{"id":23600,"date":"2022-10-23T13:01:27","date_gmt":"2022-10-23T11:01:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=23600"},"modified":"2022-10-24T23:28:39","modified_gmt":"2022-10-24T21:28:39","slug":"spiele-entschluesseln-aber-wie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2022\/10\/23\/23600\/","title":{"rendered":"Darf die Kritik Spiele entschl\u00fcsseln?"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt da das Jahresende sich langsam am Horizont abzeichnet, kann man ja mal anfangen einen Blick in die Kristallkugel zu werfen. Zur Zeit frage ich mich, welche Form die Brettspielkritik in Zukunft annehmen k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Dabei geht es mir gar nicht so sehr um die historische Altlast, dass Kritik immer noch prim\u00e4r als Kaufberatung verstanden wird. Ihre Urspr\u00fcnge finden sich zweifelsfrei in der Frage, ob sich ein bestimmtes Spiel \u201elohnt\u201c oder nicht. Die zentrale Aussage, ob ein Spiel Spa\u00df macht wird in den meisten F\u00e4llen unter der Annahme getroffen, dass ein positives Urteil zum Kauf anregen wird. Mit anderen Worten, die Brettspielkritik sieht sich immer noch daf\u00fcr verantwortlich, ob ihr Publikum mit einem potentiellen Spielkauf zufrieden sein wird. <\/p>\n<p>Dass das Resultat oft einer umfassenden Spielevorstellung mit eingstreuter Beurteilung gleichkommt, mag auch nicht zwingend der Idealfall sein. Aber in dieser Form ist die Kritik vielen Spieler*innen verst\u00e4ndlich und damit auch verwertbar.<\/p>\n<p>Schwierigkeiten sehe ich vielmehr darin, dass sich ein Format anbahnt, welches auf eine andere Art kundenorientierter ist und auf den ersten Blick wie eine wertvollere und anspruchsvollere Form der Kritik wirkt. Ein Format, welches tiefer in das Thema eines Spiels eintaucht und sowohl die Verbindungen zwischen Regeln und Thema ausformuliert, als auch das Thema mit zus\u00e4tzlichen Inhalten erweitert. <\/p>\n<p>Dabei geht es nicht darum aus dem Spiel einen Lehranspruch oder ein Lehrangebot abzuleiten. Diese Eigenschaft wird zwar vielen Spielen, gerade solchen mit historischen Hintergr\u00fcnden, zugesprochen; aber mein Eindruck ist, dass das tats\u00e4chliche Potential eher gering ist. Ein Spiel kann als Veranschaulichung dienen \u2013 wenn es bestimmte Zusammenh\u00e4nge mechanisch zu umrei\u00dfen versucht. Daf\u00fcr ben\u00f6tigt man jedoch ausreichend Hintergrundwissen, um eben diese Zusammenh\u00e4nge zu erkennen und sie richtig einzuordnen.<\/p>\n<p>Traditionell wurde ein solches Wissen bei Spieler*innen schlicht vorausgesetzt. Erst wenn man dieses Hintergrundwissen an den Tisch brachte, konnte man sich eine umfassendere und differenziertere Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr das Spiel erschlie\u00dfen. <\/p>\n<p>Gerade bei Spielen, mit ausreichend dokumentierten Themen (sei es durch Sachb\u00fccher oder Romane) wird einem die eigenen Wissensl\u00fccke am Spieltisch beinahe schmerzhaft bewusst. Man bemerkt, dass Feinheiten, Anspielungen und auch gr\u00f6\u00dfere Zusammenh\u00e4nge einem verwehrt bleiben, weil man zu wenig \u00fcber die Hintergr\u00fcnde versteht auf die sich das Spiel bezieht.<\/p>\n<p>Die derart geweckte \u201eNeugier\u201c auf das Thema hat meiner Meinung nach ihren Ursprung oft in dem Gef\u00fchl, dass man das Spiel nicht wirklich begreifen kann bis man sich in das Thema eingelesen hat. Oder anders formuliert, das Spiel zeigt eine M\u00f6glichkeit auf in der spezielles Wissen Anwendung findet und das Spielerlebnis vertiefen und bereichern kann. Der Reflex sich dieses Wissen anzueignen ist so naheliegend wie nat\u00fcrlich. <\/p>\n<p>Die thematische Tiefe eines Spielerlebnis speist sich zu einem gro\u00dfen Teil aus der Vorstellungskraft und damit auch dem Vorwissen der Spieler*innen. Je umfangreicher das Vorwissen ist, umso mehr kann unsere Vorstellungskraft beim Spielen arbeiten und umso thematischer empfinden wir das gemeinsame Spiel.<\/p>\n<p>In klassischen, d.h. nicht-interaktiven, Medien diente die Kritik hier als Wegbegleiter f\u00fcr die Auseinandersetzung mit einem Werk. Interpretationen konnten aufgezeigt werden. Alternative Lesarten pr\u00e4sentiert oder das Werk (in Schrift, Bild und\/oder Ton) einem kulturellen Kontext zugewiesen, welcher die eine oder andere Aussage des Werks nach vorne stellte.<br \/>\nNun ist das Spiel aber kein Medium wie alle anderen. Es ist kein Medium, das Inhalte tr\u00e4gt oder vermittelt; sondern eines welches Spielenden lediglich Angebote macht, welche diese wiederum konfigurieren, deuten und mit Aussagekraft f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Die Spielkritik kann nun versuchen weiterhin der inhaltliche Wegbegleiter zu sein. Sie kann sich als content verstehen, der die Themen eines Spiels f\u00fcr ihr Publikum erweitert und vergr\u00f6\u00dfert. Sie k\u00f6nnte die historischen Verweise und Vorg\u00e4nge offenlegen. Sie k\u00f6nnte die Eigenheiten der Kultur (real oder fiktiv) erl\u00e4utern, auf die sich das Spiel beruft. Sie k\u00f6nnte sich als Hilfstext verstehen, der die Vorstellungskraft der Spieler*innen bereichert und so f\u00fcr ein facettenreiches und immersives Spielerlebnis sorgt.<\/p>\n<p>Manche Kritiker*innen arbeiten bereits mit \u00e4hnlichen Ideen unter dem Deckmantel der \u201eSpielkritik\u201c in dem sie das eigene Wissen oder Recherche zum Thema darlegen. Kan\u00e4le wie Space-Biff oder No Pun Included f\u00fcllen zum Teil (manchmal unabsichtlich) die Leerstellen in der thematischen Auskleidung der Spiele auf, damit Spieler*innen das nicht mehr selbst tun m\u00fcssen. So als w\u00fcrde man anderer Leute LEGO-Sets zusammenbauen, damit sie es nicht selbst tun m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Denkt man diesen Ansatz konsequent weiter, landet man bei der Kritik als eine Spielerkl\u00e4rung f\u00fcr die Aspekte des Spiels, welche keine Regeln sind. Das Spiel wird aber damit inhaltlich erweitert und die thematische Wirkung auf die Spielenden so gelenkt.<\/p>\n<p>In meinen Augen schm\u00e4lert man damit die besondere Eigenschaft von Spielen. Denn es ist gerade die individuelle Auseinandersetzung mit dem Spiel, die es als interaktives Medium ausmacht. (NACHTRAG: Hier geht es nicht um Spielspa\u00df, sondern darum was wir im Rahmen des Spielakts tun. Oder in einem solchen Fall, nicht mehr tun.) Mehr noch als eine Interpretation, legen wir am Tisch einen eigenen Bedeutungsrahmen auf das Spiel an. Von \u201edas ist alles nur ein Spiel und was wir sagen und tun ist belanglos\u201c bis hin zu \u201ewir nehmen Teil an einem kulturellen Akt in dem wir Fiktion schaffen und als real behandeln\u201c. Oder unz\u00e4hlige andere Arten und Weisen wir wir am Tisch auf ein Spiel schauen und mit seinen Inhalten umgehen. <\/p>\n<p>Dieser Bedeutungsrahmen speist sich, wie bereits erw\u00e4hnt, aus dem Wissen, das wir als Spielende an den Tisch bringen. Dieses Wissen kann auch Kritiken beinhalten, welche thematische Verweise und Zusammenh\u00e4nge ziehen oder eigene Bedeutungsrahmen anlegen. Gef\u00fchlt geht die Kritik damit zu weit. So als w\u00fcrde man einem Roman ein eigenes Kapitel oder einem Film weitere Szenen hinzuf\u00fcgen, damit eine bestimmte Aussage klar hervortritt.<\/p>\n<p>Aber vielleicht ist genau das, was ein bestimmtes Spielklientel sucht. Spiele, zu denen Content-Macher erkl\u00e4rende Texte und Videos liefern, die einen an die Hand nehmen. Denn sich mit Kulturg\u00fctern oder sogar Kunst selbst auseinanderzusetzen, l\u00e4uft immer Gefahr sich zu verzetteln. Oder schlimmer noch: sich l\u00e4cherlich zu machen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt da das Jahresende sich langsam am Horizont abzeichnet, kann man ja mal anfangen einen Blick in die Kristallkugel zu werfen. Zur Zeit frage ich mich, welche Form die Brettspielkritik in Zukunft annehmen k\u00f6nnte. Dabei geht es mir gar nicht so sehr um die historische Altlast, dass Kritik immer noch prim\u00e4r als Kaufberatung verstanden wird. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":23601,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"Darf die Kritik Spiele entschl\u00fcsseln?- @joedizzy fragt sich ob die Spielkritik der richtige Ort ist, um Spiele besser zu verstehen","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-23600","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Schatzkiste-Spiele.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23600","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23600"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23600\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23613,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23600\/revisions\/23613"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23601"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23600"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23600"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23600"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}