{"id":23900,"date":"2023-01-15T13:46:43","date_gmt":"2023-01-15T11:46:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=23900"},"modified":"2023-01-16T15:52:14","modified_gmt":"2023-01-16T13:52:14","slug":"jenseits-des-tellerrandes-traue-den-drakoniern-nicht-auch-wenn-sie-geschenke-bringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2023\/01\/15\/23900\/","title":{"rendered":"Jenseits des Tellerrandes: Traue den Drakoniern nicht, auch wenn sie Geschenke bringen"},"content":{"rendered":"<p><em>Dungeons &amp; Dragons<\/em>. Unendliche Weiten. Oder so.<\/p>\n<p>Wer in den letzten Wochen Kontakte im englischsprachigen Rollenspielbereich hatte, wird eine Menge Wut und Angst mitbekommen haben. Was war passiert?<\/p>\n<p><em>Dungeons &amp; Dragons<\/em> ist mit Sicherheit das bestverkaufteste Rollenspiel unserer Zeit. Das liegt an zwei Dingen: Zum einen war es das erste und zum anderen ist die Marktpr\u00e4senz einige Ligen oberhalb des Restes.<em> Wizards of the coast<\/em> hatte damals <em>TSR<\/em> mit dem Geld von <em>Magic- The Gathering<\/em> gekauft und konnte damals bereits f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Pr\u00e4senz sorgen &#8211; um so mehr nat\u00fcrlich nach dem Verkauf an Hasbro. Wie viel das ausmacht, konnte man in Deutschland sehen, wo <em>D&amp;D<\/em> urspr\u00fcnglich eher eine Nebenrolle hatte, weil <em>Das Schwarze Auge<\/em> immerhin durch <em>Schmidt Spiele<\/em> vertrieben wurden und so in fast allen Spielwarengesch\u00e4ften erh\u00e4ltlich war (Ich muss gestehen, dass ich zu lange raus bin, um absch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen wo <em>D&amp;D<\/em> in Deutschland zur Zeit steht. <em>DSA<\/em> hat mit Sicherheit nicht mehr den Status von damals).<\/p>\n<p>2000 \u00f6ffnete Wizards die T\u00fcr f\u00fcr inoffizielles D&amp;D &#8211; Material mit der Open Gaming License (OGL 1.0). Diese erlaubte die (lizenzfreie) Verwendung von D&amp;D- Regeln, schlo\u00df aber explizit die Verwendung des &#8220;Lores&#8221; aus, wie z.B. explizit Urheberrechtlich gesch\u00fctzte D&amp;D-Monster oder Klassen (z.B. <em>Mind Flayer<\/em>) . Da D&amp;D ein solch erfolgreiches System ist, erlaubte diese Lizenz die Existenz eines gro\u00dfen Sekund\u00e4rmarktes mit vielen inoffiziellen, aber kompatiblen Content, etwa neuen Weltenb\u00fcchern, Geschichten etc.<\/p>\n<p>Dank der Serie <em>Stranger Things<\/em> und einer \u00fcberarbeiteten 5. Edition erlebt <em>D&amp;D<\/em> einen neuen Boom. Dieser Boom m\u00fcndet in einigen filmischen Abenteuern: Sowohl eine <a href=\"https:\/\/deadline.com\/2023\/01\/dungeons-and-dragons-live-action-series-paramount-plus-rawson-marshall-thurber-eone-paramount-pictures-1235215486\/\">Serie<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.google.com\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwjlzPmRjMf8AhXPXvEDHQXJCHUQFnoECBoQAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.kino.de%2Ffilm%2Fdungeons-dragons-2023%2F&amp;usg=AOvVaw0gKDgHKVZviKCw367rZisg\">Film <\/a>sind angek\u00fcndigt. Und jetzt haben Wizards angek\u00fcndigt die Lizenz zu modifizieren, so dass ab eines gewissens Gewinn Lizenzgeb\u00fchren f\u00e4llig werden und zudem die Rechtslage bei Wizards sitzt. Man muss nicht besonders zynisch sein, um einen Zusammenhang zwischen dem Erfolg und der (potentiellen) Monetarisierung zu erkennen.<\/p>\n<p>Nach der extrem negativen Presse und vielen Leuten, die ihre D&amp;D-Beyond-Abos k\u00fcndigten (D&amp;D Beyond ist ein Online Tool f\u00fcr Kampagnen etc.) ist <a href=\"https:\/\/techcrunch.com\/2023\/01\/13\/dungeons-dragons-ogl-backlash-wotc\/?guccounter=1&amp;guce_referrer=aHR0cHM6Ly93d3cuZ29vZ2xlLmNvbS8&amp;guce_referrer_sig=AQAAAMou9tr2bd7B_BRSiPGA9kGKI27mmYlU_RU8NRQ0_BIwoRoXektMk_ON89sSEhCVa9-4aEcW_Oa4wnuIUssYEyd59gan8CQhkfceUPbx9bqBDRq_j99kQIQmYffeGhnBDdzKt2Hl5YdOaYunCRXD_4Ze-TFBNmLDoXKpsP0wZXk2\">Wizards jetzt zur\u00fcckgerudert und hat die neue Lizenz \u00fcberarbeitet<\/a> &#8211; dabei sind die beiden Passagen bez\u00fcglich Lizenzgeb\u00fchren und Urheberrechtslage entfernt wurden &#8211; vorerst (Dazu am Ende mehr).<\/p>\n<p>Trotz des latent positiven Endes hat die Geschichte viele User daran erinnert, dass Wizard of the Coast\/Hasbro gewinnorientierte Konzerne sind. So etwas geht an einer Fanszene nicht spurlos vorbei und ich bin gespannt, ob das noch l\u00e4ngere Wellen schlagen wird. Auf der anderen Seite ist eine echte Mainstream-Alternative aktuell nicht in Sicht. Dar\u00fcber hinaus finde ich einige Teilaspekte spannend:<\/p>\n<p>Lizenzgeb\u00fchren sollten erst ab eines Verkausfgewinnes von 75.000$ anfallen. Das klingt erst einmal eine sehr hohe Grenze. Allerdings ist die Gewinnmarge gerade bei Rollenspielb\u00fcchern sehr gering: Sie machen viel Arbeit, sie kosten viel (Graphiken, Druck, etc.) und werfen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig wenig Geld ab, da die &#8220;Schmerzensgrenze&#8221; was ein user bereit ist zu bezahlen, niedriger liegt, als bei einem Brettspiel und nicht ohne weiteres gesteigert werden kann, da ein Buch, nunmal Materialm\u00e4\u00dfig begrenzt ist. Zudem wird gerade in dem Bereich der Zweitquellen, also der &#8220;kompatibel aber nicht offiziellen&#8221; B\u00fccher auf Kickstarter produziert. Das hei\u00dft die St\u00fcckzahlen und der Umsatz m\u00f6gen hoch sein, aber der Gewinn ist eher niedrig. Eine 25% Lizenzgeb\u00fchr w\u00e4re daher f\u00fcr viele Klein- und Eigenverlage schlicht nicht finanzierbar. F\u00fcr diese Verlage steht damit praktisch die Lizenz auf dem Spiel. Da aber gerade dieses Zusatzmaterial auch viel mit dem Erfolg D&amp;Ds zu tun haben d\u00fcrften, f\u00fchlen sie sich daher verraten.<\/p>\n<p>Interessant ist aus meiner Sicht auch der Urheberrechtliche Bereich. Das f\u00e4ngt mit dem &#8220;Lore&#8221; an, denn was jetzt tats\u00e4chlich eine urheberrechtlich relevante Neusch\u00f6pfung von <em>D&amp;D<\/em> ist und was nicht, ist nicht immer ganz klar; Klar sind die Texte urheberrechtlich gesch\u00fctzt, aber was ist mit den Monstern an sich? Nat\u00fcrlich sind &#8220;Drachen&#8221; oder &#8220;Zwerge&#8221; Gemeingut. Aber was ist mit &#8220;Oliver Schleim&#8221; (<em>Gelantinous Cube<\/em>) oder dem Rostmonster? Das sind typische D&amp;D &#8211; Monster, aber sind das tats\u00e4chlich &#8220;Werke&#8221; im Sinne des Urheberrechts oder quasi &#8220;kleine M\u00fcnzen&#8221;, also Sch\u00f6pfungen mit sehr geringer Sch\u00f6pfungsh\u00f6he?<\/p>\n<p>Auch ist die Frage, was \u00fcbrig bleibt, wenn man das &#8220;Lore&#8221; entfernt &#8211; das reine W\u00fcrfeln auf Eigenschaften ist nicht gesch\u00fctzt. Das Grundprinzip eines Rollenspiel (Spielleiter:in &#8211; Spieler:in &#8211; Dynamik etc) ebenfalls nicht. Ich finde die Frage ab wann einzelne Mechanismen ein Werk ausmachen bei Rollenspielen noch schwieriger zu beantworten, als bei einem Brettspiel. Hinzu kommt noch das &#8220;Internationale Karate&#8221;-Urteil aus den USA: Dort hatte ein Computerspielverlag geklagt, weil das Karatespiel des Konkurrenten sehr \u00e4hnlich funktionierte wie das eigene. Das Urteil des Gerichts: Das Thema ist nicht sch\u00fctzbar. Aus dem Thema folgen aber bereits viele Dinge: Das man nach oben springt und nach unten duckt z.B. ist einfach intuitiv und kein urheberrechtlich sch\u00fctzenswerter Mechanismus. Auch das man schl\u00e4gt und tritt und den Gegner auf die Bretter schickt, folgt so direkt aus dem Thema, dass die Sch\u00f6pfungsh\u00f6he nicht genug f\u00fcr einen hohen Schutz w\u00e4re. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr Fantasy-Rollenspiele: Wer ein Rollenspiel mit &#8220;k\u00f6rperlichenAttributen&#8221; erschafft, muss Eigenschaften wie &#8220;St\u00e4rke&#8221; oder &#8220;Geschicklichkeit&#8221; schon bewusst umgehen, so logisch sind sie. Und dass ein &#8220;Unsichtbarkeitszauber&#8221; unsichtbar macht, ist ebenso wenig eine hohe Sch\u00f6pfungsh\u00f6he wie die pure Existenz eines solchen Zaubers.<\/p>\n<p>Wenn man das Mikroskop etwas grober einstellt, stellt man fest, dass der Kern eines Rollenspieles in subtileren Dingen liegen: In der Tonalit\u00e4t der Texte (die sind Urheberrechtlich gesch\u00fctzt), in der Art wie die Spielenden angesprochen werden, welche Schwerpunkte das Kampfsystem setzt und welche die Skills. Usw. Diese Dinge ergeben ein Werk, dieses Zusammenwirken ist aber nicht so greifbar. Insofern gibt es durchaus auch Stimmen, dass die Open License eher ein Scam ist, da sie die Dinge erlaubt, die eh erlaubt sind, eher sogar weniger. Doch ein bisschen geht diese Sichtweise am eigentlichen Grund f\u00fcr die Open License vorbei: Dieser Vertrag erlaubt einem Medien-Schaffenden (und das schlie\u00dft alle Autor:innen etc. mit\u00a0 ein) etwas f\u00fcr D&amp;D zu produzieren und von dessen Fangemeinsschaft zu profitieren. Viele B\u00fccher, Software und andere Dinge w\u00e4ren ohne die Lizenz nur mit Risiko produzierbar. Und damit auf die zweite Seite des Vertrages: Wizards verspricht im Gegenzug nicht zu klagen. Gerade weil die Rechtslage nicht so durchschaubar ist (in den USA schon gar nicht), gibt dies den Schaffenden eine gewisse Sicherheit. Vielleicht w\u00fcrden sie zwar Recht haben, doch einen langen Rechtsprozess in den USA f\u00fchren zu m\u00fcssen ist definitiv teurer als die Einschr\u00e4nkungen in Kauf nehmen zu m\u00fcssen. Das ist positiv f\u00fcr die Medienschaffenden, positiver zumindest als andere Verlage (oder Konzerne) mit ihren Produkten umgehen. Eine echte Partnerschaft ist das nat\u00fcrlich aber auch nicht, denn die Rollen sind nicht gleich verteilt: Die eine Seite kann Dinge verkaufen, die sie selbst erschaffen hat. Die andere Seite profitiert potentiell von den zus\u00e4tzlichen Produkten und verzichtet daf\u00fcr auf (ebenfalls kostspieliges) Klagen. Die neue Lizenz h\u00e4tte dieses Ungleichgewicht noch weiter in Richtung des gewichtigeren Partners verschoben. Kein Wunder, dass die Reaktionen ausnahmslos negativ waren.<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt sollte nicht unerw\u00e4hnt bleiben: Auch wenn es so aussieht, als h\u00e4tte Wizards sich dem Willen der Fans gebeugt &#8211; und das ist auch das Bild, dass Wizards vermitteln m\u00f6chte &#8211; es sollte nicht unerw\u00e4hnt bleiben, dass es genauso m\u00f6glich ist, dass Wizard einfach genauso unsicher bez\u00fcglich der Urheberrechtsgeschichte ist, wie die andere Seite. Viele Medienschaffende haben bereits damit gedroht, es drauf ankommen zu lassen- und Wizards k\u00f6nnte potentiell mehr verlieren, als gewinnen, wenn ein Gericht tats\u00e4chlich feststellen sollte, dass lediglich konkrete Textpassagen Urheberrechtlich gesch\u00fctzt w\u00e4ren und nicht das ganze Rollenspielsystem. Auch war die urspr\u00fcngliche Idee, die OGL zu ver\u00e4ndern &#8211; das h\u00e4tte aber nur Einfluss auf Neulinge, nicht, wie zuerst behauptet &#8211; auf bereits bestehende Lizenznehmer, denn ein Vertrag kann nicht so ohne weiteres einseitig ver\u00e4ndert werden. Insbesondere dann nicht, wenn sein Inhalt juristisch unsauber ist.<\/p>\n<p>ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Das Beitragsbild stammt von Eize Basa, mit freundlicher Genehmigung<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dungeons &amp; Dragons. Unendliche Weiten. Oder so. 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