{"id":24429,"date":"2023-08-27T11:20:58","date_gmt":"2023-08-27T09:20:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=24429"},"modified":"2023-08-27T11:20:58","modified_gmt":"2023-08-27T09:20:58","slug":"here-comes-the-turnsplainer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2023\/08\/27\/24429\/","title":{"rendered":"Here Comes the Turnsplainer"},"content":{"rendered":"<p><em>Turnsplaining<\/em> ist ein Kunstbegriff, der von Tiffany Leigh ins Leben gerufen wurde. Der Begriff lehnt sich an \u201emansplaining\u201c an, aber \u00fcbertr\u00e4gt das darin umschriebene Verhalten auf einen Brettspielkontext. Konkret geht es um einen Mitspieler (f\u00fcr gew\u00f6hnlich sind es immer M\u00e4nner), der den aktuellen Spielzug bzw. die aktuelle Spielsituation bis ins letzte Detail erkl\u00e4rt. Das Besondere am <em>turnsplaining<\/em> ist, dass diese Erkl\u00e4rung nicht erbeten wird. <em>Turnsplaining<\/em> umschreibt nicht die Antwort auf die Frage \u201eWelche M\u00f6glichkeiten gibt es in dieser Situation und wie sch\u00e4tzt du sie ein?\u201c<\/p>\n<p><em>Turnsplaining<\/em> ist immer eine Erkl\u00e4rung aus Eigenmotivation. Vor allem ist es eine Erkl\u00e4rung, welche wie auch das \u201emansplaining\u201c, neben der reinen Information noch einen anderen Zweck erf\u00fcllt. Beim <em>turnsplaining<\/em> geht es zum einen darum den eigenen Intellekt, das analytische Geschick, die gro\u00dfe Spielerfahrung und generelle \u00dcberlegenheit zur Schau zu stellen. Gerade wenn man allein den eigenen Zug und die eigene Spielsituation \u201elaut denkend\u201c den anderen vortr\u00e4gt, ist es eine Performance, die eine konkrete Wirkung auf andere haben soll. Die Anwesenden sollen genau wissen, was man sich f\u00fcr Gedanken zum Spielgeschehen macht.<\/p>\n<p>Mit diesem Verhalten kann man aber versuchen sich einen spieltechnischen Vorteil zu erhaschen. Denn ein <em>Turnsplaining<\/em> im Zuge anderer kann dazu dienen, die Entscheidungen der Mitspieler*innen zu beeinflussen. Konkret kann man durch eine sorgf\u00e4ltige und umfassende Erkl\u00e4rung der aktuellen Spielsituation schnell die \u201eobjektiv beste\u201c Aktion f\u00fcr die Person identifizieren, welche gerade am Zug ist. An Hand der Informationen, welche vermeintlich allen Anwesenden zur Verf\u00fcgung stehen, wird eine \u201esachliche\u201c Analyse betrieben. Eine Analyse, die zur Folge hat, dass man genau benennen kann wie eine andere Person am Tisch daran gehindert werden kann das Spiel zu gewinnen. So kann man eine klare Handlungsanweisung \u00e4u\u00dfern, aber diese als Empfehlung formulieren.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens jetzt mag man einwerfen, dass <em>turnsplaining<\/em> ja nur ein anderes Wort f\u00fcr \u201eAlphaspieler\u201c oder \u201equarterbacking\u201c ist. Zugegeben, mit dieser Methode kann sich ein Spieler zum de facto Anf\u00fchrer die Spielrunde aufschwingen. Ist das jedoch geschehen, muss ein Alphaspieler nicht mehr jeden Zug im Detail erkl\u00e4ren, um alleine zu entscheiden was die Gruppe tut.<\/p>\n<p>Aber was ist mit Spielen, in denen dieses Vorgehen eine g\u00e4ngige, wenn nicht sogar notwendige Taktik ist? Wenn niemand am Tisch gewillt ist zu erkl\u00e4ren wie man das Ende des Spiels verhindern kann, dann hat man doch verloren!<\/p>\n<p>Gerade in semi-kooperativen Momenten in Spielen, wenn kurzfristige B\u00fcndnisse n\u00f6tig sind, um die f\u00fchrende Person aufzuhalten, scheint <em>turnsplaining<\/em> naheliegend. Die Versuchung ist gro\u00df, allen die Situation genau zu erkl\u00e4ren und sie so davon zu \u00fcberzeugen, die \u201eeinzig richtige\u201c Option zu w\u00e4hlen. Wie sonst soll man die Niederlage verhindern? Wie sonst soll man das Ende des Spiels verz\u00f6gern, um selbst den Sieg zu holen? Wenn so ein Verhalten nicht vom Design gewollt ist, warum gibt es solche Situationen dann \u00fcberhaupt im Spiel?<\/p>\n<p>Auf \u00e4hnliche Art wird auch oft \u201equarterbacking\u201c gerechtfertigt und als notwendiger Kompromiss im kooperativen Spiel erkl\u00e4rt. Es gilt als unvermeidliche Realit\u00e4t eines kooperativen Spielerlebnis. Wenn eine Person die Spielsituation genau analysieren kann, gibt es keinen Grund diese Analyse nicht allen Teilnehmer*innen mitzuteilen.<\/p>\n<p>Dabei ist es ohne Bedeutung, ob andere am Tisch das gleiche Spielziel verfolgen oder nicht. Der Fehler im Verhalten des &#8220;Turnsplainers&#8221; findet sich jenseits des Spiels. In diesen F\u00e4llen kommt <em>turnsplaining<\/em> einer Entm\u00fcndigung der Spieler*innen gleich. Man beschr\u00e4nkt sie in ihrer F\u00e4higkeit sich eigenst\u00e4ndig mit dem Spiel auseinanderzusetzen, eigene Entscheidungen zu f\u00e4llen und selbst auf das Spielgeschehen zu wirken. Mehr als das, Mitspieler*innen werden instrumentalisiert, um dem &#8220;Turnsplainer&#8221; selbst mehr Einfluss auf das Spiel zu geben.<\/p>\n<p>Die Beteuerung, dass man lediglich M\u00f6glichkeiten aufzeigt, aber die endg\u00fcltige Entscheidung weiterhin anderen \u00fcberl\u00e4sst, hat hier kein Gewicht. Die unaufgeforderte Spielanalyse und Erkl\u00e4rung des \u201eTurnsplainers\u201c ist immer ein Machtspiel. Es geht darum eine dominante Position innerhalb der Gruppe in Anspruch zu nehmen, in dem man das eigene spielerische K\u00f6nnen verbal zur Schau stellt.<\/p>\n<p>Es muss ein unumst\u00f6\u00dflicher Grundsatz des gemeinsamen Spiels sein, dass die Teilhabe der Mitspieler*innen nicht beeintr\u00e4chtigt werden darf. Auch und gerade wenn sie den vorteilhaftesten Spielzug nicht von alleine erkennen, muss man ihnen diese Entscheidung unkommentiert \u00fcberlassen. Alles andere ist unzul\u00e4ssig und respektlos. <em>Turnsplaining<\/em> anderer Mitspieler*innen ist Bevormundung. Damit ist es auch eine Herabsetzung der Menschen, denen wir am Tisch eigentlich auf Augenh\u00f6he begegnen wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Turnsplaining ist ein Kunstbegriff, der von Tiffany Leigh ins Leben gerufen wurde. Der Begriff lehnt sich an \u201emansplaining\u201c an, aber \u00fcbertr\u00e4gt das darin umschriebene Verhalten auf einen Brettspielkontext. 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