{"id":26423,"date":"2025-07-20T18:03:13","date_gmt":"2025-07-20T16:03:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=26423"},"modified":"2025-07-20T18:04:24","modified_gmt":"2025-07-20T16:04:24","slug":"diversity-gleichstellung-und-inklusion-sind-kein-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2025\/07\/20\/26423\/","title":{"rendered":"Diversity, Gleichstellung und Inklusion sind kein Problem."},"content":{"rendered":"<p>Auf dem k\u00fcrzlich stattgefundenen Tag der Brettspielkritik erw\u00e4hnte die Referentin Cosima Werner den Begriff <em>Unbehagen<\/em> im Zusammenhang zu Themen wie Vielfalt, Gleichstellung und Inklusion in der Brettspielszene. Insbesondere war es die Festellung, dass Spieler*innen diese Themen nicht im Mittelpunkt des Selbstverst\u00e4ndnis der Brettspielszene sahen. Diversity, Inklusion, Sexismus, etc sind \u201ehei\u00dfe\u201c Themen, welche au\u00dferhalb der Wohlf\u00fchl-Mitte der Brettspielszene stattfanden.<\/p>\n<p>Dabei sind es Themen, die jeder halbwegs aufgekl\u00e4rte Spieler kennt und die jeder halbwegs erfahrenen Spieler*in vertraut sind. Man wei\u00df von der starken Zentrierung der mitteleurop\u00e4ischen Perspektive in der Wahl der Spielthemen. Sie ist gekoppelt an die naive Annahme, dass jeder neugierige Blick auf &#8220;exotische&#8221; Orte wie Istanbul, Cuzco oder San Juan vorurteilsfrei sein muss, wenn doch keine b\u00f6se Absicht dahinter steckt.<\/p>\n<p>Wer Brettspiele nicht nur oberfl\u00e4chlich betrachtet, sollte aber bereits wissen, dass dem nicht so ist. Es herrscht immer ein Missverh\u00e4ltnis zwischen denen, die sich in europ\u00e4isch gepr\u00e4gten Vorstellungswelten fremder Orten ergehen und denen, welche diese Orte Heimat nennen und als gar nicht so exotisch und fremdartig empfinden. In den letzten Jahren baute sich darum eine zunehmende Sensibilisierung f\u00fcr derartige Themen auf. Cultural consultants oder besser noch aktiv am Design beteiligte Personen aus dem entsprechenden Kulturkreis wurden wichtiger. Sie sollten daf\u00fcr sorgen eben dieses Missverh\u00e4ltnis aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>An Stelle der zentral-europ\u00e4isch verzerrten Sicht auf \u201edas Fremde\u201c soll eine authentische Abbildung der kulturellen Charakteristika in den Spielen erreicht werden. Dass der Anspruch Kulturkreise abzubilden an sich voller Probleme und Widerspr\u00fcche steckt, will ich hier mal au\u00dfen vor lassen. Vielleicht ergibt sich zu einer anderen Zeit Gelegenheit dar\u00fcber zu sprechen. Es herrscht meiner Einsch\u00e4tzung nach aber die Ansicht vor, dass diese Schritte ein Anfang sind, aber noch keine L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Dahingegen finde ich eine \u00c4u\u00dferung erw\u00e4hnenswert, die Harald Schrapers (Spielekritiker und Betreiber der Seite brett-spiel.de) in diesem Zusammenhang am Tag der Brettspielkritik gemacht hat: \u201eIch glaube, das Problembewusstsein ist gr\u00f6\u00dfer als die L\u00f6sungskompetenzen.\u201c<\/p>\n<p>Es gilt als weithin akzeptiert, dass bestimmte Menschengruppen einen schwierigeren Zugang zum Brettspiel haben als andere. Spielen ist nicht aus sich selbst heraus eine ausgrenzende Besch\u00e4ftigung. Aber es gibt einige, manchmal nur schwer in Worte zu fassende, Rahmenbedingungen, die es einigen Menschen schwer machen am Spielen teilzunehmen. Das Resultat l\u00e4sst sich an der gef\u00fchlt fehlenden Pr\u00e4senz einzelner Personengruppen in Veranstaltungen wie dem Tag der Brettspielkritik festhalten. Die Szene f\u00fchlt sich in solchen Ballungsmomenten wie ein Zerrbild der Gesellschaft an, in der wir leben.<\/p>\n<p>Nur sind wir Kritiker*innen bestenfalls in Einzelf\u00e4llen ausgebildete Sozialwissenschaftler*innen, und daher nur selten in der Lage die Gr\u00fcnde f\u00fcr dieses Zerrbild exakt und glaubw\u00fcrdig zu benennen. Obendrein sind wir in noch viel selteneren F\u00e4llen in einer Position des politischen Einflusses, um eine messbare Ver\u00e4nderung bewirken zu k\u00f6nnen. Das bezeugt zumindest unser Selbstverst\u00e4ndnis und das bereits erw\u00e4hnte Zitat. Allerdings denke ich, dass wir uns damit in eine wohlmeinende (wenn auch bequeme) Position der Hilflosigkeit bewegen, die unseren eigenen Werten nicht gerecht wird. Es war wichtig und notwendig, den Ist-Zustand der Szene kritisch zu betrachten und dessen Probleme auszuarbeiten. Allerdings halte ich dieses Aufzeigen von Problemen, diese Ermahnung dessen was fehlt, f\u00fcr ein Hindernis, wenn es darum geht Dinge zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<figure id=\"attachment_26428\" aria-describedby=\"caption-attachment-26428\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Bekannte-Weiten-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-26428\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Bekannte-Weiten-300x247.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"247\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Bekannte-Weiten-300x247.jpg 300w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Bekannte-Weiten-700x577.jpg 700w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Bekannte-Weiten-150x124.jpg 150w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Bekannte-Weiten-768x633.jpg 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Bekannte-Weiten-1536x1266.jpg 1536w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Bekannte-Weiten-2048x1688.jpg 2048w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Bekannte-Weiten-370x305.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Bekannte-Weiten-270x223.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Bekannte-Weiten-570x470.jpg 570w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Bekannte-Weiten-607x500.jpg 607w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Bekannte-Weiten-740x610.jpg 740w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-26428\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Der Weltraum, bekannte Weiten&#8221; z\u00fcndet halt nicht<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wie w\u00e4re es denn, wenn wir \u2013 statt die institutionellen oder auch gesellschaftlichen \u2013 Ungleichheiten in der Brettspielszene zu bem\u00e4ngeln und mit dem Finger darauf zu zeigen, eine neue Position einnehmen w\u00fcrden? Wie w\u00e4re es, wenn wir unsere Begeisterung f\u00fcr Ver\u00e4nderung in den Vordergrund stellen w\u00fcrden? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das wiederholte Mahnen und Bedauern der M\u00e4ngel innerhalb der Szene, einen Ver\u00e4nderungswillen aufbaut. Ich glaube eher, dass so eine Art der Abh\u00e4rtung und damit auch Gleichg\u00fcltigkeit gen\u00e4hrt wird. Ohne klare L\u00f6sungswege und Handlungsm\u00f6glichkeiten zu kennen, entsteht lediglich das Gef\u00fchl einer Ohnmacht gegen\u00fcber der gro\u00dfen Ungerechtigkeit in der Welt um uns herum. Was kann <em>ich<\/em> schon dagegen tun, dass Verlag XYZ immer noch auf Kolonialismus setzt und dabei lediglich wei\u00dfe Designer und K\u00fcnstler ohne Bezug zu den behandelten Orten einbezieht?<\/p>\n<p>In solchen Situationen wird die Ohnmacht schnell zum Schutzpolster, welches verhindert, dass man die eigene Komfortzone verlassen muss. Das muss auch nicht mal Vorsatz sein wie es etwa die derzeitige Regierung in Fragen des Umweltschutzes handhabt. Es kann ein ganz unbewusster Prozess sein. Man bedauert die eigene Ohnmacht, kann sich aber keine Alternative vorstellen.<\/p>\n<p>Genau an diesem Punkt, k\u00f6nnen Kritiker*innen, Content-Creator*innen und Influencer*innen in meinen Augen st\u00e4rker wirken. Statt unsere Begeisterung f\u00fcr Vielfalt und f\u00fcr Inklusion dadurch zu betonen, dass wir sie immer dann einfordern, wenn sie fehlt; k\u00f6nnten wir doch die genuine Freude am Anderen und Interesse am Unbekannten nach vorne stellen. Es liegt in unserer Hand auf die Themen und Spiele zu schauen, die abseits der vertrauten Pfade liegen. Wir k\u00f6nnen und m\u00fcssen uns in unserem \u00f6ffentlichen Wirken auch eine Brettspielszene vorstellen, die vielf\u00e4ltiger und bunter ist als wir sie bisher haben. Vor allem m\u00fcssen wir uns genau daran wieder erfreuen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vielfalt und Offenheit darf nicht als Arbeit verstanden werden, die wir noch leisten m\u00fcssen. Es sollte nicht als m\u00fchsames Ablegen fest gefahrener \u00dcberzeugungen definiert sein. Wir sollten uns nicht um detailliert \u00fcberlegte Antworten und Argumente den Kopf zerbrechen m\u00fcssen, warum wir mehr Vielfalt und Offenheit suchen. Eine vielf\u00e4ltige und offene Brettspielszene sollte die logische und zwingende Folge unsere tats\u00e4chlichen Freude und Wertsch\u00e4tzung all derer zu sein, die uns nicht gleichen.<\/p>\n<p>Eine solche Begeisterung und Wertsch\u00e4tzung der anderen bedeutet unter anderem auch, dass man sich von abgegriffenen Witzchen wie \u201eich als alter wei\u00dfer Mann\u201c frei macht. Solche kurzen Einsch\u00fcbe sollen nat\u00fcrlich zeigen, dass dem Sprecher die eigene, privilegierte Position bewusst ist. Aber sie lenken unvermeidlich die Aufmerksamkeit auf den Sprecher und nicht auf das Thema. Sie zentrieren \u2013 gerade durch den Versuch der ironischen Brechung \u2013 erneut das Wei\u00dfe und das M\u00e4nnliche. Auch ich gelobe dahingehend Besserung. Ich habe selbst viel \u00f6fter auf diese Phrase zur\u00fcckgegriffen als ich es eigentlich m\u00f6chte. Ich will damit abschlie\u00dfen. Nicht zuletzt, weil ich mich bei dem Satz fast schon so stark fremdsch\u00e4me, wie bei den abgehalfterten Witzen \u00fcber die Partnerin, die nicht erfahren <em>darf<\/em> wie viel Geld man(n) f\u00fcr Spiele ausgibt. Oder schlimmer noch: die Betonung, dass ich auch schon mal Spiele gegen sie verloren habe.<\/p>\n<p>Darum sind Diversity, Gleichstellung und Inklusion kein Problem, welches man konstatieren aber nicht ver\u00e4ndern kann. Es sollte vielmehr das Ziel sein, welches wir nur dadurch erreichen k\u00f6nnen, dass wir es Teil unserer allt\u00e4glichen Teilnahme an der Brettspielszene machen. Wir m\u00fcssen und sollten diese Inhalte wieder in die Mitte der Szene setzen, statt sie als hei\u00dfe Eisen am Rande der Brettspiel-Bubble zu meiden. Wir k\u00f6nnen eine Brettspielszene nicht von innen heraus ver\u00e4ndern, wenn wir diese Ver\u00e4nderung als m\u00fchsam und unsere F\u00e4higkeiten \u00fcbersteigend begreifen. Wir m\u00fcssen uns darauf besinnen, dass alles was wir noch nicht kennen ein Grund zur Begeisterung ist. Es sollte wieder Teil unseres Selbstverst\u00e4ndnis werden, dass viele neue Einfl\u00fcsse und uns noch unvertraute Perspektiven nicht nur eine Bereicherung sind, sondern eben auch der Grund sind, weshalb wir nicht noch immer die selben Spiele spielen wie vor 1979.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem k\u00fcrzlich stattgefundenen Tag der Brettspielkritik erw\u00e4hnte die Referentin Cosima Werner den Begriff Unbehagen im Zusammenhang zu Themen wie Vielfalt, Gleichstellung und Inklusion in der Brettspielszene. 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Diversity, Inklusion, Sexismus, etc sind \u201ehei\u00dfe\u201c Themen, welche au\u00dferhalb der Wohlf\u00fchl-Mitte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":26431,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"Ein paar Gedanken zu schwierigen Themen und warum das eigentlich der falsche Ansatz ist.\r\n\r\nvon @georgiosp.bsky.social","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-26423","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Lama-Cover-scaled.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26423","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26423"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26423\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26434,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26423\/revisions\/26434"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26431"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26423"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26423"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26423"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}