{"id":26576,"date":"2025-09-21T12:12:20","date_gmt":"2025-09-21T10:12:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=26576"},"modified":"2025-09-21T15:09:43","modified_gmt":"2025-09-21T13:09:43","slug":"die-%ce%b5%e1%bd%95%cf%81%ce%b7%ce%ba%ce%b1-schwelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2025\/09\/21\/26576\/","title":{"rendered":"Die \u03b5\u1f55\u03c1\u03b7\u03ba\u03b1-Schwelle oder die Annahme der Handlungsf\u00e4higkeit"},"content":{"rendered":"<p>Aus der Filmwissenschaft, hat sich die Spieleszene irgendwann den Begriff der Immersion entliehen. Es ist das Eintauchen in eine Fiktion, welche unsere gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Damit das \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, ben\u00f6tigt es aber die \u201esuspension of disbelief\u201c seitens des Publikums. Man muss in der Lage sein dar\u00fcber hinwegzuschauen, dass alles Gezeigte nur gespielt und gestellt ist. Das l\u00e4sst sich in Science-Fiction Filmen am Anschaulichsten zeigen. Das Aussehen von au\u00dferirdischen Wesen, das Reisen zu anderen Planeten oder etwa die M\u00f6glichkeit durch die Zeit zu reisen, muss von den Zuschauenden als valide und legitim akzeptiert werden, denn sonst kann die Geschichte nicht funktionieren. Man muss das Gezeigte dabei nicht f\u00fcr wahrhaft und authentisch halten, sondern nur gewillt sein es im Rahmen der Erz\u00e4hlung zu akzeptieren.<\/p>\n<p>(Am Rande: das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr sogenannte \u201erealistische\u201c Dramen, die oft von den Zuschauern einfordern ein bestimmtes Verhalten f\u00fcr nachvollziehbar und schl\u00fcssig zu halten. Etwa die ungehemmte Gewaltbereitschaft von Verbrechern oder auch die Kompetenz und Ehrenhaftigkeit von Polizisten.)<\/p>\n<p>Immersion in einem Film ist nur m\u00f6glich, wenn die <em>suspension of disbelief<\/em> gewahrt ist. \u00dcber Immersion m\u00f6chte ich heute aber nicht schreiben. Interessanter \u2013 und Thema dieses Artikels \u2013 ist das Brettspiel-Gegenst\u00fcck zur <em>suspension of disbelief<\/em>. Denn diese arbeitet in einem Brettspiel nicht darauf hin, das Setting des Spiels m\u00f6glichst authentisch und glaubw\u00fcrdig zu pr\u00e4sentieren. Es geht hier eben nicht darum, Zweifel an einer etwaigen Abbildung des Settings klein zu halten. Die gr\u00fcndliche und sorgf\u00e4ltige Recherche des Hintergrundes f\u00fchrt in der Regel nicht dazu, dass wir uns st\u00e4rker und tiefer mit dem Spielerlebnis befassen. Auch ist die Einbeziehung repr\u00e4sentativer und identit\u00e4tspolitisch zugeh\u00f6riger Personen bei der Spielentwicklung kein Garant daf\u00fcr, dass das Spiel besser, runder und intensiver erlebt wird. (Mehr Diversit\u00e4t in der Spielentwicklung muss nie gerechtfertigt werden. Aber selbst wenn, w\u00e4re das Argument daf\u00fcr nicht an dieser Stelle zu finden.)<\/p>\n<p>Damit ein Spiel sich voll und ganz entfalten kann und die gesamte Aufmerksamkeit der Spielenden auf sich ziehen kann, ben\u00f6tigt es eben nicht die Unterdr\u00fcckung des Zweifels (am Setting des Spiels), sondern die Annahme der Handlungsf\u00e4higkeit (die <em>assumption of agency<\/em>).<\/p>\n<p>Das beschreibt das Vertrauen in die eigene F\u00e4higkeit proaktiv am Spiel teilnehmen zu k\u00f6nnen. Es ist die \u00dcberzeugung, dass man in der Lage ist im Rahmen des Spiels handlungsf\u00e4hig zu sein oder zumindest im Spielverlauf dazulernen und sich verbessern wird. Das mag f\u00fcr manche trivial klingen, aber ist dennoch ein ganz grundlegender Baustein, um \u00fcberhaupt ein Spielerlebnis zu erm\u00f6glichen. Wenn Spieler*innen diese Annahme nicht aufrecht erhalten k\u00f6nnen, z.B. weil die Regeln besonders undurchsichtig wirken, die Mitspielenden auf einem weit h\u00f6heren Niveau zu spielen scheinen oder der Spielverlauf als einschr\u00e4nkend und strafend wahrgenommen wird, funktioniert das Spiel effektiv nicht. Statt das Spiel zu spielen, experimentiert man lediglich und l\u00f6st Regeleffekte aus.<\/p>\n<p>Diese H\u00fcrde m\u00fcssen Spieler*innen bei jeder neuen Spielerkl\u00e4rung und Anleitung zu nehmen wissen. Sie m\u00fcssen das Gef\u00fchl haben, dass sie aktiv den Verlauf des Spiels ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Etwa in dem sie sich Ziele setzen und diese dann verfolgen. Oder in dem sie sich zutrauen auf jede Spielsituation mit Hilfe der bekannten Handlungsm\u00f6glichkeiten reagieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Erst wenn sie sich zutrauen mit einer gewissen Wirkungsmacht im Spiel handeln zu k\u00f6nnen, kann man davon sprechen das Spiel tats\u00e4chlich zu spielen. Erfahrene Spieler*innen kennen diese Entwicklung nur zu gut. Beinahe jedes Spiel beginnt in einem gewissen Unverm\u00f6gen das Spiel spielen zu k\u00f6nnen und geht \u2013 im Idealfall \u2013 in die \u00dcberzeugung \u00fcber das Spiel begriffen zu haben. Es macht \u201eklick\u201c und man versteht was man zu tun hat, die \u03b5\u1f55\u03c1\u03b7\u03ba\u03b1-Schwelle wurde \u00fcberwunden und ab diesem Punkt kann das Spiel richtig losgehen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_26578\" aria-describedby=\"caption-attachment-26578\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Atlantis-Exodus-Spielbrett-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-26578\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Atlantis-Exodus-Spielbrett-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Atlantis-Exodus-Spielbrett-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Atlantis-Exodus-Spielbrett-700x525.jpg 700w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Atlantis-Exodus-Spielbrett-150x113.jpg 150w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Atlantis-Exodus-Spielbrett-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Atlantis-Exodus-Spielbrett-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Atlantis-Exodus-Spielbrett-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Atlantis-Exodus-Spielbrett-370x278.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Atlantis-Exodus-Spielbrett-270x203.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Atlantis-Exodus-Spielbrett-570x428.jpg 570w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Atlantis-Exodus-Spielbrett-667x500.jpg 667w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Atlantis-Exodus-Spielbrett-740x555.jpg 740w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Atlantis-Exodus-Spielbrett-80x60.jpg 80w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-26578\" class=\"wp-caption-text\">Dieser Anblick kann entmutigen, oder eine schaffbare Herausforderung ank\u00fcndigen<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das \u00dcberschreiten dieser Schwelle bzw. diese Annahme der Handlungsf\u00e4higkeit muss von den Spielenden gemacht werden. Sie kann weder durch einen Regelpassus vorgeschrieben, oder durch einzelne Designentscheidungen garantiert werden. Es gibt jedoch durchaus Details an einem Spiel, welche es neuen Spieler*innen erschweren kann sich <em>agency<\/em> zuzusprechen.<\/p>\n<p>Das beginnt bei Dingen wie der Menge und Feink\u00f6rnigkeit der Regeln. Je st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt sie sind, umso schwerer f\u00e4llt es sich zuzumuten diese aktiv und zielgerichtet zu nutzen. Als Beispiel sei hier etwa <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/civolution\/\">Civolution<\/a> genannt, welches zwar mit dem Label \u201eExpertenspiel\u201c bereits viele Leute abschrecken soll, aber auch unter selbst-ernannten Experten oft eine lange Reihe an \u201eVersuchspartien\u201c einfordert, bevor diese sich genug Kompetenz zusprechen, um voll und ganz in das Spielerlebnis eintauchen zu k\u00f6nnen. Entsprechend ist die Aufarbeitung des Regelheftes in vielen Rezensionen so gelobt worden. Denn hier wurde konkret darauf hingearbeitet die \u03b5\u1f55\u03c1\u03b7\u03ba\u03b1-Schwelle n\u00e4her zu bringen.<\/p>\n<p>Vergleichbares gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr Spielkomponenten. So imposant hunderte von Miniaturen, Karten und Pl\u00e4ttchen auch sein m\u00f6gen, so schnell kann man daran zweifeln sie jemals in den Griff zu bekommen. Das Paradebeispiel daf\u00fcr ist vermutlich <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/twilight-imperium-4\/\">Twilight Imperium<\/a>, welches auch gestandene Expertenspieler*innen einzusch\u00fcchtern wei\u00df, da neben der Masse an Spielmaterial auch eine sagenumwobene Spieldauer hinzukommt.<\/p>\n<p>Anleitungen und vor allem Spielerkl\u00e4rungen profitieren darum davon, wenn sie nicht als eine Reihe von Verboten, sondern als ein weit gef\u00e4chertes Angebot an M\u00f6glichkeiten pr\u00e4sentiert werden. Wenn der Fokus darauf liegt Spielende zum Spielen zu bef\u00e4higen, statt sie lediglich \u00fcber die Zw\u00e4nge und Einschr\u00e4nkungen durch die Spielregeln zu belehren, macht man es ihnen einfacher den eigenen Heureka-Moment zu erleben.<\/p>\n<p>Das zeigt meiner Meinung nach, dass es sich bei der <em>assumption of agency<\/em> (wie auch bei der <em>suspension of disbelief<\/em>) um ein psychologisches Verhaltensmuster handelt, welches erlernt und damit auch ver\u00e4ndert werden kann. Es geht im Kern darum sich selbst die F\u00e4higkeit und das K\u00f6nnen zuzusprechen, welches f\u00fcr das Spiel ben\u00f6tigt wird.<\/p>\n<p>Der Umgang mit W\u00fcrfeln veranschaulicht dieses Ph\u00e4nomen recht gut. So gibt es Spielende, welche den Gebrauch von W\u00fcrfeln als Mangel an <em>agency<\/em> verstehen. Erst wenn das Spiel M\u00f6glichkeiten bietet die Ergebnisse in irgendeiner Form zu ver\u00e4ndern, sehen sie sich wieder als aktiv handelnde statt als passiv erlebende Teilnehmer*innen am Spiel. Tauscht man solche W\u00fcrfel gegen einen Kartenstapel mit einer theoretisch erlernbaren Menge an Einzelkarten (z.B. mit verschiedenen Zootieren) aus, verschiebt sich der Blick auf das Spielgeschehen. Die Handlungsf\u00e4higkeit bzw. <em>agency<\/em> der Spielenden wird nun als m\u00f6glich angenommen und man spielt darauf hin sie zu erwerben.<\/p>\n<p>Damit ein Film immersiv erlebt werden kann, muss das Publikum versuchen das Gesehene nicht anzuzweifeln, sondern als geltend zu akzeptieren. Eine vergleichbare Situation findet sich auch in Brettspielen wieder. Damit der magische Zirkel \u00fcberhaupt entstehen kann, m\u00fcssen die Spieler*innen daran glauben k\u00f6nnen, handlungsf\u00e4hig zu sein und gezielt auf den Spielverlauf wirken zu k\u00f6nnen. Sie m\u00fcssen die \u03b5\u1f55\u03c1\u03b7\u03ba\u03b1-Schwelle \u00fcberschreiten und von \u201cich kann das nicht\u201d zu \u201cjetzt hab ich\u2019s!\u201d gehen. Erst dann ist das Spiel keine Lernaufgabe mehr, sondern kann einfach Spiel sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus der Filmwissenschaft, hat sich die Spieleszene irgendwann den Begriff der Immersion entliehen. Es ist das Eintauchen in eine Fiktion, welche unsere gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Damit das \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, ben\u00f6tigt es aber die \u201esuspension of disbelief\u201c seitens des Publikums. 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