{"id":265,"date":"2008-01-12T10:18:31","date_gmt":"2008-01-12T09:18:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2008\/01\/12\/265"},"modified":"2008-01-14T07:37:06","modified_gmt":"2008-01-14T06:37:06","slug":"autor-oder-erfinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2008\/01\/12\/265\/","title":{"rendered":"Autor oder Erfinder?"},"content":{"rendered":"<p>Mit einem Nachnamen wie dem meinen wird man am Ende des Jahres gerne von ungemein kreativen Journalisten angerufen, um irgendwas f\u00fcr die Silvester-Ausgabe der Lokalzeitung zu sagen.\u00a02007 wars die Berliner Zeitung und ich machte mir den Spa\u00df als Beruf &#8220;Spieleautor&#8221; anzugeben. Im Beitrag selbst hie\u00df es dann\u00a0allerdings &#8220;Spieleerfinder&#8221;.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re eigentlich ja nichts bemerkenswertes und\u00a0ein Streit um Worte ist meiner Sache eigentlich auch nicht, aber hier steckt doch mehr drin, als man auf den ersten Blick sieht, n\u00e4mlich die Frage:\u00a0Ist das Entwickeln eines Spieles eher Handarbeit\u00a0 oder eher Kunst?\u00a0<\/p>\n<p>Erfinder und Autoren sind gleicherma\u00dfen kreative Leute und\u00a0die Spieleentwicklung ist ein kreativer Prozess -keine Frage! &#8211;\u00a0von der Warte aus sind beide Begriffe gleich passend. Ein Erfinder aber t\u00fcftelt meistens an einem konkreten Problem (und sei es nur an dem Problem, wie man das Leben erleichtern k\u00f6nnte), man k\u00f6nnte ihn auch als &#8220;Probleml\u00f6ser&#8221; betiteln (Die Kunst liegt hier eher darin,\u00a0das Problem zu finden,\u00a0das gel\u00f6st werden mu\u00df), w\u00e4hrend ein K\u00fcnstler erst einmal etwas\u00a0erschafft, dass keinen konkreten Zweck haben muss. Sicher ist auf jeden Fall: Man findet beides in der Spieleszene: Es gibt den Autoren der jetzt konkret f\u00fcr einen bestimmten Verlag ein bestimmtes Spiel zu einem bestimmten Thema entwickeln soll. Und es gibt den Autoren, der erst einmal f\u00fcr sich selbst ein Spiel erfindet, etwas das ihm pers\u00f6nlich Spa\u00df macht und der das anschlie\u00dfend anderen Leuten vorstellt, in der Hoffnung, denen macht es ebenfalls Spa\u00df. Beides sind legitime Wege und man muss sich fragen: Ist ersterer weniger ein K\u00fcnstler als letzterer? Wohl kaum. Knizias <em>Herr der Ringe<\/em> ist eine Auftragsarbeit, aber es ist doch kreativer und origineller als so manches andere Spiel am Markt. Von dieser Warte aus kommen wir also nicht sehr viel weiter (Und an dieser Stellung gleich eine Warnung: Der Begriff &#8220;Kunst&#8221; wiedersetzt sich tradtionell allen Definitionsversuchen).<\/p>\n<p>\u00a0Also zur\u00fcck zur Frage: Ist Spieleentwicklung eher ein Handwerk oder eine Kunst? Nat\u00fcrlich ist das eigentlich gar nicht zu beantworten: Ist Fotographie eine Kunst? Wenn ja: Ist Portraitfotographie eine Kunst? Wenn ja: Ist Passfotofotographie eine Kunst? Wann &#8220;arbeitet&#8221; ein Fotograph, wann wird er k\u00fcnstlerisch t\u00e4tig? Wie sieht es mit Tischlern aus? Wo ist die Grenze zum M\u00f6beldesigner?<\/p>\n<p>F\u00fcr das <em>Handwerk<\/em> spricht dass ein Spiel normalerweise ne ganze Menge Regeln einhalten muss: Entscheidungsfreiheit, Spa\u00df etc. Ein nicht unbetr\u00e4chtiger Teil der Spieleentwicklung ist solide Arbeit: Feintuning von Mechanismen, Ausprobieren verschiedener Standardmechanismen (z.B. Welche Art von Versteigerung?). Ich denke, selbst durch blo\u00dfes Kombinieren verschiedener Standardmechanismen erh\u00e4lt man ein brauchbares Spiel (kaum ein wirklich gutes, aber &#8220;nette&#8221; auf jeden Fall).\u00a0 Christian Hildebrandt spricht explizit von Spielen, die in einer Redaktionssitzung entstanden sind und deren Kreationsprozess wohl rein handwerklich war (<a href=\"http:\/\/www.spielbox.de\/phorum4\/read.php4?f=1&amp;i=185869&amp;t=185793&amp;\">Hier<\/a> seine Aussage).<\/p>\n<p>Doch der wesentliche Prozess der Spieleentwicklung ist ein kreativer: Die \u00fcberw\u00e4ltigende Vielzahl von Spielen beginnt mit einer Idee. Und diese Idee allein reicht noch nicht, sondern muss mit weiteren Ideen &#8220;gef\u00fcttert&#8221; werden. Hier ist der Designer durchaus k\u00fcnstlerisch t\u00e4tig, besonders wenn er Ideen auf neuartige und \u00fcberraschende Weise kombiniert. Dass viel handwerkliches Feintuning n\u00f6tig ist, steht der Kunst erst einmal nicht im Wege: Auch Musiker m\u00fcssen an ihren Songs hart arbeiten, Schriftsteller an handwerklichen Dingen ihrer Novellen feilen (Lesbarkeit, Logische Fehler, Langweilige Stellen&#8230;). Die Definition des Oxford Dictionarys &#8220;Human creative form or its application&#8221; w\u00e4re damit erf\u00fcllt. Also sind Spiele Kunst?<\/p>\n<p>Ich sag mal: Sie haben das <em>Potential<\/em> um Kunst zu sein. Oder anders ausgedr\u00fcckt: Sie sind Kunst, auf dem Status des Portr\u00e4tmalens in der Malerei. Bislang verfolgen fast alle Spiele denselben Zweck, n\u00e4mlich &#8220;Spa\u00df machen&#8221; (die paar Ausnahmen sind fast alles Lernspiele) und verfolgen dies auf fast immer dieselbe Weise. Malerei muss nicht immer sch\u00f6n sein, Musik nicht immer angenehm, diese Kunstformen sollen ber\u00fchren, Emotionen und Gedanken ausl\u00f6sen. Inwieweit das Spiele k\u00f6nnen, \u00fcberlassen ich dem Leser. Richtig tiefgreifende Emotionen l\u00f6sen nur wenige Spiele aus. Spiele die aus den \u00fcblichen Verhaltensmustern fallen, sind ebenso extrem rar ges\u00e4ht (Die Rollenspiele waren ein Fall, innerhalb der Rollenspiele ist <em>My Life with Master<\/em> ein solches Werk, das die bisherigen Regeln auf den Kopf stellt: Hier steht der Ausgang der Szene fest -z.B. die Spieler besiegen das Monster (oder nicht)- und die Szene wird nur ausgespielt, <em>De Profundis<\/em> ist ein weiteres Beispiel f\u00fcr ein Spiel, dass mit den Konventionen bricht). Ob das \u00fcberhaupt erstrebenswert ist, ist eine ganz andere Frage. Aber um sich als Kunstform zu etablieren ben\u00f6tigt die Spieleszene mehr Freiheit im Format. Und das ist nat\u00fcrlich ein Problem, denn Spiele werden ja nicht ausgestellt, sondern m\u00fcssen sich an einem Markt etablieren. Da hat es der Mainstream nat\u00fcrlich leichter. Und die Verlage wollen ja in erster Linie (eigentlich in allen Linien) Geld und nicht Kunst\u00a0machen. Die entscheiden also, was die \u00d6ffentlichkeit wahrnimmt und das sind dann eben die konventionellen Landschaftsbilder und nicht die verst\u00f6renden Werke eines modernen K\u00fcnstlers. Ein Spiele-K\u00fcnstler muss da andere Wege gehen. Nat\u00fcrlich: In Literatur und Kunst gibts Platz am Markt f\u00fcr Exoten. Obs die am Spielemarkt gibt? Der Spielemarkt ist viel kleiner. Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p>Eine andere Diskussion im Forum handelt vom <a href=\"http:\/\/www.spielbox.de\/phorum4\/read.php4?f=1&amp;i=185816&amp;t=185793&amp;\">Autorenspiel <\/a>(*). Ich will hier nicht viele Worte verlieren. In meinen Augen ist das Wort ein Marketing-Wort, erfunden von Spieleverlagen um darauf hinzuweisen, dass ein Autor hinter dem Spiel steckt, m\u00f6glicherweise ein bekannter, was das Spiel im Augen der K\u00e4ufer qualitativ aufwerten soll. Hier wird signalisiert: Dieses Spiel ist kein Massenprodukt, jemand hat sich was dabei gedacht!\u00a0(Es gibt \u00fcbrigens durchaus auch Spiele ohne Autoren &#8211; traditionelle wie <em>Skat <\/em>haben immer wieder -teilweise massive &#8211; \u00c4nderungen erfahren, die sich nicht einem einzelnen Autoren zuordnen lassen, Sudoku von Hasbro hat (und ben\u00f6tigt!) \u00a0laut Aussage vom Produktmanager beim Reich der Spiele keinen Autor, wie oben erw\u00e4hnt designed eine Redaktion auch mal ein Spiel um eine Lizenz, ohne k\u00fcnstlerischen Anspruch, einige Hasbro-Spiele sind mehr Spielzeug als Spiel. Aber nichtdestotrotz haben die meisten Spiele wohl einen Autor). Dennoch sind die Anmerkungen von <a href=\"http:\/\/www.spielbox.de\/phorum4\/read.php4?f=1&amp;i=185965&amp;t=185793&amp;\">Frank J\u00e4ger <\/a>und <a href=\"http:\/\/www.spielbox.de\/phorum4\/read.php4?f=1&amp;i=186064&amp;t=185987&amp;\">Duchamp <\/a>meines Erachtens durchaus lesenswert\u00a0und deutlich passender als der Wikipedia-Artikel (der &#8220;Autorenspiel&#8221; praktisch mit &#8220;German Game&#8221; gleichsetzt und dabei einigen Spielen das Etikett Autorenspiel abgesprochen wird) (Ich benutze \u00fcbrigens m\u00f6glichst nur die englichsprachige Wikipedia, da dort aufgrund von mehr Autoren die Fehlergefahr kleiner ist).<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;<\/p>\n<p>Ich hatte gerade eine gute (?) Idee f\u00fcr die programmiertechnisch begabteren unter meinen Lesern: Es gab fr\u00fcher (bzw. gibt es heute noch) diese Fantasy-B\u00fccher, bei der man verschiedene Entscheidungen treffen muss und dann -je nach Entscheidung unter der Nr. Sowieso oder Soundso weiterliest. Zwischendurch wird dann auch mal rollenspieltechnisch gek\u00e4mpft und soweiter, bis das Ziel erreicht oder der Held tot ist (oder aus anderen Gr\u00fcnden ein Spielende eintrifft) (Imho das beste Buch dieser Art war \u00fcbriegens &#8220;Die Insel der 1000 Gefahren&#8221;, weil die Vernetzungen sch\u00f6n und die Entscheidungen logisch waren). Der Nachteil an diesen B\u00fcchern: Weil die B\u00fccher ja irgendwie beschr\u00e4nkt waren, gab es viele Pseudo-Entscheidungen: W\u00e4hlte man a) gehts weiter, w\u00e4hlte man b) starb man. Meine Idee: Eine Art &#8220;Fantasy-Spiel-Wiki&#8221;: Der erste Eintrag beginnt so:<\/p>\n<p>&#8220;1 Du stehst auf einer Weggabelung: Es geht nach Norden, S\u00fcden und Westen. Im Westen siehst du eine Stadt, im Norden einen Wald und im S\u00fcden eine H\u00fcgellandschaft. Du wei\u00dft nicht wie du dahin gekommen ist. Deine Lebensenergie betr\u00e4gt 20. Wohin willst du gehen?<\/p>\n<p>Norden: 2<\/p>\n<p>S\u00fcden :3<\/p>\n<p>Westen: 4&#8221;<\/p>\n<p>Jetzt kann man spielen, so wie in den Fantasy-Spielen. Wenn man auf eine Nummer trifft, die es noch nicht gibt, so schreibt man die Geschichte weiter. Auf diese Weise kann die Geschichte immer weiter gehen. Nat\u00fcrlich sind auch Enden erlaubt (wenn durch die Geschichte gerechtfertigt, weil der Held, z.B. in einen Lavasee springen m\u00f6chte) und ein Kampfsystem kann erfunden werden, wenn man es braucht.<\/p>\n<p>Wenn jemand sowas anf\u00e4ngt, sage er mir bitte Bescheid!<br \/>\nciao<br \/>\npeer<\/p>\n<p>(*) Es gibt <a href=\"http:\/\/www.unknowns.de\/wbb2\/thread.php?threadid=960\">hier <\/a>eine Meta-Diskussion zur Diskussion im Forum. Am\u00fcsant (wenn mir der Meta-Kommentar zur Meta-Diskussion gestattet ist) nicht zuletzt deshalb, weil dieselben Leute, die sich \u00fcber den Begriff &#8220;dumm&#8221; echauffieren, \u00fcber zwei Poster herziehen und gleich einen ganzen Batzen anderer Leute als &#8220;Speichellecker&#8221; bezeichnen &#8211; ob der eine oder andere vergessen hat, dass er in einem \u00f6ffentlichen Forum diskutiert und nicht am Ecktisch in der Kneipe? :-) ;-)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem Nachnamen wie dem meinen wird man am Ende des Jahres gerne von ungemein kreativen Journalisten angerufen, um irgendwas f\u00fcr die Silvester-Ausgabe der Lokalzeitung zu sagen.\u00a02007 wars die Berliner Zeitung und ich machte mir den Spa\u00df als Beruf &#8220;Spieleautor&#8221; anzugeben. Im Beitrag selbst hie\u00df es dann\u00a0allerdings &#8220;Spieleerfinder&#8221;. 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