{"id":24029,"date":"2023-03-12T15:12:32","date_gmt":"2023-03-12T13:12:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=24029"},"modified":"2023-03-06T16:39:33","modified_gmt":"2023-03-06T14:39:33","slug":"wer-ist-das-und-wenn-ja-wie-viele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2023\/03\/12\/24029\/","title":{"rendered":"Wer ist das und wenn ja wie viele?"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber <em>Zielgruppen<\/em> habe ich schon oft gesprochen, aber noch nicht in diesem Jahrzehnt, also wird es mal wieder zeit. Hier soll es einmal weniger um die Zielgruppe aus Autorensicht gehen, sondern um den Begriff, wie er in Kritiken verwendet wird oder verwendet werden sollte. Und ist da \u00fcberhaupt ein Unterschied?<\/p>\n<p>Die mysteri\u00f6se &#8220;Zielgruppe&#8221;\u00a0 muss f\u00fcr vieles herhalten, sie wird im Diskurs f\u00fcr und gegen dieselben Argumente ins Feld gef\u00fchrt: &#8220;Ja, aber der Zielgruppe gef\u00e4llt das!&#8221; , &#8220;Du darfst die Zielgruppe nicht vergessen!&#8221; &#8220;Schon, aber das ist eine andere Zielgruppe&#8221; &#8220;Einer anderen Zielgruppe gef\u00e4llt das nicht!&#8221;. Im Zuge des Spiralcurrculums ist es daher ab und an einmal angeraten, was diese Zielgruppe zum Teufel eigentlich nun macht undwo sie sich immer versteckt\u00a0 h\u00e4lt, wenn sie <em>einmal<\/em> aufr\u00e4umen soll!<\/p>\n<p>Apropos &#8220;Teufel&#8221;: Ich m\u00f6chte damit anfangen, dass ich den Begriff Zielgruppe keineswegs verteufel. Es ist ein praktischer, wichtiger Begriff, sowohl f\u00fcr die Spieleschaffenden als auch f\u00fcr die Spieleberichterstattung. Allerdings ist der m.E. Begriff diffuser und weitl\u00e4ufiger als er oft verwendet wird. Die Zielgruppe eines Spieles ist dabei nicht &#8220;Leute, die das Spiel m\u00f6gen&#8221;, denn das ist eine Tautologie und nicht hilfreich &#8211; Das ist nicht so trivial, wie es klingt und ich werde gleich noch einmal darauf zur\u00fcckkommen. In einer Kritik (oder einem Diskurs \u00fcber ein Spiel) sollte die Zielgruppe dahingehend benannt werden, dass klar wird, welche Punkte \u00fcberhaupt Beachtung verdienen: So macht es wenig sinn ein <em>Order Overload Cafe<\/em> bez\u00fcglich seiner Strategie oder <em>Schach<\/em> bez\u00fcglich seiner Geschicklichkeitselemente zu bewerten. Um das klarzustellen wird &#8211; implizit oder explizit &#8211; ein Genre angegeben. Die Zielgruppe macht nun etwas \u00e4hnliches, aber in Bezug an die Erfahrung mit Spielen und Spielregeln, der Bereitschaft auch lange Spiele zu spielen, den Kenntnissen \u00fcber Spiele (was Begriffe und Alternativen betrifft) und\/oder dem Alter der Spieleenden. Mit der Zielgruppe wird ein grober Rahmen gesteckt, welche Aspekte \u00fcberhaupt beachtenswert sind: Genau wie es keinen Sinn macht <em>Schach<\/em> auf Partytauglichkeit hin zu untersuchen, macht es keinen Sinn die Kindertauglichkeit von <em>Advanced Squad Leader<\/em> zu bewerten oder <em>Tempo kleine Schnecke<\/em> vorzuwerfen, dass die strategischen Elemente f\u00fcr einen Erwachsenen zu wenig herausfordernd seien.<\/p>\n<p>Doch an dieser Stelle beginnt schnell oben erw\u00e4hnter Fehlschluss: Nur weil die Zielgruppe\u00a0 etwa &#8220;Experten&#8221; ist, hei\u00dft das nicht, dass bestimmte Eigenschaften, die diese Zielgruppe ausmachen &#8211; etwa eine Toleranz f\u00fcr lange Spielregeln &#8211; innerhalb dieser Gruppe als positiv gesehen werden oder nicht kritisiert werden sollten. Auch ein Spiel, dass sich an Expert:innen wendet, kann schlanke Regeln haben, denn die Einordnugn ist diffus und basiert auf mehreren Faktoren. Insbesondere basiert die Beschreibung der Zielgruppe auf deren Eigenschaften. Gerne wird aber von diesen <strong><em>Eigenschaften<\/em> <\/strong>auf die <strong><em>Vorlieben<\/em> <\/strong>zur\u00fcckgeschlossen und das ist nichts anderes als die erw\u00e4hnte &#8220;Leute, die das Spiel m\u00f6gen&#8221;-Tautologie in verkleideter Form: &#8220;Die Zielgruppe sind Leute, mit viel Spielerfahrung und weil die mehr Erfahrung mit komplexeren Regeln haben, m\u00f6gen sie diese Regeln auch und deswegen gehe ich davon aus, dass die Zielgruppe gerne Spiele mit komplexeren Regeln spielt, weil das ne Herausforderung ist oder so.&#8221; Eine solche Untersuchung (die ich hier nat\u00fcrlich etwas \u00fcberspitzt dargestellt habe) greift zu kurz und wirkt schablonenhaft.<\/p>\n<p>Weitergetragen wird der Trugschluss dann zu &#8220;X kann kein Kritikpunkt sein, denn die Zielgruppe mag das&#8221;. Hier wird die Zielgruppe dann endg\u00fcltig mit &#8220;Leuten, die das Spiel m\u00f6gen&#8221; vertauscht. Dass es Leute gibt, die <em>Fingerkloppel<\/em> oder den &#8220;Humor&#8221; von <em>Cards against Humanity<\/em> m\u00f6gen ist kein Argument f\u00fcr (oder gegen) irgendetwas. Nat\u00fcrlich gibt es die, das negiert aber die Kritikpunkte nicht. Es ist nicht Aufgabe der Zielgruppe zu definieren, was g\u00fcltige oder ung\u00fcltige Kritikpunkte sind, sondern lediglich, welche Aspekte man nicht n\u00e4her untersuchen m\u00f6chte. Und das fu\u00dft eben auf Eigenschaften der Zielgruppe, nicht Vorlieben. Das betone ich auch deswegen, weil es erkl\u00e4rt warum die Blabla-S\u00e4tze &#8220;Wer sowas mag, soll sich das Spiel mal ansehen&#8221; oder &#8220;Familienspieler k\u00f6nnten das m\u00f6gen, Wenigspielexperten aber eher nicht&#8221; so unn\u00fctz sind: Sie verlangen, dass sich die lesenden aufgrund ihrer Vorlieben in eine Zielgruppe einorden (Wenn ihr solche Spiele m\u00f6gt&#8230;), und die Rezension dann diese Einordnung zur\u00fcckspiegelt\u00a0 (&#8230;dann m\u00f6gt ihr dieses Spiel). Das ist tautologisch. Wenn die Rezension stattdessen die Eigenschaften definiert, die n\u00f6tig sind, um an diesem Spiel Spa\u00df zu haben, ist das deutlich hilfreicher (es ist leichter zu sagen, was man kann, als was man mag).<\/p>\n<p>Ganz oben habe ich nebenbei die Frage aufgeworfen, ob es eigentlich in der Zielgruppendefinition einen Unterschied gibt, wie Kritiken den Begriff verwenden (sollen) und wie Spieleschaffende das tun (sollen) und ich glaube eher nicht. Auch f\u00fcr Spieleschaffende ist es eine Falle zu sagen &#8220;Die Zielgruppe meines Spieles sind Leute, die Spiele m\u00f6gen, die so sind wie meines&#8221;, denn mit dieser Denke kann man alle problematische Stellen im Design wegreden &#8211; Its not a bug its a feature! Auch hier ist es viel hilfreicher festzustellen, welche Eigenschaften mitgebracht werden m\u00fcssen, um an einem Design Freude zu haben. Und es ist im Interesse der Spieelschaffenden, die H\u00fcrde, die hier durch ben\u00f6tigte Eigenschaften aufgestellt werden, ggf. kleiner zu halten. Das hei\u00dft nicht, dass es nicht auch Nischenprodukte geben kann (wie 18xx oder Splotter-Spiele), aber es sind eben Nischen, weil die H\u00fcrden, die das entsprechende Spielgef\u00fchl bedingen, hoch sind &#8211; nicht weil die H\u00fcrden selbst so attraktiv w\u00e4ren (<em>Anmerkung: Es gibt nat\u00fcrlich Leute, die sich damit br\u00fcsten, dass sie besonders schwer zug\u00e4ngliche Spiele spielen, genauso wie es auch Leute gibt, die sich damit br\u00fcsten, dass sie besonders &#8220;Indie&#8221; seien, weil sie besonders obskure Musik m\u00f6gen. Aber wie gesagt: Die Existenz dieser Leute \u00e4ndert am eigentlichen Kritikpunkt nichts<\/em>).<\/p>\n<p>Zu allerletzt: Die mMn falsche Verwendung des Begriffes hat auch dazu gef\u00fchrt, dass sich Spielende oft mit &#8220;ihrer&#8221; Zielgruppe identifizieren und dadurch Kritik an einem Spiel ihrer Zielgruppe als Kritik an ihrem Spielegeschmack verstehen. Richtig verwendet ist das aber ja gar nicht der Fall, denn um den Geschmack der Zielgruppe geht es ja nicht. Der Diskurs wird dann oft defensiv gef\u00fchrt. Das wieder richtig hinzubiegen, wird aber eine Weile dauern.<\/p>\n<p>ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Beitragsbild: Midjourney<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Zielgruppen habe ich schon oft gesprochen, aber noch nicht in diesem Jahrzehnt, also wird es mal wieder zeit. Hier soll es einmal weniger um die Zielgruppe aus Autorensicht gehen, sondern um den Begriff, wie er in Kritiken verwendet wird oder verwendet werden sollte. Und ist da \u00fcberhaupt ein Unterschied? 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