{"id":24545,"date":"2023-10-22T12:01:06","date_gmt":"2023-10-22T10:01:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=24545"},"modified":"2023-10-22T22:43:22","modified_gmt":"2023-10-22T20:43:22","slug":"daran-habe-ich-nicht-gedacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2023\/10\/22\/24545\/","title":{"rendered":"&#8220;Daran habe ich nicht gedacht&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Aus dem Bereich der kognitiven Psychologie\u2013 also der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Denken, Wissen und Verstehen \u2013 erreicht uns Spieler*innen das Konzept der kognitiven Verzerrung. Oder in ihrem gel\u00e4ufigeren, da modischeren, englischen Fachterminus: \u201ecognitive bias\u201c.  Damit sind Denkmuster und Annahmen gemeint, die uns in unserer Wahrnehmung und Erfahrung von Spielerlebnissen beeinflussen. Das Bemerkenswerte daran ist, dass wir uns dieser Voreingenommenheiten oft nicht bewusst sind. Gerade das macht uns so anf\u00e4llig daf\u00fcr. Zwei dieser \u201ecognitive bias\u201c m\u00f6chte ich hier mal anschneiden.<br \/>\n<strong><br \/>\nEmotional bias &#8211; \u201eSieg oder Niederlage beeinflusst die Einordnung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Punkt scheint auf den ersten Blick so banal und offensichtlich, dass sich die meisten Spieler*innen oft und gerne dar\u00fcber lustig machen. Selbstverst\u00e4ndlich sind Spiele super, wenn man gewinnt und total \u00e4tzend, wenn man sie verliert. In dieser Schlichtheit, ist das nat\u00fcrlich kaum der Rede wert.<\/p>\n<p>Wenn man jedoch genauer hinschaut und bedenkt, dass Spielen auch immer eine emotionale Erfahrung ist, stellen sich interessante Fragen. Es ist Teil des normalen Spielerlebnis, dass man dieses eventuell im Nachhinein versucht in Worte zu fassen. Man versucht es einzuordnen und zu bewerten. Dabei greift man unweigerlich auf die eigene Spielerfahrung zur\u00fcck. <\/p>\n<p>Zeichnet sich diese Spielerfahrung durch positives Feedback aus, so liegt es nahe, dass man im Spiel mehr Handlungsm\u00f6glichkeiten sieht. Man leitet mehr Spieler*innenfreiheit aus der eigenen Erfahrung ab, oder erkennt an unterschiedlichen Details in Regeln, Pr\u00e4sentation oder Konzept weitere positive Facetten des Spiels. F\u00fcr viele Spieler*innen zeichnet sich ein besonders gutes Spiel dadurch aus, wie gro\u00df das Potential ist, welches darin schlummert. Ein Potential welches man deutlich gr\u00f6\u00dfer einsch\u00e4tzt, wenn die Spielerfahrung vor allem von positiven bzw. konstruktiven Feedback gepr\u00e4gt ist. Wenn ich im Rahmen des Spiels einen R\u00fcckschlag erleide, aber sowohl verstehe warum dieser entstanden ist und dass es in meiner Hand liegt, diesen in Zukunft zu vermeiden, kann ich besser verstehen welches Potential in dem Spiel steckt. <\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu, ist ein Spiel bei dem ich wiederholt unverst\u00e4ndliches Feedback erhalte, eine h\u00f6chst negative Spielerfahrung. Wenn meine Entscheidungen sich nicht auszahlen und ich auch nicht so recht erkennen kann, welches Verhalten zu positivem Feedback f\u00fchren w\u00fcrde, so f\u00e4llt es mir schwerer das Potential des Spiels auszumachen. Der Kern des Spiels bleibt mir verborgen und damit fehlt mir auch die Grundlage, um das Spiel angemessen zu beurteilen. <\/p>\n<p>Das ist auch ein wichtiger Grund, weshalb Kritiken wie \u201eich hatte keinen Spa\u00df\u201c eben so inhaltsleer sind. Sie sagen uns nichts \u00fcber das Spiel aus, sondern nur \u00fcber die individuelle Befangenheit der Person, die \u00fcber das Spiel berichtet. Auch der Versuch die Gr\u00fcnde f\u00fcr den fehlenden Spa\u00df zu benennen, ist nur indirekt hilfreich. Die \u201eemotional bias\u201c macht das Erkennen des Spielkerns nicht unm\u00f6glich, aber sie beeinflusst sie und kann sie erschweren.<\/p>\n<p>Aber auch die Gegenposition \u201eich hatte Spa\u00df\u201c ist anf\u00e4llig f\u00fcr einen zu rosigen Blick auf das Wesen des Spiels \u00fcber das man spricht. Zu schnell \u00fcbersieht man strukturelle oder individuelle Ungleichheiten beim Versuch das Spiel einzuordnen, da man selbst vielleicht nicht davon betroffen war. <\/p>\n<p>Insbesondere die individuellen Unterschiede k\u00f6nnen uns f\u00fcr eine andere \u201ebias\u201c anf\u00e4llig machen.<br \/>\n<strong><br \/>\nCurse of Expertise \u2013 \u201ePers\u00f6nliches Vorwissen ist Allgemeinwissen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Dieser schmissige Begriff umschreibt ein Ph\u00e4nomen, welches Vielspieler*innen sicherlich bereits erlebt haben. Wenn man ein bestimmtes Spezialwissen besitzt, f\u00e4llt es schwer die Perspektive einer Person einzunehmen, die dieses Wissen nicht besitzt. Das beginnt mit ganz simplen Begrifflichkeiten wie Deckbuilding oder Worker Placement. Es sind Fachbegriffe aus der Spielszene, welche sich au\u00dferhalb der Szene nur schwer ohne Vorwissen erschlie\u00dfen lassen. Aber das gleiche gilt auch f\u00fcr Formulierungen wie \u201eFarbe bedienen\u201c oder \u201eStich holen\u201c. Auch hier kann es schnell passieren, dass erfahrene Spieler*innen etwas als intuitiv verst\u00e4ndlich wahrnehmen, weil sie das n\u00f6tige Vorwissen daf\u00fcr nicht mehr bewusst aufrufen m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Dieser Gedanke l\u00e4sst sich aber noch weiter f\u00fchren. Abseits des Szenevokabulars gibt es auch Spielverhalten, taktische Abl\u00e4ufe und strategische \u00dcberlegungen, die sich langj\u00e4hrige Spieler*innen erarbeitet haben und nun kaum noch als besondere Expertise wahrnehmen. Stichspiele wie \u201eDie Crew\u201c sind daf\u00fcr exemplarisch. Die meisten Vielspieler*innen sind sich oft nicht bewusst wie viel Vorwissen sie bereits besitzen, um leicht und direkt in das Spielgeschehen eintauchen zu k\u00f6nnen. Im Vergleich dazu m\u00fcssen sich unerfahrene Spieler*innen die Grundlagen des Stichspiels erst \u00fcber viele Partien erschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Dabei geht es nicht darum, dass man hier von \u201eExpertenspielen\u201c spricht, bei denen eine starke Vertrautheit mit den unterschiedlichen Karten und Karteneffekten n\u00f6tig ist, um zielf\u00fchrender spielen zu k\u00f6nnen. Es geht um das vermeintlich rudiment\u00e4re Verst\u00e4ndnis \u00fcber die Abl\u00e4ufe und Zw\u00e4nge innerhalb des Spiels, welche bestimmte Entscheidungsmuster nahelegen. Die sogenannten Standardtaktiken in einem Worker-Placement-Spiel oder einem Deckbuilder sind eben gerade nicht selbsterkl\u00e4rend, sondern beruhen auf Erfahrungen, die man derart oft und vor so langer Zeit gemacht hat, dass man sie kaum noch als erw\u00e4hnenswert wahrnimmt. <\/p>\n<p>Das \u201epers\u00f6nliche Vorwissen\u201c wirkst sich aber nicht allein auf der mechanischen Ebene des Spiels aus. Gerade auf thematischer Ebene wird die Grenze zwischen pers\u00f6nlichem Vorwissen und allgemein verf\u00fcgbaren Wissen bzw. aus dem Spiel entstehenden Wissen oft und wiederholt verwischt. Wom\u00f6glich ist das sogar der mit Abstand gr\u00f6\u00dfte blinde Fleck, der in der Spielszene vorhanden ist. <\/p>\n<p>Denn es ist gerade unser Wissen \u00fcber Orte, historische Begebenheiten, natur- oder sozialwissenschaftliche Abl\u00e4ufe usw. usf., welches uns erst erm\u00f6glicht die thematische Tiefe und thematische Komplexit\u00e4t zu erfahren. Ohne zumindest etwas Grundwissen \u00fcber diese Dinge, w\u00e4ren wir nicht in der Lage eine Verbindung zwischen Regeln, Illustrationen und unseren Handlungen zu ziehen. Wir k\u00f6nnten keinen Spielstein auf das Brett setzen und es in unserer Vorstellungskraft in etwas verwandeln, welches Gewalt, politische Macht oder wirtschaftliche Ausbeutung repr\u00e4sentiert. Um unsere K\u00f6pfe mit den n\u00f6tigen Narrativen und Motiven zu f\u00fcllen, legen einige Verlage Erg\u00e4nzungsmaterial oder sogar eine kleine Literaturempfehlung bei. Das Thema eines Spiels kann erst richtig aufbl\u00fchen, wenn es auf ausreichend fruchtbaren Boden trifft.<\/p>\n<p>Unser Blick auf ein Spiel und sein Potential, gerade auch in thematischer Hinsicht, wird sehr stark durch dieses spezialisierte Vorwissen gef\u00e4rbt. Darum ist es so wichtig, dass wir uns unserer eigenen Expertise immer bewusst sind, wenn es darum geht ein Spiel zu beurteilen und zu begreifen was es genau ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Bereich der kognitiven Psychologie\u2013 also der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Denken, Wissen und Verstehen \u2013 erreicht uns Spieler*innen das Konzept der kognitiven Verzerrung. Oder in ihrem gel\u00e4ufigeren, da modischeren, englischen Fachterminus: \u201ecognitive bias\u201c. 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