{"id":25491,"date":"2024-07-01T08:30:54","date_gmt":"2024-07-01T06:30:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=25491"},"modified":"2024-06-30T23:12:25","modified_gmt":"2024-06-30T21:12:25","slug":"das-wichtigste-an-spielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2024\/07\/01\/25491\/","title":{"rendered":"Das Wichtigste an Spielen"},"content":{"rendered":"<p>Als ich neulich in meiner Musikbox bl\u00e4tterte (d.h. Podcasts h\u00f6rte), da stie\u00df ich auf folgenden Gedanken. Es wurden Spiele daf\u00fcr gelobt, dass sie die Spieler*innen ermutigten neue Strategien zu probieren oder riskante Z\u00fcge zu machen. Die Spiele wurden gelobt, weil in diesen Spielen durch solche Aktionen immer etwas passiert. Auch wenn diese dann nicht perfekt ausgeglichen sind und sogar zum Kingmaking oder \u00e4hnlichem f\u00fchrten. Etwas, das ja in bestimmten Kreisen zutiefst verachtet wird.<\/p>\n<p>Ich musste diese Beobachtung eine Weile sacken lassen, um dann f\u00fcr mich mit etwas Nachdruck festhalten zu m\u00fcssen: solche Spiele gibt es nicht. Was es jedoch durchaus gibt, sind Spiele welche eine andere Spielkultur am Tisch annehmen. Eben weil diese Spiele auch aus einer anderen Spielkultur heraus entstanden sind.<\/p>\n<p>Anders als viele MINT-gef\u00e4rbte Spieler*innen schnell zu glauben scheinen, sind Spiele keine Auflistung von Handlungsanweisungen. Wir f\u00fchren die Regeln nicht blind aus und werden am Ende mit einem erf\u00fcllenden Spielerlebnis belohnt. Brettspiele m\u00f6gen zwar Interaktion beinhalten, aber sie sind im Herzen ein partizipatives Medium. Meine Kaffeemaschine erm\u00f6glicht mir auch Interaktion: ich stelle eine Tasse rein, dr\u00fccke auf einen Knopf und erhalte Kaffee. Ich tue etwas und die Maschine reagiert darauf. Voil\u00e0: Interaktion!<\/p>\n<p>Aber ein Spiel ist mehr als das. In einem Spiel trete ich nicht nur abwechselnd als ausf\u00fchrender und dann reagierender Teilnehmer auf. Durch die Spieler*innen entstehen auch die Rahmenbedingungen, welche aus dem gemeinsamen Interagieren, dem Nutzen der Komponenten oder der Befolgung von Regeln ein Spiel machen. Genauer gesagt: was ich am Spiel f\u00fcr wertvoll und wichtig erachte, ist identisch zu dem was dem Spiel Wert und Bedeutung verleiht.<\/p>\n<p>Es ist nicht genug, dass im Regelheft steht, dass Siegpunkte die wichtigste Ressource im Spiel sind. Ich muss auch gewillt sein diese Siegpunkte als wichtigste Ressource des Spiels zu behandeln. Wer sich hier an den von mir oft zitierten magischen Zirkel erinnert f\u00fchlt, liegt genau richtig. Entscheidend ist in meinen Augen, dass es nicht das Spiel ist, welches diesen magischen Zirkel vorgibt und wir entscheiden einzutreten. Vielmehr sind wir es, die ihn zeichnen und aufrecht erhalten. Es ist unsere stillschweigende \u00dcbereinkunft, dass bestimmte Elemente des Spiels wichtig und wertvoll sind, welche den magischen Zirkel erschaffen.<\/p>\n<p>Darauf aufbauend entfaltet sich unser Spielerlebnis, die emotionale Bandbreite des Spiels und auch die H\u00f6hen und Tiefen, die wir beim Spielen erleben. Alles das hat seine Wurzeln darin, dass wir gemeinsam das Spiel Ernst nehmen und seine Bedingungen und Einschr\u00e4nkungen als verbindlich akzeptieren.<\/p>\n<p>Ein Spiel kann uns jedoch nicht vorschreiben was uns wichtig ist und was nicht. Es kann uns nicht vorschreiben welche emotionale Reaktion wir auf bestimmte Ereignisse im Spiel haben sollen. Entsprechend kann es uns auch nicht f\u00fcr eine Entscheidung \u201ebestrafen\u201c oder \u201ebelohnen\u201c. Es mag sich zwar so anf\u00fchlen, weil wir dem Spiel eine lehrende Absicht unterstellen, aber das ist ein Trugschluss. Ein Spiel ist letzten Ende ein Satz an Regeln und einige greifbare Komponenten. Manche sehen Spiele auch als untrennbar mit der Person verbunden, welche das Spiel gemacht hat. Aber dieses Argument scheint mir so viel Substanz zu haben, wie die Behauptung, dass man als Leser eines Romans einen pers\u00f6nlichen Dialog mit dem Autor\/der Autorin eingeht. Es mag einer emotionalen Wahrheit entsprechen, aber keiner rationalen. Es ist im besten Fall eine pers\u00f6nliche Entscheidung auf diese Art mit dem Buch bzw. Spiel umzugehen.<\/p>\n<p>Spielregeln sind f\u00fcr sich genommen wertneutral. Allerdings stehen Spielregeln niemals alleine. Sie sind in vielen F\u00e4llen thematisch eingebettet und werden damit in inhaltliche Zusammenh\u00e4nge gebracht. Vor allem ist die Summe der Spielregeln (und des Themas) dem sozialen Rahmen untergeordnet, den die Spieler*innen auf das gemeinsame Spielen anlegen. Dieser hat in meinen Augen mehr Gewicht als der Kontext, der sich durch die thematische Einbettung ergibt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_25492\" aria-describedby=\"caption-attachment-25492\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Ruby-Sunday.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-25492 size-medium\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Ruby-Sunday-300x150.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"150\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-25492\" class=\"wp-caption-text\">Dieses Bild beinhaltet wom\u00f6glich einen Spoiler<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Sammeln von Siegpunkten ist nur so wichtig, wie wir selbst es nehmen wollen. Wir entscheiden wie viel M\u00fche, Aufwand und auch Wettbewerb wir in das gemeinsame Spielen investieren wollen, um sie zu erreichen. Das Spiel selbst kann uns diese Entscheidung nicht nehmen. Das gilt auch f\u00fcr die R\u00fcckschl\u00e4ge, die wir im Verlauf des Spiels erleben werden. Es ist nicht das Spiel, welches festlegt wie frustriert wir dadurch sind: oder wie wenig eine schlechte Runde uns aus der Bahn wirft. Ob wir durch eine sich abzeichnende Niederlage die Lust am Spiel verlieren oder ob es andere Facetten gibt, die das gemeinsame Spielen f\u00fcr uns lohnenswert machen, kann kein Spiel f\u00fcr uns beantworten. Es h\u00e4ngt von uns ab.<\/p>\n<p>War darunter eine Pippi-Langstrumpf-Einstellung zu Spielen versteht, macht dabei einen tragischen aber leider weit verbreiteten Denkfehler. Denn der magische Zirkel ist keine individuelle Handlung. Er kann nur im Austausch miteinander entstehen. Es ist das gemeinsame Einhalten der Werte (nicht nur der Regeln wie manche altklug t\u00f6nen), welches aus dem Spielen ein mit anderen geteiltes Erlebnis macht. Es sind eben die Werte der Spielrunde, die bestimmen, welches Spielverhalten wir als wertvoll und konstruktiv einsch\u00e4tzen und welches nicht.<\/p>\n<p>Hier nun pr\u00e4sentiert sich der Gedanke der \u201eSpielkultur\u201c in seiner fundamentalsten Bedeutung. Im Spielen miteinander reagieren wir auf die Anwesenheit unserer Mitspieler*innen und entwickeln so die Wertgrundlage f\u00fcr die gemeinsame Aktivit\u00e4t: das Spielen. Aus diesem Miteinander kann sowohl der Wunsch nach nervenaufreibendem und anstrengenden Wettstreit entstehen; aber auch der Wunsch nach Beisammensein und R\u00fccksichtnahme. Ob wir so spielen, dass jede*r am Spiel teilnehmen kann; oder nur jene ihre Ziele erreichen, die taktisch und strategisch am Kl\u00fcgsten handeln, ist eine Frage der am Tisch geltenden Werte. Entsprechend ist es eine \u00e4rgerliche Verschiebung der eigenen Verantwortung, wenn Regeln als Begr\u00fcndung herangezogen werden, weshalb man andere im Spiel benachteiligt. Vor allem weil es eben verkennt wie viel des Spielerlebnis in Wirklichkeit in unserer Hand liegt.<\/p>\n<p>Ob ungew\u00f6hnliche Strategien, riskante Z\u00fcge oder \u201eKingmaking\u201c als Teil des Spielerlebnisses akzeptiert werden, liegt an uns. Es ist immer Folge der Spielkultur, die wir an den Tischen anstreben wollen. Ob Sieg oder Niederlage der Fixpunkt ist, um den sich unser gemeinsames Spiel dreht, haben wir in der Hand. Ob erinnerungsw\u00fcrdige Momente oder thematisch aufgeladene Situationen den Spielabend besonders lohnenswert und erf\u00fcllend machen, entscheiden wir.<\/p>\n<p>Es gibt keine Spielregeln, die uns absprechen kann, den Spa\u00df am gemeinsamen Spielen dort zu haben wo wir zusammenfinden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich neulich in meiner Musikbox bl\u00e4tterte (d.h. Podcasts h\u00f6rte), da stie\u00df ich auf folgenden Gedanken. 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