{"id":23888,"date":"2023-01-09T14:55:36","date_gmt":"2023-01-09T12:55:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=23888"},"modified":"2023-01-09T14:55:36","modified_gmt":"2023-01-09T12:55:36","slug":"ein-hoch-auf-das-falsch-spielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2023\/01\/09\/23888\/","title":{"rendered":"Ein Hoch auf das falsch spielen"},"content":{"rendered":"<p>Es ist kein gro\u00dfes Geheimnis, dass die meisten Brettspieler*innen einen Hang zur \u00dcberkorrektheit haben. Zumindest habe ich den Eindruck, dass es ihnen leicht \u00fcber die Lippen kommt, andere Leute ungefragt zu korrigieren und Ungenauigkeiten, m\u00f6gen sie auch noch so trivial sein, zu verbessern. F\u00fcr manche mag das reflexhafte Besserwisserei sein, aber ich ziehe es vor es als Detailverliebtheit zu bezeichnen. <\/p>\n<p>Viele sehen darin eine St\u00e4rke, die ihnen hilft, das richtige und damit hoffentlich auch beste Spielerlebnis aus einem Spiel zu holen. Dieser Hang zur Genauigkeit im Regelspiel ist gerade bei Kritikern beliebt, weil sie an eine saubere, nicht-kontaminierte Testumgebung erinnert, wie man es etwa in einer wissenschaftlichen Untersuchung voraussetzen w\u00fcrde. Wir reduzieren m\u00f6gliche Faktoren, die zu einer falschen Messung f\u00fchren, weil wir das Objekt exakt so nutzen, wie es die Anleitung vorgibt. Es ist eine Ann\u00e4herung an eine neutrale, wenn nicht sogar objektive Ausgangslage, um ein Spiel zu beurteilen. Folgt man den Regeln aufs Haar genau, ist man in seiner Bewertung nicht angreifbar. (Anmerkung: LOL!)<\/p>\n<p>Dadurch wird die Anleitung nat\u00fcrlich zu einem absolut zentralen Bestandteil des Spielerlebnis. Die Unfehlbarkeit der darin enthaltenen Worte wird mit diesem Ansatz vorausgesetzt. Im gleichen Zug ist die Verbindlichkeit an diesen Text bedingungslos und ausnahmslos. Es steht die Angst und auch die \u00dcberzeugung im Raum, dass wenn wir von den Inhalten des Regeltextes abweichen, das Spielerlebnis in sich zusammenbricht. Schlimmer noch, dass wir dann gar nicht das Spiel spielen, das wir gekauft haben, sondern irgendeine nicht-authorisierte Variante. Wir spielen das Spiel dann nicht mehr korrekt, richtig und wie von den Macher*innen gewollt, sondern nahezu widernat\u00fcrlich! <\/p>\n<p>Wir spielen falsch!<\/p>\n<p>Das ist selbstverst\u00e4ndlich \u00fcberhaupt nicht tragbar. Wie jeder wei\u00df, werden Leute, die etwas falsches tun, bestraft. Die Spielpolizei k\u00f6nnte jeden Moment an unsere T\u00fcr klopfen. Wenn schon nicht pers\u00f6nlich, dann zumindest als unser schlechtes Gewissen, dass wir unseren Anspr\u00fcchen, dem Spiel oder den Autor*innen nicht gerecht geworden sind.<\/p>\n<p>Nun w\u00fcrde ich behaupten, dass es mindestens zwei dieser drei Gruppen vollkommen egal ist, ob wir die Regeln des Spiels richtig anwenden oder nicht. Selbst unter Kritikern ist eine falsche Regelanwendung erst dann ein Problem, wenn sie als Grundlage f\u00fcr die Beurteilung des Designs dient. Bis dahin ist es eine kleine Schludrigkeit, wie ein Fleck auf dem Smoking. Die meisten Menschen werden einen nicht allein danach beurteilen und die, die es tun, sollte man eh nicht ernst nehmen.<\/p>\n<p>Erfahrungen mit falsch gespielten Spielen habe ich nat\u00fcrlich auch selbst gesammelt. Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich ein Spiel auf den Tisch gebracht, welches wir \u2013 wie sich nach der Partie herausstellte \u2013 nicht richtig gespielt haben. Seitdem werde ich, wenn der Name des Spiels oder Regelfehler generell erw\u00e4hnt werden, daran erinnert, dass wir die Partie des Spiels mal nachholen sollten. Ich bin von dieser Notwendigkeit weniger \u00fcberzeugt. Der Regelfehler war sicherlich nicht vollkommen trivial, wie etwa Monopoly mit $50 mehr zu beginnen. Aber er war auch nicht so fundamental, dass das Spielerlebnis auf den Kopf gestellt wird. So als w\u00fcrde man bei Monopoly jedes Mal selbst entscheiden sich zwischen 2 und 12 Felder zu bewegen.<\/p>\n<p>Der Regelfehler in unserem Spiel befand sich in seiner Schwere irgendwo dazwischen. Er hatte zur Folge, dass das Spiel l\u00e4nger dauerte. Das nahm einigen taktischen Entscheidungen den Zeitdruck. Statt sich fr\u00fchzeitig auf ein bestimmtes Ziel festzulegen, konnte man ein paar Runden warten. Zugegeben, die taktische und strategische Dimension des Spiels hatte damit eine andere Gewichtung. Wenn wir das Spiel erneut und mit den \u201erichtigen\u201c Regeln spielen w\u00fcrden, dann w\u00fcrden wir die Herausforderungen und Aufgaben des Spiels anders angehen. Die Spielstruktur hingegen, also der Rundenablauf, die Handlungsoptionen und auch ihre Verkettungen, blieb davon unber\u00fchrt. Mit anderen Worten: das Spielerlebnis war, wenn auch nicht exakt so wie vom Design angelegt, zumindest deutlich erkennbar. <\/p>\n<p>Die Erkenntnis, welche sich seit dieser Partie immer weiter in meinem Kopf festgesetzt hat, ist recht einfach: Regelfehler sind kein Drama. Es \u201eentwertet\u201c mein Spielerlebnis nicht, wenn Regeln falsch verstanden und angewandt wurden. Auch die Qualit\u00e4t des Spielerlebnis wird nicht zwingend ver\u00e4ndert, weil wir die Regeln h\u00f6chst penibel eingehalten haben. <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es albern ein Spiel vors\u00e4tzlich mit falschen Regeln zu spielen. Das sollte klar sein. Aber ich halte es f\u00fcr \u00e4hnlich verfehlt, die exakte Regelanwendung zur h\u00f6chsten Tugend am Spieltisch zu erheben. Zu oft lenkt dieser Anspruch unsere Aufmerksamkeit auf das Ger\u00fcst des Spielerlebnis, statt auf das Erlebnis selbst. Zu oft verbringen wir mehr Zeit damit unsere Regelanwendung zu hinterfragen und zu pr\u00fcfen, statt uns darum zu k\u00fcmmern, dass wir alle am Spiel teilhaben k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Erst wenn wir alle keinen Spa\u00df haben und unzufrieden sind, macht es Sinn sich die eigene Regelanwendung mit scharfem Blick anzuschauen. Vielleicht ist der Grund f\u00fcr den Unmut ja ein eben solcher, gro\u00dfer Regelfehler. Aber bis es dazu kommt, kann man sich durchaus die Erlaubnis geben ein Spiel auch mal falsch zu Ende zu spielen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist kein gro\u00dfes Geheimnis, dass die meisten Brettspieler*innen einen Hang zur \u00dcberkorrektheit haben. 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