{"id":23778,"date":"2022-12-11T12:34:40","date_gmt":"2022-12-11T10:34:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=23778"},"modified":"2022-12-11T12:37:05","modified_gmt":"2022-12-11T10:37:05","slug":"brettspiele-politik-und-thailand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2022\/12\/11\/23778\/","title":{"rendered":"\u00dcber den Tellerrand: Brettspiele, Politik und Thailand"},"content":{"rendered":"<p>Als ich 2004 in Thailand lebte, fand ich dort keinerlei lokalen Brettspiele (au\u00dfer dem TCG <em>Ragnarok<\/em>, dass nach einem Onlinespiel entwickelt wurde und vor allem in Computerl\u00e4den verkauft wurde). Einige Jahre sp\u00e4ter er\u00f6ffnete der erste Brettspielladen sowie das eine doer andere Brettspielcaf\u00e9. Als ich mit dem Gr\u00fcnder des Ladens kommunizierte meinte er &#8220;Dein Spiel [<em>K\u00f6nig von Siam<\/em>] haben wir allerdings nicht &#8211; das ist uns zu riskant.&#8221; Ja, das war mir schon irgendwie klar.<\/p>\n<p>In Thailand ist Majest\u00e4tsbeleidigung immer noch ein angewandtes Gesetz dessen Bedeutung durch die Milit\u00e4rjunta, die 2014 die Macht \u00fcbernahm und prinzipiell auch immer noch regiert, eher gest\u00e4rkt wurde. Immer wieder werden auch Ausl\u00e4nder nach diesem Gesetz verurteilt &#8211; Internationale Schlagzeilen machte z.B. ein Australischer Autor, der in seinem Roman es nach Ansicht des Gerichts am n\u00f6tigen Respekt hat mangeln lassen und den Australier zu drei Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilte. K\u00f6nig Bhumibol, der Vater des amtierenden K\u00f6nigs, begnadigte den Autoren. <em>K\u00f6nig von Siam<\/em> &#8211; der Vorg\u00e4nger von <em>Der K\u00f6nig ist tot<\/em> &#8211; deutet mit seiner Spielhandlung an, der damalige K\u00f6nig h\u00e4tte in Siam (wie Thailand fr\u00fcher hie\u00df) nicht alles unter Kontrolle gehabt, dass es andere Gruppen gegeben h\u00e4tte, die gegen ihn intrigieren, ja gewinnen k\u00f6nnen. Das k\u00f6nnte bereits als Majest\u00e4tsbeleidigung ausgelegt werden und daher wollte der Spieleladen damals, das Spiel nicht f\u00fchren.<\/p>\n<p>Eine der Fraktionen in K\u00f6nig von Siam waren die Malay, wobei in meinem urspr\u00fcnglichen Prototypen es sogar die Patani waren, ein Volk im S\u00fcden Thailands. Patani war einst ein eigenst\u00e4ndiges K\u00f6nigreich und wurde von Siam geschluckt. Die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung dort ist Muslim (im Gegensatz zu den Buddhisten, die im restlichen Thailand die gr\u00f6\u00dfte Glaubensgemeinschaft stellen), sie verstehen sich den Malay zugeh\u00f6rig und sowohl die Geschichte als auch die Religion sorgen bis in die Gegenwart f\u00fcr wiederkehrende Unruhen in den s\u00fcdlichen Provinzen. Eine Gruppierung, die sich f\u00fcr Autonomie der Patani-Region einsetzt, &#8220;Die Patani&#8221; planten nun die Ver\u00f6ffentlichung eines Kartenspieles, bei dem es um die Geschichte dieser Region und insbesondere des Verh\u00e4ltnisses zwischen Patani und Siam, geht: <a href=\"https:\/\/urbancreature-co.translate.goog\/patani-colonial-territory\/?_x_tr_sl=la&amp;_x_tr_tl=en&amp;_x_tr_hl=de&amp;_x_tr_pto=wapp\">Patani Colonial Territory<\/a>. Exemplare des Kartenspieles wurden jetzt konfisziert, weil die Autori\u00e4ren bef\u00fcrchten, es &#8220;k\u00f6nne den Frieden st\u00f6ren&#8221;.<\/p>\n<p>Mir ist es leider nicht gelungen etwas \u00fcber das Spielprinzip zu erfahren (au\u00dfer: Es ist ein Kartenspiel mf\u00fcr 3-5 Spielende mit einer Speildauer von etwa 15 Minuten was auf eher leichte Kost hindeutet) , insofern kann ich nicht beurteilen, ob die Spielhandlungen irgendwie subversiv sind. Inhaltlich wird der Sachverhalt aus Sicht der Patani erz\u00e4hlt. Dabei sind allerdings einige historische Fakten wohl gro\u00dfz\u00fcgig ausgelegt und das Spiel enth\u00e4lt das Ereignis &#8220;Malay werden an den Archillessehnen zusammengebunden und m\u00fcssen in Bankok Zwangsarbeit verrichten&#8221;. Dieses &#8220;Ereignis&#8221; hat aber wohl niemals stattgefunden. Die momentane geschichtliche Auffassung ist es wohl, dass es sich um Propaganda handelte, die sich gegen den Staat Siam richtete. Die Vorw\u00fcrfe gegen die Macher lautet nun, dass auch das Kartenspiel das Ziel hat, Misinformationen gegen\u00fcber den Staat Thailand zu sch\u00fcren. Die Patani bestreiten dies, sie wollen lediglich Geschichte vermitteln und spielrisch f\u00fcr ihre Sache werben (Auch wenn die Spieleszene in Thailand w\u00e4chst, haben viele einheimische Spiele noch einen Lernanspruch, zumindest nach au\u00dfen hin).<\/p>\n<p>Das ganze ist nat\u00fcrlich erst einmal sehr Thai-spezifisch, aber es wird auch die Frage ber\u00fchrt, wie gerade Spiele mit historischen Anspruch auch als Propagandamittel eingesetzt werden k\u00f6nnen &#8211; unabh\u00e4ngig davon, ob dies hier der Fall ist. Gerade wenn ein Spiel seine Historizit\u00e4t in den Vordergrund stellt, ist es leicht, alles was das Spiel vermittelt f\u00fcr bare M\u00fcnze zu nehmen. Wir sind es gewohnt, bei Texten die Quellen zu hinterfragen &#8211; aber bei Brettspielen? Gerade weil der &#8220;Text&#8221; wenig explizit ist, kann es schwerfallen, beabsichtigte oder unbeabsichtigte Annahmen \u00fcberhaupt wahrzunehmen (man denke an die fehlenden Eingeborenen eines <em>Mombasas<\/em> oder der grunds\u00e4tzlich hyperkapitalistische Ansatz eines <em><a href=\"https:\/\/boardgamegeek.com\/boardgame\/321608\/hegemony-lead-your-class-victory\">Hegemony<\/a>). <\/em>Es sind gerade die kleinen Dinge die h\u00e4ngen bleiben &#8211; und eine Karte mit einem Fake-Ereignis ist eben eine solche Kleinigkeit &#8220;Das haben die wirklich gemacht?!!?&#8221;. Doch ob ein Spiel \u00fcber dieses Erlebnis hinaus noch aufregen kann, h\u00e4ngt sehr vom restlichen Framing ab. Doch unabh\u00e4ngig davon besteht nat\u00fcrlich gar keine Frage, dass die Thail\u00e4ndische Polizei mit dem Konfiszieren der Karten drastisch \u00fcberreagiert haben.<\/p>\n<p>An dieser Stelle k\u00f6nnte der Blogeintrag auch enden. Doch wer meint: Thailand ist weit weg: In Frankreich wurde das Spiel <em>Antifa: Le Jeu<\/em> <a href=\"https:\/\/www.watson.ch\/international\/frankreich\/960651340-werde-ein-antifa-aktivist-kartenspiel-sorgt-fuer-kontroverse\">wurde von Fnac aus dem Verkauf<\/a> genommen, nachdem rechte Politiker und die Gewerkschaft der Polizei Druck ausge\u00fcbt hatten: In einer Reihe von Statements wurde gesagt, dass das Spiel &#8220;Unruhe erzeuge k\u00f6nne&#8221;. Ausgangspunkt war wohl ein Politker der Front National, der behauptete, in dem Spiel w\u00fcrde man Molotows auf Polizisten werfen, Rechte verpr\u00fcgeln oder Versammlungen von rechten Parteien physisch angreifen. Diese Behauptungen sind falsch, diese Aktionen kommen in dem Spiel nicht vor (Wie \u00fcberall haben auch die Rechte in Frankreich keine Vorstellungen davon, wie eine linke Organisation eigentlich arbeitet).Der entsprechende Politiker zog sich nach einer entsprechenden Klarstellung auf die &#8220;Mein Tweet war Satire&#8221;-Verteidigung zur\u00fcck. Nach weiterer Gegen-Kritik von seitens der Macher, ist das Spiel mittlerweile wieder in die <a href=\"https:\/\/lahorde.samizdat.net\/Flics-fafs-Fnac-contre-Antifa-le-jeu\">Regale von Fnac<\/a> zur\u00fcckgekehrt. Genauso wie die Patani bislang nicht gestoppt wurden, ihr Spiel zumindest einer \u00d6ffentlichkeit vorzustellen. Bislang.<\/p>\n<p>ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich 2004 in Thailand lebte, fand ich dort keinerlei lokalen Brettspiele (au\u00dfer dem TCG Ragnarok, dass nach einem Onlinespiel entwickelt wurde und vor allem in Computerl\u00e4den verkauft wurde). Einige Jahre sp\u00e4ter er\u00f6ffnete der erste Brettspielladen sowie das eine doer andere Brettspielcaf\u00e9. 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