{"id":26130,"date":"2025-03-09T15:11:46","date_gmt":"2025-03-09T13:11:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=26130"},"modified":"2025-03-09T16:38:41","modified_gmt":"2025-03-09T14:38:41","slug":"stich-um-stich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2025\/03\/09\/26130\/","title":{"rendered":"Stich um Stich"},"content":{"rendered":"<p>Seit einigen Wochen denke ich vermehrt \u00fcber Stichspiele nach. Warum? Nun zum einen ist es ein Genre, dass gerade -zumindest im Ausland &#8211; einen Boom erlebt. Das Spannende ist aber weniger, dass so viele Stichspiele erscheinen, sondern, dass so viele neue Stichspiele bewusst mit vielen Konventionen brechen, aber dennoch klar als Stichspiele erkennbar sind: Bei einem Stichspiel spielen die Spielenden nacheinander eine oder mehrere Karten und nach einer \u00fcberschaubaren Zeit (in der Regel eine Runde, aber gelegentlich mehr) gewinnt eine Person den &#8220;Stich&#8221;, also quasi diese Runde. In der Regel gibt es daf\u00fcr die meisten der gespielten Karten, obwohl es da auch Abweichungen geben kann. Wichtig dabei ist, dass a) alle Personen gespielt haben (oder zumindest die Chance dazu hatten) und b) die Person, die den Stich gewinnt eindeutig durch die gespielten Karten bestimmt ist.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es viele Genres und Unterkategorien von Brettspielen, die ebenfalls ihre klaren Identifikationsmerkmale haben. Aber nur wenige sind dabei strukturell untereinander so \u00e4hnlich. Jedes Verr\u00e4terspiel hat zumindest theoretisch einen Verr\u00e4ter, aber alle anderen Mechanismen k\u00f6nnen eben komplett unterschiedlich funktionieren. Roll&amp;Writes haben ebenfalls eine klare Struktur &#8211; W\u00fcrfeln und Eintragen &#8211; aber die Implementation und Spielgef\u00fchl kann aber sehr stark varriieren: Ob man etwa auf Zahlenreihen wettet oder taktische Kombos baut oder Felder abtr\u00e4gt sind doch unterschiedliche Paar Schuhe. Zudem gibt es als Unterkategorien Roll&amp;Writes bei denen nur eine Person die Ergebnisse eintr\u00e4gt (<em>Kniffel<\/em>), alle dasselbe, alle mit Variationen, alle sich etwas aussuchen&#8230;. Das Feld ist weit gesteckt. Und auch wenn es bei Stichspielen ebenfalls Unterkategorien gibt, sind diese nach meinem Daf\u00fcrhalten deutlich enger beieinander als bei den R&amp;Ws. Genres mit vergleichbar starren Korsett sind dann entweder andere Kartenspielfamilien (Shedding Games, Romm\u00e9-Ableitungen z.B.) oder Spiele, die sich an einem &#8220;Prototypen&#8221;, also einem Musterspiel orientieren, wie die <em>18xx<\/em> oder die (aus der Mode gekommenden) <em>Britannica<\/em>&#8211; oder <em>Diplomacy<\/em>-Variationen.<\/p>\n<p>Diese klare Identifikation erm\u00f6glicht es aber gerade herauszuarbeiten, wie sich die einzelnen Vertreter unterscheiden &#8211; was in der Regel in Kritiken geschieht, wo die Innovationen und ihre Wirkung herausgehoben werden (sollten) &#8211; aber auch welche grunds\u00e4tzlichen Ans\u00e4tze im Design gemacht wurden. Dabei geht es weniger darum herauszufinden zu versuchen, was der oder die Autor:in sich jetzt gedacht hat, sondern eben eine Orientierung, was bei einem Stichspiel X vom Spielgef\u00fchl her zu erwarten ist. Dabei m\u00f6chte ich die Details bewusst ausblenden: Es ist f\u00fcr diese Frage erst einmal unerheblich, ob sich zum Beispiel die Rundenstruktur an westlichen Stichspielen (einmal rum) oder \u00f6stlichen Stichspielen (so lange bis niemand &#8220;\u00fcberbietet&#8221;) orientiert oder ob es ein Stichvermeidungs (Miser\u00e9\/Null) oder Stichgewinnspiel handelt, geschweige denn ob es Ansagen oder Tr\u00fcmpfe gibt. Dass man diese doch eher groben Details ausblenden kann und dennoch eine aus meiner Sicht recht konkrete Aussage \u00fcber das Spielgef\u00fchl eines Spieles machen kann, ist eben Zeugnis der klaren Stichspielstruktur.<\/p>\n<p>Wie in meiner Rezension zu <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/zwei-tiny-games-rainbow-und-prey\/\">Prey und Rainbow<\/a> bereits beschrieben, sehe ich zwei grunds\u00e4tzliche Skalen, die zusammen die Fl\u00e4che des &#8220;Stichspiellandes&#8221; bilden: Zum einen ist da die Frage ob das Spiel eher strategisch (&#8220;Kontrolle&#8221;) oder eher taktisch-situativ (&#8220;Chaos&#8221;) angelegt ist: Bei einem strategischen gepr\u00e4gten Spiel &#8220;liest&#8221; man am Anfang einer Runde sein Blatt und versucht zu \u00fcberlegen, wie man am besten vorgeht. <em>Skat<\/em> oder <em>Bridge<\/em> sind die klassischen Beispiele. Bei einem Situativ gepr\u00e4gten Spiel wird man eher jedes mal wenn man dran ist, entscheiden, wie man im aktuellen Stich reagiert. Bei diesen Spielen ist das Lesen des Blattes entweder nicht m\u00f6glich (weil sich etwa Wertigkeiten ver\u00e4ndern, je nachdem mit welchen anderen Karten sie zusammenfallen) oder sinnvoll (weil es etwa zu viele Variablen gibt, die ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssten). Wohlgemerkt geht es hier nicht um den Gl\u00fccksfaktor, sondern um die Herangehensweise beim spielen. Auch bei <em>Hearts<\/em> oder <em>Wizard<\/em> liest man sein Blatt, aber ob die Planung aufgeht, h\u00e4ngt von der Verteilung ab (bzw, davon, welche Karten \u00fcberhaupt im Spiel sind). Oft werden situativere Spiele aber als &#8220;lockerer&#8221; wahrgenommen, weil eben eine langfristige Planung wegf\u00e4llt (Wobei es auch situativ gespielte Brainburner gibt).<\/p>\n<p>Die andere Skala ist die Frage <em>Klassisch oder Ungew\u00f6hnlich?<\/em> Auch dies ist bewusst keine Aussage zur Originalit\u00e4t oder gar der Qualit\u00e4t sondern nur die Frage: Wie sehr orientiert sich das Spiel an den klassischen (westlichen) Stichspielstrukturen? In der ersten gro\u00dfen Stichspielwelle Anfang der 90er Jahre kamen sehr viele Stichspiele auf den Markt, die alle einen Kniff hatten, sich aber grunds\u00e4tzlich in ihrem Aufbau oft nicht von klassisches Spielen unterschieden &#8211; der Kniff bezog sich in vielen Vertretern auf die Wertung. Als Beispiel war <em>Drahtseilakt<\/em> genannt, bei dem man versucht, Stiche in Rot und Blau auszugleichen. In der neuen Welle wird dagegen sehr viel mehr mit der Struktur des Stichspieles experimentiert, so bekommen Karten beispielsweise oft erst durch das Ausspiel einen Wert zugewiesen. Hier w\u00fcrde ich <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/cat-in-the-box\/\">Cat in the Box<\/a> als Beispiel nennen. Auch Spiele die sich an den Shedding-Spielen orientieren durchbrechen das klare Stichspielmuster, durch die ungewohnte Rundenstruktur.<\/p>\n<p>Als kleine Finger\u00fcbung habe ich ein paar Stichspiele aus allen Generationen in einen Graphen mit entsprechenden Achsen gepackt:<\/p>\n<figure id=\"attachment_26133\" aria-describedby=\"caption-attachment-26133\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Unbenannt.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-26133 size-medium\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Unbenannt-300x183.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"183\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Unbenannt-300x183.jpg 300w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Unbenannt-700x426.jpg 700w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Unbenannt-150x91.jpg 150w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Unbenannt-768x467.jpg 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Unbenannt-370x225.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Unbenannt-270x164.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Unbenannt-570x347.jpg 570w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Unbenannt-821x500.jpg 821w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Unbenannt-740x450.jpg 740w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Unbenannt.jpg 874w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-26133\" class=\"wp-caption-text\"><em>Zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein Skatfindet findet sich als klassisches Spiel mit Schwerpunkt auf Strategie rechts oben, w\u00e4hrend Saashis <em>Take the A chord<\/em> die andere Seite \u00fcbernimmt: Bei diesem Spiel ist jede Karte nur in dem Kontext der Runde, in dem sie gespielt wird bewertbar (situativ) und die Art und Weise wie Karten zusammenwirken und wie die Karte, die den Stich gewinnt bestimmt wird ist h\u00f6chst einzigartig. Der moderne Klassiker <em>Sticheln<\/em> findet sich eher in der Mitte: Grunds\u00e4tzliche Entscheidungen (etwa die Wahl der \u00c4rgerfarbe) werden am Anfang getroffen, aber da der Trumpf von der ausgespielten Farbe abh\u00e4ngt, ist der Grad der Unverhersehbarkeit hoch, was zu einem zumindest teilweise situativen Spiel f\u00fchrt. Die Struktur ist relativ bekannt, aber die Trumpfregel (Trumpf sind alle Farben, mit denen nicht herausgekommen wurde) bricht stark mit den Konventionen &#8211; auch wenn die Wirkung (H\u00f6chster Trumpf macht den Stich) wieder klassisch ist.<\/p>\n<p><em>(Kleine Anmerkung: Die Wahl der Spiele ist recht willk\u00fcrlich darauf gefu\u00dft, was ich gut genug kenne, um es einordnen zu k\u00f6nnen und ich wollte eine gro\u00dfe Bandbreite abdecken. <\/em>The Crew<em> und <\/em>Familiars Trouble<em> fehlen aber bewusst &#8211; nach dem Credo &#8220;Jedes kooperatives Spiel ist in erster Linie ein kooperatives Spiel und erst in zweiter Linie das Genre, aus dem es stammt)<\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind die absoluten Einsch\u00e4tzungen subjektiv von mir gew\u00e4hlt, aber ich denke dass die relative Lage in etwa schon so hinkommen d\u00fcrfte. Diese Landschaft der Stichspiele ist auch dahingehend interessant, weil es erlaubt, auch den eigenen Geschmack besser einzuordnen: Habe ich mehr Freude an Regelbr\u00fcchen oder dem &#8220;klassischen Gef\u00fchl&#8221; eines Stichspieles? Oder spielt das gar keine Rolle und mein Geschmack fu\u00dft gr\u00f6\u00dftenteils darauf, ob ich taktisch vorgehen kann oder ob ich lernen muss, meine Hand lesen zu lernen etc.pp.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es immer die Frage, inwieweit solche Einteilungen sinn machen. Mir geht es hier um die Besch\u00e4ftigung mit einer Sache (Stichspiele), die mir zum einen wichtig ist und mit der ich mich auch zum anderen auskenne. Die Kombination sorgt f\u00fcr ein Grundbed\u00fcrfnis eine gemeinsame Sprache zwischen Gleichgesinnten zu finden, bei der man sich nicht jedes Mal \u00fcber grunds\u00e4tzliches einigen muss. Das gilt generell f\u00fcr Brettspiele und wurde hier entsprechend oft thematisiert (auch z.B. in der Rolle der Kritik). Stichspiele bieten als Nische einen guten Anhaltsounkt f\u00fcr eine derartige Betrachtung &#8211; die vielleicht auch f\u00fcr interessierte Au\u00dfenstehende nachvollziehbar und interessant ist.<\/p>\n<p>ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Wochen denke ich vermehrt \u00fcber Stichspiele nach. Warum? Nun zum einen ist es ein Genre, dass gerade -zumindest im Ausland &#8211; einen Boom erlebt. 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