{"id":26514,"date":"2025-08-17T12:08:38","date_gmt":"2025-08-17T10:08:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=26514"},"modified":"2025-08-17T12:38:23","modified_gmt":"2025-08-17T10:38:23","slug":"mein-leserbrief-themenvielfalt-und-kolonialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2025\/08\/17\/26514\/","title":{"rendered":"Mein Leserbrief &#8211; Themenvielfalt und Kolonialismus"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Zum Geleit:<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In Heft 3\/2025 hat Christward Conrad einen Meinungsartikel ver\u00f6ffentlicht, der so nicht h\u00e4tte ver\u00f6ffentlicht werden d\u00fcrfen. Nicht, weil ich eine andere Meinung habe, sondern weil der Artikel voller Falschbehauptungen und Verschw\u00f6rungstheorien ist. Im aktuellen Heft gibt es einen (guten) Gegenartikel von Daniel W\u00fcllner. Das ist sinnvoll, aber mMn sollte man Falschbehauptungen nicht einfach als die Wahrheit durchgehen lassen (eine Strategie, die wir aus ganz anderen Ecken kennen). Ich habe deswegen einen langen Artikel geschrieben. Der wurde zwar abgedruckt, aber dabei auf wenige Zeilen eingedampft, so dass der Eindruck entsteht, ich h\u00e4tte gar nicht argumentiert, sondern nur eben eine kurze Beschwerde rausgehauen. Ich nutze daher einmal diesen Raum, um meinen Leserbrief in voller L\u00e4nge abzudrucken. Da ich bereits damit gerechnet hatte, dass die Spielbox den bestenfalls stark gek\u00fcrzt wiedergibt, ist er so geschrieben, dass man der Argumentation auch folgen kann, ohne den besprochenen Artikel lesen zu m\u00fcssen.\u00a0 Ich glaube meine Punkte sind auch f\u00fcr Nicht-Spielboxleser:innen interessant&#8230;. (Die Bilder und Links habe ich erg\u00e4nzt und waren nicht im Leserbrief enthalten)<\/p>\n<p><em><strong>Zum Brief:\u00a0<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In seinem Meinungsartikel schreibt Christward Conrad \u201e<em>Mehr Mut! Mehr Vielfalt an Themen!\u201c<\/em>. Da gehe ich absolut mit. Es ist allerdings die einzige Aussage im Artikel, der ich zustimme.<\/p>\n<p>Beginnen wir mal mit seiner These, dass die Themen \u201efr\u00fcher\u201c vielf\u00e4ltiger waren. Anfang der 90er Jahre war ich bereits tief genug in der Szene drin, um die Spielbox zu beziehen. Und ich frage mich ernsthaft, wann<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-26515 alignright\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Unbenannt-300x176.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"176\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Unbenannt-300x176.jpg 300w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Unbenannt-150x88.jpg 150w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Unbenannt-370x217.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Unbenannt-270x158.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Unbenannt-570x334.jpg 570w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Unbenannt.jpg 620w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/> dieses \u201efr\u00fcher\u201c gewesen sein soll. Zu jeder Zeit in den letzten 35 Jahren, wurde schon dar\u00fcber diskutiert, dass der Gro\u00dfteil der Spiele mit gleichen Themen bedacht wurde. In den 90ern waren das beispielsweise \u00fcberwiegend \u00c4gypten, aber eben auch das \u201eZeitalter der Entdeckungen\u201c, auf das Christward Conrad anspielt. Ich erinnere mich an ein Jahr, in dem drei Spiele <em>Columbus<\/em> behandelten, an eine Spielbox mit zwei Zorro-Spielen. Ich erinnere mich an ein Essen, mit acht\u00a0 Spielen zu <em>Der Herr der Ringe<\/em>, an eines mit 12 spielerischen <em>Sudoku<\/em>-Umsetzungen. Als 2007 gleich vier (!) Spiele in Essen herauskamen, die in Ostasien spielten, sprach Bruno Faidutti auf seiner Homepage von einem \u201eTrend Fernost\u201c, weil Spiele mit Asien-Thema damals im Wortsinne Exoten waren. \u00c4hnliches wiedeholte sich ein Jahr sp\u00e4ter mit dem Thema \u201eWikinger\u201c &#8211; heute ein Standard. <em>Bombenentsch\u00e4rfung, Flugzeuge landen, Klimawandel bek\u00e4mpfen<\/em> &#8211; auch der Blick auf Spiel-des-Jahres-Listen zeigt Themen, die es damals schlicht nicht gab, schon gar nicht bei gr\u00f6\u00dferen Verlagen. Schaut man sich die aktuelle Longlist des grauen und roten Spiel des Jahres an, so findet man keine SF und zwar Tierfiguren, aber keine Tier-Themen, sondern (je nachdem wie man z\u00e4hlt) 10-12 unterschiedliche Settings. Nicht umsonst bem\u00fcht der Autor zwei Spiele eines ehemaligen Ein-Mann-Betriebes, um zu zeigen, wie \u201evielf\u00e4ltig\u201c die Themen damals angeblich waren (und zumindest eines davon wurde auch recht negativ in der Spielbox besprochen). Die interessantere Frage w\u00e4re, <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2025\/02\/16\/26079\/\">warum es derartige Verlage nicht mehr gibt<\/a>. Nein, die These \u201eSpiele sind weniger vielf\u00e4ltig als fr\u00fcher\u201c ist reiner Mumpitz. Es sind halt mehr Spiele und dabei zahlenm\u00e4\u00dfig auch mehr mit denselben Themen, prozentual hat die Vielfalt definitiv zugenommen.<\/p>\n<p>Daran merkt man schon ein bisschen, dass es dem Autoren des Textes gar nicht wirklich um die Vielfalt an sich geht, sondern um ganz spezielle Themen: Er vermisst explizit eurozentrische Themen, inklusive solchen mit Kolonialismusthema &#8211; eben jenes \u201eZeitalter der Entdeckungen\u201c. Nun, das ist sein gutes Recht. Es ist aber auch eine ganz andere Aussage, als er in seiner \u00dcberschrift andeutet. Ich will jetzt seinen Versuch seine pers\u00f6nliche Meinung damit zu begr\u00fcnden, dass es (objektiv?) mehr Spa\u00df machen w\u00fcrde zu unterdr\u00fccken, als unterdr\u00fcckt zu werden, nicht weiter kommentieren, aber zumindest auf das fantastische <em>Spirit Island<\/em> hinweisen, dass eben eine andere Perspektive sehr erfolgreich annimmt. Ich kann aber nicht umhin, ihn zu korrigieren: <em>Die Siedler von Catan<\/em> wurde <em>nicht<\/em> unbenannt, weil es die Schattenkabal der \u201eMoralapostel\u201c, denen er anscheinend den Kampf angesagt hat (*), fordern w\u00fcrden, sondern aus einem viel profanerem Grund: Markenrechte. Es gab, wegen der Namens\u00e4hnlichkeit einen Konflikt zwischen\u00a0 Kosmos und dem Computerspiel \u201eDie Siedler\u201c . Man einigte sich, dass beide Marken nebeneinander bestehen bleiben k\u00f6nnen, solange <em>Die Siedler<\/em> in digitaler und <em>Die Siedler von Catan<\/em> in analoger Form existieren und so keine Verwechslungsgefahr besteht. Diese Einigung war mit dem <em>Catan<\/em>-Computerspiel hinf\u00e4llig und Kosmos verk\u00fcrzte den Namen auf <em>Catan<\/em>. Dieser Name lie\u00df sich \u2011 da sprachneutral\u2011\u00a0 auch besser als <em>internationale<\/em> Marke etablieren. Diese Erkl\u00e4rung ist nichts Neues und ehrlich gesagt erwarte ich von einem Fachmagazin wie der Spielbox etwas sorgf\u00e4ltigere Recherchearbeit, auch bei Meinungsartikeln.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-25707\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241016_152805-294x300.jpg\" alt=\"\" width=\"294\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241016_152805-294x300.jpg 294w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241016_152805-686x700.jpg 686w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241016_152805-147x150.jpg 147w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241016_152805-768x784.jpg 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241016_152805-1505x1536.jpg 1505w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241016_152805-2007x2048.jpg 2007w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241016_152805-370x378.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241016_152805-270x275.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241016_152805-570x582.jpg 570w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241016_152805-490x500.jpg 490w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241016_152805-740x755.jpg 740w\" sizes=\"auto, (max-width: 294px) 100vw, 294px\" \/><\/p>\n<p>\u00c4hnliches gilt im \u00fcbrigen auch f\u00fcr die anderen Behauptungen: Science-Fiction galt in den 90er Jahren noch als absolutes No-Go-Thema. Es hie\u00df, es w\u00fcrde sich nicht verkaufen (Soviel zum Thema \u201eVielfalt\u201c). Als sich das Crowdfunding dann etablierte wurden erstaunlich viele SF-Spiele verwirklicht. Es stellte sich heraus, dass Spielenerds, auch oft Science-Fiction Nerds sind. Es sind also weniger Moralapostel, die Science-Fiction fordern, sondern der Markt. Und Tiere? <em>Fl\u00fcgelschlag<\/em> und <em>Cascadia<\/em> haben gezeigt, dass viele Leute sich tats\u00e4chlich von Tieren mehr angesprochen werden, als vom Zeitalter der Entdeckungen. Dass diese Themen gef\u00e4lliger sind, ist allenfalls ein Bonus. Sie sind n\u00e4mlich in erster Linie international vermarktbarer. Die Szene ist internationaler geworden. Spiele werden nicht mehr nur in Deutschland gespielt, sondern auf allen Kontinenten. Und Spielende in Japan oder Australien oder Chile haben potentiell weniger Bindung zu einem wei\u00dfen Europ\u00e4er, der auf der Schachtel vor einem Schiff steht und \u201eexotische\u201c Waren einl\u00e4dt, denn zur m\u00f6glicherweise heimischen Flora und Fauna. Von Spielenden aus L\u00e4ndern und Kulturen, die immer noch die Nachwirkungen des Kolonialismus sp\u00fcren, ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Dass Christward Conrad diese Perspektive nicht erkennt oder erkennen will, ist das eine. Er beschwert sich aber, dass \u201eMoralapostel\u201c im allgemeinen und Mable Preach im besonderen Themen kritisieren. Er fragt ob letztere das Recht habe, \u00fcber ein Spiel zu richten, nicht erkennend, dass er damit selbst nicht nur \u00fcber Mabel Preachs Aussage richtet, sondern nat\u00fcrlich auch selbst l\u00e4ngst \u00fcber das Thema gerichtet hat \u2011 Er ist nur zu einem anderen Urteil gelangt. Die Frage warum er, aber nicht sie, das Recht hat zu urteilen ob Thema X in Ordnung ist oder nicht stellt sich ihm dabei gar nicht. Ein Kritiker wie er sollte aber in einen Diskurs <em>eintreten<\/em>, nicht alle, die eine andere Meinung vertreten, abkanzeln und den Diskurs somit abw\u00fcrgen. Der Artikel macht nicht den Eindruck als sei dem Autoren an irgendetwas anderem gelegen, als sich dar\u00fcber aufzuregen, dass andere Spielende eine andere Meinung haben als er und dass sich die Verlage nicht an <em>ihm<\/em> orientieren. Er nutzt seine Position nicht dazu, Fragen zu stellen oder sich auch nur konstruktiv mit einer Sache zu besch\u00e4ftigen (wie es ein Kritiker tun sollte), sondern einfach nur dazu sich zu beschweren. Wobei er seine Beschwerde auch noch versucht mit falschen Aussagen und Fehlinterpretationen zu st\u00fctzen. Das ist \u00e4rgerlich. Aber noch viel mehr \u00e4rgert mich die vergebene Chance auf Spurensuche zu gehen, worin bestimmte Entwicklungen (keine Kolonialismusthemen, keine Ein-Mann-Betriebe mit Abseitsthemen z.B.) <em>wirklich<\/em> begr\u00fcndet sind, statt sich in kulturk\u00e4mpferischen Verschw\u00f6rungstheorien zu verlieren. Da frage ich mich dann wirklich, welche Leserschaft mit dem Text erreicht werden sollte.<\/p>\n<p>ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n<p>(*): Erg\u00e4nzung zum Brief zur Erkl\u00e4rung: Wiederholt beschwert sich Conrad, dass nicht weiter benannte &#8220;Moralapostel&#8221;, die Verlage dazu zwingen kritische Themen zu verbieten und alle, die nicht seiner Meinung sind, diese mit riesigen Shitstorms zu \u00fcberziehen. Explizit ruft er sogar dazu auf, sich von den Moralaposteln nicht unterkriegen zu lassen und diese aktiv zu bek\u00e4mpfen. Naja.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Geleit: In Heft 3\/2025 hat Christward Conrad einen Meinungsartikel ver\u00f6ffentlicht, der so nicht h\u00e4tte ver\u00f6ffentlicht werden d\u00fcrfen. Nicht, weil ich eine andere Meinung habe, sondern weil der Artikel voller Falschbehauptungen und Verschw\u00f6rungstheorien ist. Im aktuellen Heft gibt es einen (guten) Gegenartikel von Daniel W\u00fcllner. 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