletreff sein. Aber in den meisten F\u00e4llen ist es die Anleitung des Spiels und damit auch h\u00e4ufig die Personen, die das Spiel entwickelt haben.<\/p>\n<p>Die Methode auf die man im Zweifelsfall immer zur\u00fcckgreifen kann lautet Wiederholung. Man spielt ein Spiel immer und immer wieder. Bis man gen\u00fcgend Spielverl\u00e4ufe erlebt hat, um sich ein Bild davon machen zu k\u00f6nnen was m\u00f6glich ist. Hat man das eigene Vorstellungsverm\u00f6gen mit ausreichend Erfahrung gef\u00fcttert, f\u00e4llt es leichter die eigene Handlungsf\u00e4higkeit zu identifizieren. Bei Stichspielen wird in der Regel so vorgegangen. Mit gen\u00fcgend Erfahrung bildet sich eine Art \u201eK\u00f6nnen\u201c und dieses \u201eK\u00f6nnen\u201c er\u00f6ffnet einem Spielspa\u00df.<\/p>\n<p>Die Frage, die man sich also stellen muss, lautet: welche Werkzeuge stehen Designer*innen aber auch generell Spielerkl\u00e4renden zur Verf\u00fcgung, um Erfahrung nicht als Vorbedingung f\u00fcr Spielspa\u00df zu ben\u00f6tigen? Wie kann ein Spiel Spa\u00df machen, d.h. uns \u201epers\u00f6nliche agency\u201c vermitteln, ohne dass wir das Spiel bereits vielfach gespielt haben m\u00fcssen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Agency ist ein Begriff, der im Mittelpunkt von Brettspielen steht. In \u201eAgency as Art\u201c sagt T. Chi Nguyen, dass Spiele ein Medium f\u00fcr eben diese Agency sind. An Stelle von erz\u00e4hlerischen oder abbildenden Inhalten, verleihen Spiele ihren Spieler*innen eine Form der Handlungsf\u00e4higkeit, welche sie im Rahmen des gemeinsamen Spielens ausprobieren k\u00f6nnen. 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