{"id":26465,"date":"2025-07-27T12:00:42","date_gmt":"2025-07-27T10:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=26465"},"modified":"2025-07-27T12:42:25","modified_gmt":"2025-07-27T10:42:25","slug":"die-kreative-erfahrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2025\/07\/27\/26465\/","title":{"rendered":"Die kreative Erfahrung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em>spielbar.com geht jetzt so langsam in den Sommerbetrieb. Dies ist mein letzter Blogeintrag f\u00fcr ein paar Wochen, Georgios schreibt vermutlich noch n\u00e4chste Woche was. Oder so. Bis Ende August wird hier eher unregelm\u00e4\u00dfig gepostet. Schaut also sporadisch vorbei. Oder haltet ein Auge auf unseren Discord-Kanal.<\/em><\/p>\n<p>Vor 35 Jahren h\u00e4tte ich unheimlich gerne ein Computeradventure entwickelt. Allerdings nicht so gerne, dass ich daf\u00fcr coden gelernt h\u00e4tte, zumal ich -basierend auf dem, was ich \u00fcber Computerspiele damals wusste &#8211; auch kaum die Ressourcen gehabt h\u00e4tte, um ein Graphikadventure komplett alleine zu programmieren. Das Versprechen der aktuellen Generation der KI-Systeme ist, dass dies sp\u00e4testens\u00a0 &#8220;bald&#8221; m\u00f6glich sein wird: Schreiben was man will, die KI \u00fcbernimmt l\u00e4stige Programmierarbeit. Ich kenne mich nicht gut genug mit KIs aus, um abzusch\u00e4tzen wie realistisch dies ist. Allerdings bin ich einigerma\u00dfen sicher, dass mein 15j\u00e4hriges Ich nach anf\u00e4nglicher Begeisterung schon bald festgestellt h\u00e4tte: Was man denkt zu wollen und was man will sind zwei Paar Schuhe.<\/p>\n<p>Es gibt enorm viel zu kritisieren an der Verwendung von KI im kreativ-produktiven Bereich (von der Umweltproblematik bis zu der Erschwernis der Arbeitsbedingungen von echten K\u00fcnstler:innen) aber ich m\u00f6chte mich einmal auf einen Aspekt konzentrieren: Kreativ zu sein ist ein Prozess, eine Erfahrung, und diese Erfahrung durch einen Knopfdruck zu ersetzen ist in etwa so, als wolle man Filme oder B\u00fccher nur noch in ihrer Zusammenfassung auf Wikipedia konsumieren.<\/p>\n<p>Ich beginne einmal mit dem offensichtlichen Teil: Dem Gef\u00fchl etwas neues geschaffen zu haben, die Identifikation mit dem eigenen Werk. Angenommen ich h\u00e4tte damals auf Knopfdruck ein Computeradventure erzeugt &#8211; w\u00e4re ich begeistert gewesen? Mit Sicherheit nicht. Es gab damals bereits ein paar &#8220;Adventure Editoren&#8221; und ich war selbst von deren Grenzen schon sehr entt\u00e4uscht. Ein Spiel, dass nicht mit einen Vorstellungen entsprechen w\u00fcrde, w\u00e4re nicht &#8220;mein&#8221; Spiel gewesen. Sicher, man kann bei einer AI sehr viel mit Prompts rumspielen, aber um meine Vision wirklich umzusetzen, m\u00fcsste ich alles haarklein beschreiben und\u00a0 entsprechend vorab durchplanen. Das ist dann von &#8220;Porgrammieren&#8221; nicht mehr allzu weit entfernt. Doch es ist nicht nur die Vision, die eben nicht umgesetzt wird:\u00a0 &#8220;ich&#8221; h\u00e4tte das Spiel nicht gemacht, sondern eben ein Algorithmus. Das einzigartige Gef\u00fchl <em>etwas neues erschaffen zu haben<\/em>, kann sich nicht einstellen, wenn das erschaffene weder &#8220;neu&#8221; noch &#8220;von mir&#8221; ist.<\/p>\n<p>Es ist nicht &#8220;neu&#8221;, denn alles was eine KI kann, ist ja das Remixen von Bestehendem. Das kann sie gut, weswegen ein Einsatz im administrativen Bereich, wo es in erster Linie darum geht, dieses Bestehende zu verwalten, funktioniert. Neues kann sie aber nicht erschaffen: KI-Lieder sind Zusammenfassungen von bestehenden Liedern. KI-Filme sind Zusammenschnitte von bestehendem usw. Das Ergebnis mag mal \u00fcberraschen und kann sogar &#8220;nicht schlecht&#8221; sein, aber es ist niemals etwas besonderes. Als Beispiel m\u00f6chte ich <em><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2020\/05\/25\/19913\/\">Yavalath<\/a><\/em> erw\u00e4hnen, das erste (und meines Wissen einzige) Spiel, dass von einer KI erstellt wurde. <em>Yavalath<\/em> ist ein abstraktes Zweipersonen-Spiel aus der <em>Gomuku<\/em> -Familie (d.h.<em> 5 in einer Reihe<\/em> auf freiem Brett)\u00a0 und es hat einen neuen Kniff (5 in einer Reihe gewinnt zwar, aber 4 in einer Reihe verliert), der jedoch spielerisch nach dem ersten Aha-Effekt nichts \u00e4ndert &#8211; man muss sich nur insofern umstellen, dass man -anders als im Original &#8211; keine offenen Vierer bildet. Das ist vielleicht vergleichbar mit einer Regel beim Schach, dass man nur Schach geben kann, wenn man gleichzeitog mattsetzt. <em>Yavalath<\/em> spielt sic<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-19920\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Yavalath-250x300.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Yavalath-250x300.jpg 250w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Yavalath-125x150.jpg 125w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Yavalath-370x445.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Yavalath-270x324.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Yavalath-416x500.jpg 416w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Yavalath.jpg 556w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/>h OK. Es funktioniert. Es gibt keinen Grund, es zu spielen. Vor allem aber spielt es sich nicht <em>neuartig<\/em>. Es bietet kein Spielgef\u00fchl, dass die zahllosen anderen Gomuku-Variationen nicht auch bieten w\u00fcrden. &#8220;Bekannt und st\u00f6rt nicht&#8221; ist im wesentlichen die &#8220;KI-Experience&#8221; . Das ist kein Diss, KIs arbeiten nun einmal durch das weiterf\u00fchren von Bekanntem. Man kann jetzt argumentieren, dass auch Menschen Bekanntes <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2024\/09\/08\/25601\/\">weiter- und wiederverwenden<\/a>, dass wirklich originelles selten ist, aber der entscheidene Unterschied ist: Eine KI behandelt alle Mechanismen, alle Vorlagen gleich. Ein Mensch ordnet ein, kann gezielt ungew\u00f6hnliche Kombinationen w\u00e4hlen oder mit Konventionen brechen. Stellt ein Mensch fest, dass eine Kombination kein neues Spielgef\u00fchl hervorruft, so kann er einen anderen Ansatz w\u00e4hlen. Eine KI ist im Wortsinne emotionslos. Hinter den \u00fcberraschenden KI-Werken (insbesondere Bilder) stecken kreative Menschen, die zumindest einen originellen Ansatz gew\u00e4hlt haben. Zudem sehen wir die nicht gelungenen Bilder ja gar nicht erst. Auch bei Yavalath hat die KI dutzende von Varianten ausgespuckt und Cameron Browne hat diese als &#8220;beste&#8221; ausgew\u00e4hlt- man kann sich ausmalen, was das f\u00fcr die anderen Spiele bedeutet.<\/p>\n<p>&#8220;Von mir&#8221; ist das KI-Werk ebenfalls nicht, denn ich habe es nicht geschaffen. Kreative Arbeit ist, nun ja, Arbeit, aber vor allem auch ein Prozess. Ich will jetzt gar nicht &#8220;Der Weg ist das Ziel&#8221;-Kalenderspr\u00fcche zitieren, aber der kreative Prozess sorgt daf\u00fcr, dass ich mich mit meinem Werk auseinandersetze und zwar wortw\u00f6rtlich von Anfang bis Ende &#8211; durchdenken, analysieren, umsetzen, verstehen, was man braucht, verstehen was man eigentlich will (siehe oben), verbessern, ausprobieren&#8230; Man besch\u00e4ftigt sich mit dem Werk auf eine Art und Weise, wie man es sonst schlicht nicht kann. Auch das ist ein Wert. Durch diesen Prozess wird man gezwungen seine Perspektive von &#8220;Wie setze ich die Idee um&#8221; zu &#8220;Warum will ich die Idee umsetzen? Was reizt mich eigentlich daran?&#8221; zu verschieben. Ich bin \u00fcberzeugt, dass Spiele ohne die Warum-Frage niemals etwas besonderes sein k\u00f6nnen, erst durch die Besch\u00e4ftigung selbst, kann eine Idee sinnhaftig werden. Auch wird durch den Prozess die Identifizierung mit dem eigenen Werk erm\u00f6glicht. Wer schon einmal eine Graphik oder einen Text mit eine KI erstellt hat, wird wissen: Diese Identifizierung stellt sich nicht ein. Die KI hat das Werk erschaffen, nicht man selbst. Zur Selbstverwirklichung ist eine KI nicht geeignet, denn man outsourced den Teil, der die Selbstverwirklichung ausmacht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_26473\" aria-describedby=\"caption-attachment-26473\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-26473 size-medium\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/20210808_160524-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/20210808_160524-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/20210808_160524-700x525.jpg 700w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/20210808_160524-150x113.jpg 150w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/20210808_160524-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/20210808_160524-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/20210808_160524-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/20210808_160524-370x278.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/20210808_160524-270x203.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/20210808_160524-570x428.jpg 570w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/20210808_160524-667x500.jpg 667w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/20210808_160524-740x555.jpg 740w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/20210808_160524-80x60.jpg 80w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-26473\" class=\"wp-caption-text\"><em>Kann eine AI sowas?<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Vielleicht aber der wichtigste Punkt: Der kreative Prozess ist immer auch ein Lernprozess. Man lernt nicht nur \u00fcber Struktur, Zusammenh\u00e4nge und Motivation des jeweiligen Werkes, sondern auch immer grunds\u00e4tzliches f\u00fcr zuk\u00fcnftige Projekte. Der Gemeinplatz, dass das erste Werk immer misslingt, kommt nicht von ungef\u00e4hr &#8211; Analyse- Hinterfragungs- und Verbesserungsf\u00e4higkeiten m\u00fcssen ge\u00fcbt werden. Niemand erschafft aus dem Nichts ein Wunderwerk. Und das ist mMn die gr\u00f6\u00dfte Gefahr besteht, wenn kreative Arbeit an KIs abgegeben wird: Wenn niemand mehr lernt, geht kreatives Handwerk verloren. Reproduktives Recyclen von Werken wird dann zu zur einzigen M\u00f6glichkeit etwa neue Spiele zu machen. Nun kann man dies als sehr dystopische Sicht abtun, schlie\u00dflich werden immer Menschen privat kreativ t\u00e4tig sein. Nur: Wenn tats\u00e4chlich -wie in der Computerspielbranche zu beobachten (und auch in der Musikszene gibt es erste Ans\u00e4tze in diese Richtung) &#8211; Kreative nicht mehr professionell arbeiten k\u00f6nnen, weil sie teurer sind als als die KI und im Mainstreambereich daher sukzessive ersetzt werden, dann hei\u00dft dass eben, dass ausgerechnet genau dort ein kreatives Defizit herrscht. Das bedeutet auch das Fehlen von Vorbildern, von richtungsweisenden Werken. Wer soll einen inspirieren, wenn alles nur &#8220;nicht st\u00f6rt&#8221;?<\/p>\n<p>Es ist nicht unbedingt leicht, der Versuchung der AI zu wiederstehen. Inwieweit man AIs als Werkzeuge einsetzen kann, um den kreativen Weg zu beschreiten, l\u00e4sst sich sicherlich streiten. Wozu AIs aber nicht dienen sollen ist als Abk\u00fcrzung, um den kreativen Prozess an sich zu umgehen. Denn damit tut man weder sich, noch allen anderen einen Gefallen.<\/p>\n<p>ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>spielbar.com geht jetzt so langsam in den Sommerbetrieb. Dies ist mein letzter Blogeintrag f\u00fcr ein paar Wochen, Georgios schreibt vermutlich noch n\u00e4chste Woche was. Oder so. Bis Ende August wird hier eher unregelm\u00e4\u00dfig gepostet. Schaut also sporadisch vorbei. Oder haltet ein Auge auf unseren Discord-Kanal. Vor 35 Jahren h\u00e4tte ich unheimlich gerne ein Computeradventure entwickelt. 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