{"id":24597,"date":"2023-11-05T12:01:15","date_gmt":"2023-11-05T10:01:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=24597"},"modified":"2023-11-05T13:50:24","modified_gmt":"2023-11-05T11:50:24","slug":"die-unbaendige-freude-am-scheitern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2023\/11\/05\/24597\/","title":{"rendered":"Die unb\u00e4ndige Freude am Scheitern"},"content":{"rendered":"<p>Partyspiele haben in der Spieleszene ihren ganz eigenen Platz. Sie stehen etwas abseits von den anspruchsvollen Strategiespielen mit denen sich die erfahreneren Spieler*innen gern besch\u00e4ftigen. Sie sind in mancher Hinsicht im Geiste noch mit dem Kinderspiel verwandt, richten sich aber deutlich an ein \u00e4lteres Publikum. Vor allem aber, finden sie gerade bei Seltenspieler*innen Anklang, die sich eher vorstellen k\u00f6nnen ein Partyspiel auszuprobieren, statt sich einem fordernden, stundenlangen Wettstreit der Taktiken und Strategien auszuliefern.<\/p>\n<p>Partyspiele und solchen, die im Spielgef\u00fchl an sie erinnern sind besonders, da sie uns erlauben \u00fcber unser eigenes Unverm\u00f6gen zu lachen. Ein Spiel wie etwa Galaxy Trucker ist anf\u00e4nglich von einem hohen Ma\u00df an Hektik geformt. Unter Zeitdruck m\u00fcssen wir eine fordernde Aufgabe erf\u00fcllen. Im Anschluss sehen wir dabei zu, wie unsere erbrachte Leistung mit einem hohen Ma\u00df an Zufall zerst\u00f6rt wird. Unter Vielspieler*innen l\u00f6st das wahlweise Gel\u00e4chter und Spielfreude oder Frustration und Ablehnung aus.<\/p>\n<p>In solchen Spielen kommt es immer wieder vor, dass wir mit dem eigenen Unverm\u00f6gen konfrontiert werden. Sei es weil wir schlecht zeichnen k\u00f6nnen, aber mit wenigen Strichen unter Zeitdruck einen Begriff oder eine Idee kommunizieren sollen. Oder weil wir w\u00e4hrend die Sekunden ticken oft nicht die richtigen Worte finden, und unbeholfen vor uns her stammeln was denn dieses Ding, na dieses Ding.. na du wei\u00dft schon&#8230; Miriam hat doch so viele davon&#8230; warum kommst du denn nicht drauf? Wie deutlich kann ich denn noch werden?<\/p>\n<p>Es sind Spiele, die zu Gel\u00e4chter f\u00fchren. Aber es ist eben gerade nicht das h\u00e4mische und absch\u00e4tzige Lachen, mit dem wir uns \u00fcber die Menschen stellen, die etwas nicht k\u00f6nnen was doch &#8220;so einfach&#8221; ist. Es ist ein Lachen des Mitleidens, des Sich-Selbst-in-Anderen-Wiedererkennen und damit der Verbundenheit. Wir erkennen uns selbst im Scheitern des anderen wieder und finden darin etwas, das uns eint. Die Dinge an denen unsere Mitspieler*innen scheitern sind die selben, die auch uns zu schaffen machen werden, wenn wir am Zug sind. Wir verstehen unser gegenseitiges Scheitern nicht als Schaffung einer Hierarchie des spielerischen K\u00f6nnens, sondern als Gleichmacher zwischen den unvollkommenen, aber gerade darum so sympathischen Personen mit denen wir an einem Tisch sitzen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Dieses Umarmen des Scheiterns ist nicht nur zutiefst menschlich, es ist auch f\u00fcr viele ein Befreiungsschlag vom Leistungsdruck, der in vielen Spielrunden ganz selbstverst\u00e4ndlich entstanden ist. Aber woran liegt das eigentlich? Ist die Brettspielszene derart von \u00fcberpriviligierten Personen bev\u00f6lkert, dass wir uns nur zum Spa\u00df und der eigenen Belustigung einem Leistungs- und Erfolgsdruck aussetzen? Oder reproduzieren wir in unseren Spielen und mit unseren Freunden einfach nur die kulturellen Dynamiken, die wir in anderen Bereichen unseres Lebens sehen? Wenn wir ansonsten immer zeigen m\u00fcssen, dass wir belesener, kl\u00fcger, charismatischer sind als andere\u2026 warum dann nicht auch im Spiel?<\/p>\n<figure id=\"attachment_24602\" aria-describedby=\"caption-attachment-24602\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Scheitern-2-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-24602\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Scheitern-2-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Scheitern-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Scheitern-2-700x525.jpg 700w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Scheitern-2-150x113.jpg 150w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Scheitern-2-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Scheitern-2-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Scheitern-2-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Scheitern-2-370x278.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Scheitern-2-270x203.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Scheitern-2-570x428.jpg 570w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Scheitern-2-667x500.jpg 667w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Scheitern-2-740x555.jpg 740w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Scheitern-2-80x60.jpg 80w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-24602\" class=\"wp-caption-text\">Wenn das Licht am Ende des Tunnels die Scheinwerfer des kommenden Zuges sind<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die bequeme und auch sehr billige Antwort &#8211; frei nach der &#8220;survivorship bias&#8221; &#8211; lautet nat\u00fcrlich, dass Menschen, die gerne spielen es tun, weil sie eben diesen Leistungsdruck genie\u00dfen. Spielen hei\u00dft leisten, herausragend sein und sich im Wettkampf mit ebenb\u00fcrtigen Gegner beweisen.<\/p>\n<p>Das halte ich mit Verlaub f\u00fcr Kokolores. Also vor allem das dem Spiel dieser Wert innewohnt und dass es sich durch diese Eigenschaften erst als Spiel auszeichnet. Daf\u00fcr sind die oben erw\u00e4hnten und in der Masse viel Zuspruch findenden Partyspiele einfach zu gegenl\u00e4ufig konzipiert. Denn gerade weil Partyspiele diesem Leistungsprinzip so selten gerecht werden, sind sie f\u00fcr ein Gros der Spieler*innen erst attraktiv.<\/p>\n<p>Denn es ist in meinen Augen eine tragische Fehleinsch\u00e4tzung, dass die Regelmenge an sich neue Spieler*innen einsch\u00fcchtert. Es ist viel \u00f6fter die Bef\u00fcrchtung, dass ein Spiel mit vielen Regeln auch viel Leistung abverlangen wird. Nicht nur, dass man diese Regeln erlernen und verinnerlichen muss. Es gilt sie auch noch hoch-kompetent einzusetzen und durchgehend zu bedenken. Der Erwartungsdruck an die Spielgruppe, den diese Spiele oft vorausschicken, sch\u00fcchtert ein und schreckt ab. Das gilt f\u00fcr den Aufwand, der damit einher geht mitzuhalten. Aber auch f\u00fcr die Gruppendynamik mit der man rechnen muss, wenn das allgegenw\u00e4rtige Scheitern eben nicht mehr verbindet, sondern die Erfolgreichen von den Versagern trennt.<\/p>\n<p>Viele nehmen diese Hierarchisierung in Kauf, weil es bedeutet Teil der Gruppe zu sein und Zeit mit Menschen zu verbringen, die man mag. Aber daraus folgt nicht, dass diese Duldung des Leistungsprinzips auch mit einer Vorliebe daf\u00fcr einher geht. Menschen lernen ihr Leben lang sich an unbequeme Situationen anzupassen, wenn das bedeutet, dass sie daf\u00fcr andere Vorz\u00fcge genie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es ist die Annahme des Leistungsprinzips als Normalzustand des Spiels welches hier ein Problem darstellt. Sowohl auf Seiten der Vielspieler*innen, die in ihrer Begeisterung f\u00fcr die vielen Vorz\u00fcge des gemeinsamen Spielens diese kleine Barriere oft nicht mehr wahrnehmen; als auch auf Seiten der Designer*innen, Entwickler*innen und Verlage, die das Scheitern nur noch als emotionale H\u00f6chststrafe verstehen, aber eben nicht als Motor f\u00fcr gemeinsamen Spielspa\u00df. Scheitern als die drohende Schmach und Ungnade, die einem droht, wenn man nicht gut genug ist.<\/p>\n<p>In beiden F\u00e4llen ist das Brettspiel dadurch \u00e4rmer geworden. Anstatt im Spiel zu lernen mit R\u00fcckschl\u00e4gen und dem Scheitern spielerisch und konstruktiv umzugehen, findet viel mehr eine Abh\u00e4rtung statt. Wenn wir uns nur oft genug die Knie blutig geschrammt haben, dann st\u00f6rt uns es nicht mehr, wenn wir uns mal voll auf die Nase legen. Wir lernen zu verlieren, in dem wir uns dagegen abstumpfen oder einfach &#8220;besser werden&#8221;. Wer gelernt hat gut zu spielen, muss nicht mehr mit Niederlagen umgehen m\u00fcssen. Wer beides nicht erreicht hat, verf\u00e4ngt sich wom\u00f6glich schnell in der oft lamentierten Entscheidungsunf\u00e4higkeit (analysis paralysis).<\/p>\n<p>In letzter Konsequenz ist das die Lehre, die wir aus dem Leistungsprinzip in Spielen ziehen m\u00fcssen. Das Scheitern ist eine Blamage, der wir uns nur dadurch entsagen k\u00f6nnen in dem wir den Spielsieg f\u00fcr belanglos erkl\u00e4ren oder einfach dadurch \u00fcberzeugen, dass wir zu gut sind, um noch zu verlieren. Dieses Leistungsprinzip birgt dann auch den Boden, um \u201eloss aversion\u201c in den Mittelpunkt der meisten Spielentscheidungen zu setzen. Das wiederum f\u00fchrt zur Erkenntnis, dass die einzig rationale Antwort lautet, lieber gar nicht zu spielen statt zu verlieren.<\/p>\n<p>Eine Erkenntnis, die bereits viele Nichtspieler*innen zur Welt gebracht hat. Denn so lange die enge und festgefahrene Sicht auf Spiele als B\u00fchnen der Leistungsdarbietung vorherrscht, bleibt das Scheitern eine Strafe, die es um jeden Preis zu vermeiden gilt. Sie bleibt ein Schreckgespenst, welches uns umhertreibt und uns zwingt bestimmte Entscheidungen zu f\u00e4llen. Sie bleibt, zumindest f\u00fcr die meisten Menschen, ein Grund das Spielen mit anderen zu meiden.<\/p>\n<p>Aber wie viel mehr Verbundenheit und Humor erlauben uns Spiele zu erleben, wenn wir Scheitern als Teil des Spiels und auch als m\u00f6gliche Quelle f\u00fcr das verstehen, weshalb wir uns oft und immer wieder an den Tisch setzen: um Spa\u00df zu haben.<\/p>\n<p>Der Schl\u00fcssel dazu liegt, wie in so vielen Dingen, nur zu einem kleinen Teil in den Spielen selbst. Die Freude am Scheitern ist nicht aus den Regeln, dem Thema oder dem Spielmaterial abzuleiten. Sie entsteht aus der Art des Miteinanders am Spieltisch. Sie ist eine Folge dessen wie wir, gerade als Vielspieler*innen, zeigen was f\u00fcr uns am Spielen wirklich von Bedeutung ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Partyspiele haben in der Spieleszene ihren ganz eigenen Platz. Sie stehen etwas abseits von den anspruchsvollen Strategiespielen mit denen sich die erfahreneren Spieler*innen gern besch\u00e4ftigen. Sie sind in mancher Hinsicht im Geiste noch mit dem Kinderspiel verwandt, richten sich aber deutlich an ein \u00e4lteres Publikum. Vor allem aber, finden sie gerade bei Seltenspieler*innen Anklang, die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":24601,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"Die unb\u00e4ndige Freude am Scheitern - @Georgios \u00fcber die Dinge, die man gewinnt, wenn man lernt das Verlieren anzunehmen","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[1,3],"tags":[],"class_list":["post-24597","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1","category-das-leben"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Scheitern-1-scaled.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24597","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=24597"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24597\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24605,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24597\/revisions\/24605"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/24601"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=24597"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=24597"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=24597"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}