{"id":26631,"date":"2025-10-19T16:31:29","date_gmt":"2025-10-19T14:31:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=26631"},"modified":"2025-10-19T16:31:29","modified_gmt":"2025-10-19T14:31:29","slug":"das-spiel-muss-aufhoeren-damit-die-auseinandersetzung-beginnen-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2025\/10\/19\/26631\/","title":{"rendered":"Das Spiel muss aufh\u00f6ren, damit die Auseinandersetzung beginnen kann"},"content":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit fragte mich jemand, ob ich wirklich denke, dass Spielende sich nicht kritisch mit den Spielen auseinander setzen, die sie spielen. Also dass sie die Themen nicht hinterfragen oder ihr eigenes Handeln reflektieren. Meine Antwort darauf war ein klares Nein, ich denke nicht, dass das passiert.<\/p>\n<p>Dabei halte ich den Spieler*innen nicht zwingend fehlendes Interesse vor. Denn die Breite an Spielthemen findet durchaus Geh\u00f6r in der Spieler*innenschaft. Auch ist mir bewusst, dass Spielgruppen ihre Spielaktionen nicht unentwegt bis zur Inhaltslosigkeit abstrahieren. Spiele wie Spirit Island oder Molly House werden ja gerade deshalb mit viel Begeisterung besprochen, weil man sich so nah an die Erz\u00e4hlebene h\u00e4lt. Aber das alleine ist in meinen Augen kein Beleg f\u00fcr eine kritische und reflektierte Auseinandersetzung mit Spielen.<\/p>\n<p>In den meisten F\u00e4llen dr\u00fcckt sich die Auseinandersetzung mit einem Thema dadurch aus, dass Spielende das Setting kurz bewerten. Kulturell gef\u00e4rbte Spielthemen (z.B. im Spiel Kauri, welches in Neuseeland gesetzt ist) gelten oft als unangemessen oder verfehlt, wenn dahinter Personen stehen, die keinen direkten kulturellen Bezug zu dem Setting haben. H\u00e4ufig wird dann noch geschaut, ob das Setting Stereotypen und Klischees bedient oder mit ihnen bricht. Die \u201eAuseinandersetzung mit dem Thema\u201c des Spiels gilt besonders dann als kritisch, wenn man das Aufgreifen von Stereotypen benennen und begr\u00fcndet anprangern kann.<\/p>\n<p>Ein Setting, das sich eher auf historische und real-weltliche Zusammenh\u00e4nge beruft, wird darauf gepr\u00fcft, ob es dem aktuellen (oder auch nur eigenen) Wissensstand entspricht. Tragen Orte und Objekte die richtigen Namen f\u00fcr die Zeit? Sehen die gezeigten Personen im Spiel so aus wie die Gruppen, zu denen sie geh\u00f6ren m\u00fcssten? Entsprechen die im Spiel entstehenden Situationen unserem Verst\u00e4ndnis der tats\u00e4chlichen Zusammenh\u00e4nge? Sp\u00e4testens hier wird deutlich, dass diese Besch\u00e4ftigung mit dem Thema eher einem Abgleichen des Settings mit einer Liste von etablierten Tatsachen entspricht. Es ist nicht das Selbe wie ein Thema mit einem kritischen Blick zu durchleuchten und Fragen zu stellen.<\/p>\n<p>Das Thema wird an Hand seines Settings bewertet, aber dar\u00fcber hinaus nicht weiter betrachtet. Das individuell empfundene Immersionserlebnis wird vermutlich oft als Ma\u00dfstab genommen, um ein Thema als besonders gelungen zu w\u00fcrdigen. Ein besonderes immersiv empfundenes Setting wird als Beweis f\u00fcr ein besonders gut ausgearbeitetes Thema angesehen.<\/p>\n<p>Wenn es darum geht das eigene Handeln zu reflektieren, wird auch hier das Setting als Ausgangslage genutzt. Das bedeutet, die eigene Aktion wird zuerst in das Setting \u00fcbersetzt. Je nach gew\u00e4hltem Spiel kann das Platzieren einer Spielfigur hier das Verbreiten von politischem Einfluss sein, das Erobern einer Ortschaft oder auch das Bauen eines Geb\u00e4udes.<\/p>\n<p>Wenn wir das Spiel zumindest in seinen Grundfesten ernst nehmen, nutzen wir daf\u00fcr auch die Begriffe und Worte welche die Anleitung dem Spielmaterial selbst gibt (\u201e<em>Meine Diebesgilde breitet sich in der Stadt aus und ihr verliert Geld und Ansehen.<\/em>\u201c) Ist uns das Thema eines Spiels egal, greifen wir auf schlichte Objektbezeichnungen zur\u00fcck (\u201e<em>Ich setze meinen blauen W\u00fcrfel ein und ihr verliert 1 gelben und 1 roten W\u00fcrfel.<\/em>\u201c). Wenn Spielende \u00fcber ihr Handeln nachdenken, tun sie das darum immer als Reaktion auf die eigene \u00dcbersetzungsleistung. Je nachdem mit welchen Worten (bzw. Sprachbildern) sie ihre Aktion beschrieben haben, hat diese mal mehr und mal weniger erkennbare Reaktionen zur Folge. Einen Marker von Position 4 auf Position 2 zu bewegen, werden die meisten Spielenden nicht als besonders aussagekr\u00e4ftigen Schritt wahrnehmen. Aber wenn man wie in \u201eDer Herr der Ringe \u2013 Das Schicksal der Gemeinschaft\u201c damit Hoffnung verlieren, dann ist es die Wortwahl alleine, die hier etwas Zus\u00e4tzliches in uns ausl\u00f6st.<\/p>\n<p>Wenn wir also \u00fcber das eigene Handeln reflektieren wollen, m\u00fcssen wir zuerst den richtigen Wortschatz anwenden. Erst dann kann man von Handlungen sprechen, \u00fcber die es \u00fcberhaupt wert ist nachzudenken. Aber selbst wenn man einr\u00e4umt, dass Spielende die sprachliche Auskleidung des Spiels aufgreifen und die erz\u00e4hlerische F\u00e4higkeiten besitzen ihre Aktionen in ein gr\u00f6\u00dferes Narrativ einzubetten: das resultierende Handeln wird innerhalb der selbst gebauten Vorstellungswelt beurteilt. Man schaut innerhalb der Schneekugel des Spielthemas auf das eigene Tun und versucht es in diesem Rahmen zu bewerten.<\/p>\n<p>Das gemeinsame Spielen ist hier die Inspiration f\u00fcr hypothetische \u00dcberlegungen innerhalb des Spielsettings. Darum ist es kein Wunder, dass sich manche Spieler*innen bei Themen wie dem 2. Weltkrieg stark unwohl f\u00fchlen. Es ist nicht die moralische Emp\u00f6rung oder Ablehnung der realen Geschehnisse, die hier im Vordergrund steht. Man reagiert vielmehr auf die Vorstellungen und Bilder, welche durch das Spielen impliziert werden. In die Perspektive eines Nazigenerals oder Wehrmachtssoldaten einzutauchen wird als absto\u00dfend empfunden und entsprechend abgelehnt. Die Abscheu ist bereits vorhanden, aber das Spiel dr\u00e4ngt nahezu auf, sich den entsprechenden Vorstellungen weiter auszusetzen.<\/p>\n<p>In beiden F\u00e4llen steht der Gedanke der Immersion im Mittelpunkt. Gerade darum sehe ich diesen Umgang mit einem Spiel nicht als kritische Hinterfragung des Themas oder als ein Reflektieren \u00fcber die eigene Handlung an. Wenn wir das Setting darauf pr\u00fcfen, wie sehr es unserer Immersion dienlich ist, dann ist das nicht die Art der kritischen Auseinandersetzung um die es geht. Auch ist unsere Reaktion auf die Ideenwelt, welche sich aus den Begriffen des Settings speist und die wir sprachlich selbst konstruieren, kein Nachdenken \u00fcber unser Tun. Wenn wir auf die Situationen im Spiel und ihre bildhafte Beschreibung reagieren, dann spielen wir einfach nur das Spiel.<\/p>\n<figure id=\"attachment_26643\" aria-describedby=\"caption-attachment-26643\" style=\"width: 264px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Nails-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-26643\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Nails-264x300.jpg\" alt=\"\" width=\"264\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Nails-264x300.jpg 264w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Nails-615x700.jpg 615w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Nails-132x150.jpg 132w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Nails-768x874.jpg 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Nails-1350x1536.jpg 1350w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Nails-1800x2048.jpg 1800w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Nails-370x421.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Nails-270x307.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Nails-570x649.jpg 570w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Nails-439x500.jpg 439w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Nails-740x842.jpg 740w\" sizes=\"auto, (max-width: 264px) 100vw, 264px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-26643\" class=\"wp-caption-text\">Statt \u00fcber die N\u00e4gel zu sprechen, warum nicht dar\u00fcber was sie zusammen ergeben?<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Kreise unserer Mitspieler*innen erleben wir eine Fiktion welche sich aus den Spielhandlungen speist und von uns zu einer thematischen Spielerfahrung ausgeschm\u00fcckt wird. Wenn ich meine Figuren auf dem Spielbrett verschiebe und anschlie\u00dfend w\u00fcrfele, dann vollziehe ich eine Spielhandlung gem\u00e4\u00df der Regeln des Spiels. Wenn ich diese Handlung als \u201eAngriff auf deine Schiffe im blauen Sektor\u201c umschreibe, dann schm\u00fccke ich meine Aktion thematisch aus. Wenn wir sp\u00e4ter dar\u00fcber sprechen wie viele Tote dieser Angriff wohl gekostet haben mag und wie ich mich bei diesem Gedanken f\u00fchle, dann trete ich nicht aus dem Spiel heraus und reflektiere mein Handeln.<\/p>\n<p>Stattdessen habe ich lediglich einen Spielimpuls weiterentwickelt, den Kinder bereits im Sandkasten kennen, wenn sie \u201eKuchen backen\u201c und sich diesen gegenseitig anbieten. Es ist der spielerische Akt selbst, wenn wir aus der Gegenst\u00e4ndlichkeit des Spiels eine thematische Erz\u00e4hlung herleiten und uns dabei weigern diese Fiktion als belanglos abzutun. Es ist der gleiche Impuls, den Johan Huizinga erkannt hat, um damit den Bogen vom Spiel zur Kultur zu schlagen.<\/p>\n<p>Wenn wir also \u00fcber die Zahl der Opfer meines Angriffs im blauen Sektor sprechen und dar\u00fcber urteilen, hinterfragen wir damit nicht unser Handeln. Stattdessen verl\u00e4ngern wir den Spielakt (bzw. den magischen Zirkel) \u00fcber die Spielpartie selbst hinaus. Damit fehlt uns die kritische Distanz zur Fiktion, und ein Nachdenken \u00fcber unsere Handlungen findet in diesen Momenten nicht statt.<\/p>\n<p>Es kommt erst zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema eines Spiels, wenn wir uns genauer anschauen wie wir \u00fcber unser Spielen sprechen und nicht wie wir uns beim Gebrauch bestimmter Begriffe f\u00fchlen. Wie ordnen wir unser Spielaktionen in die thematischen Begriffe des Spiels ein? Was klammern wir aus unserer Vorstellung des Spielverlaufs aus? Was f\u00fcgen wir dem Spielthema durch eigene Ideen hinzu? \u00dcber all diese Einstiege in die kritische Betrachtung des Themas, steht letztendlich die Frage \u201eWarum?\u201c.<\/p>\n<p>Warum produzieren wir diese thematische Erfahrung aus den Komponenten des Spiels? Erst wenn wir darauf eine Antwort finden, l\u00e4sst sich meiner Meinung nach ernsthaft dar\u00fcber sprechen wie lobenswert oder kritikw\u00fcrdig ein Thema tats\u00e4chlich ist. <\/p>\n<p>Die Frage was das Thema mit uns \u201cmacht\u201d ist bei Spielen eben gerade nicht auf die rein emotionale Ebene beschr\u00e4nkt. Spiele sind ein interaktives \u201cMedium\u201d. Sie leiten uns an bestimmte Dinge zu tun und bestimmte Zusammenh\u00e4nge in Kombination mit dem Thema zu denken. Gerade das gilt es meiner Meinung nach kritisch zu betrachten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit fragte mich jemand, ob ich wirklich denke, dass Spielende sich nicht kritisch mit den Spielen auseinander setzen, die sie spielen. Also dass sie die Themen nicht hinterfragen oder ihr eigenes Handeln reflektieren. Meine Antwort darauf war ein klares Nein, ich denke nicht, dass das passiert. Dabei halte ich den Spieler*innen nicht zwingend [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":26644,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"Manche schreiben so kurz vor der Spiel \u00fcber Neuheiten, Trends oder die Messe selbst.\r\n\r\nAber nicht Georgios! Der arbeitet sich daran ab warum Kritiken eigentlich mehr Weiterspielen als Kritisieren sind.\r\n\r\n#brettspiele","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-26631","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Empty-Room-scaled.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26631","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26631"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26631\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26653,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26631\/revisions\/26653"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26644"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26631"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26631"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26631"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}