{"id":23463,"date":"2022-09-11T12:01:21","date_gmt":"2022-09-11T10:01:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=23463"},"modified":"2022-09-10T18:43:20","modified_gmt":"2022-09-10T16:43:20","slug":"das-wundersame-wesen-der-nichtspielerinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2022\/09\/11\/23463\/","title":{"rendered":"Verstehen Sie Nichtspieler*innen?"},"content":{"rendered":"<p>Viele von uns teilen den Spa\u00df und die Freude, die Brettspiele erm\u00f6glichen, gerne mit anderen Menschen. Wenn es sich ergibt auch mit Menschen, die Brettspiele selten spielen oder deren letzte Erinnerungen an Brettspiele noch mit Erdkunde-Hausaufgaben oder dem ersten eigenen Handy verkn\u00fcpft sind. Diese sogenannten Nichtspieler*innen sind auch aus Sicht der Verlage eine hoch attraktive und stark umworbene Zielgruppe. Stellt sie doch einen potentiell riesigen Markt dar, der die Kaufkraft des etablierten Vielspielermarkts um ein Vielfaches \u00fcbersteigt.<\/p>\n<p>(Am Rande: Ich nutze hier den Begriff Nichtspieler*in mit etwas Unbehagen, da ich nicht der Meinung bin, dass eine solche Gruppe in irgendeiner nennenswerten Gr\u00f6\u00dfe existiert. Wer seit der Ver\u00f6ffentlichung von Die Siedler von Catan irgendwie Bewusstsein erlangt hat, wird seitdem gespielt haben und vermutlich immer noch in irgendeiner Form spielen. Auch wenn es nicht die in der Szene bejubelten Werke sind, aber Spiele wie Kniffel, Uno, Jenga und auch Werwolf sind mehr als ausreichend, um sich als Spieler*in zu verstehen.)<\/p>\n<p>Mein Eindruck ist aber, dass diese Gruppe in der Szene oft sehr mythologisiert werden. Es wird ihr Eigenschaften und \u00dcberzeugungen zugesprochen, die sie zu einer sehr dehnbaren und f\u00fcr alle m\u00f6glichen Diskussionen dienlichen Personengruppe machen, um mal dieses und mal jenes stichhaltige Argument zu ersetzen.<\/p>\n<p>Nichtspieler*innen wird viel angedichtet. Unter anderem eine starke Aversion Regeln zu lesen oder zu lernen. Aber es hei\u00dft auch, dass sie wahlweise nicht willens oder f\u00e4hig sind ein Spiel zu spielen, welches eine bestimmte Spieldauer \u00fcberschreitet. Alternativ machen sie auch einen gro\u00dfen Bogen um Spiele, die erfordern, dass man Entscheidungen an Hand mehrerer Abw\u00e4gungen f\u00e4llen muss. Auf Komplexit\u00e4t reagieren Nichtspieler (<em>homo sapiens non ludicae<\/em>) wie die Hauskatze auf eine volle Badewanne. Alternativ dienen Nichtspieler*innen aber auch als unangreifbarer anekdotischer Beweis, um irgendein ein beliebiges Argument zu einem Spiel zu untermauern. Die Illustrationen verschrecken sie, oder ziehen gerade diese Gruppe an. Die Regeln sind zu kompliziert, oder gerade einfach genug. Das Spielerlebnis ist viel zu konfrontativ oder nicht interaktiv genug, usw. usf.<\/p>\n<p><strong>Nichtspieler*innen sind gerade wenn man klug \u00fcber Spiele referieren will, ein Segen.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_23474\" aria-describedby=\"caption-attachment-23474\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-23474\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180241-300x298.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"298\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180241-300x298.jpg 300w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180241-700x694.jpg 700w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180241-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180241-768x762.jpg 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180241-1536x1523.jpg 1536w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180241-2048x2031.jpg 2048w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180241-370x367.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180241-270x268.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180241-570x565.jpg 570w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180241-504x500.jpg 504w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180241-740x734.jpg 740w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-23474\" class=\"wp-caption-text\">Ist Spiele kennen nicht auch eine Art B\u00fcchse der Pandora? (Nein.)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Man kann ihnen immer eine naiv-kindliche Unschuld zusprechen, dass sie Spiele einfach nur als Spiele verstehen, da sie vom bedrohlichen Wesen des Kennerwissens verschont worden sind. Warum nun ein Spiel weniger als Spiel wahrgenommen werden sollte, weil man sich n\u00e4her damit besch\u00e4ftigt, ist mir allerdings nicht ganz klar. Ein Film ist auch dann noch ein Film, wenn man den Subtext erkennt und ihn als solchen benennen kann. Die Vorstellung, dass die Freude an einem Film (oder einem Spiel) pl\u00f6tzlich verschwindet nur weil man sich tiefer damit befasst, scheint mir doch arg konstruiert und r\u00fcckschrittlich zu sein.<\/p>\n<p>Aber die vielleicht m\u00e4chtigste und au\u00dfergew\u00f6hnlichste Eigenschaft der Nichtspieler*innen ist, dass angeblich nur wenige Vielspieler*innen sie wirklich verstehen und begreifen k\u00f6nnen. Die gemeinen Vielspieler*innen sind schlicht zu tief in ihrer kleinen Blase gefangen und ohne jegliche Selbstwahrnehmung ausgestattet, um noch in der Lage zu sein auf Menschen eingehen zu k\u00f6nnen, die weniger Fachkenntnis besitzen als sie selbst. Mehr noch, es f\u00e4llt ihnen sogar schwer andere Spielvorlieben als die eigenen wahrzunehmen und nachzuvollziehen.<\/p>\n<p>Mir pers\u00f6nlich liegt das sehr quer im Magen. Ich halte diese Typologisierung von Menschen mit weniger Spielerfahrung als man selbst f\u00fcr bevormundend und herablassend. Sicherlich bedeutet mehr Spielerfahrung auch oft ein bewussteres Auseinandersetzen mit dem Medium, ob nun auf strategischer, \u00e4sthetischer oder sogar kulturwissenschaftlicher Ebene. Aber oft schwingt im Gespr\u00e4ch \u00fcber Nichtspieler*innen die Annahme mit, dass diese einfachere, k\u00fcrzere und vor allem seichtere Spielerlebnisse nicht nur bevorzugen, sondern auch nur daf\u00fcr bereit w\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Ein Begriff, der anfangs behelfsm\u00e4\u00dfig aufgegriffen wurde, hat sich verselbstst\u00e4ndigt<\/strong><\/p>\n<p>Nichtspieler*innen sind keine homogene Gruppe. So bequem es auch sein mag, sie auf bestimmte Vorlieben, Neigungen oder Verhaltensweisen zu reduzieren, ist das einzige was Nichtspieler*innen wirklich gemeinsam haben die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig geringe Erfahrung mit modernen Brettspielen.<\/p>\n<p>Diese Unerfahrenheit kann verschiedene Gr\u00fcnde haben. Manche haben noch immer schlechte Erinnerungen an Spielrunden aus der Vergangenheit, die sie im Glauben lassen, dass man in Spielen immer hoch verbissen um den Sieg ringen muss. Manche sind davon \u00fcberzeugt dass man nur mit l\u00fcckenloser Regelkenntnis sinnvoll an einem Spiel teilnehmen kann; oder dass Spiele allein davon handeln sich metaphorisch Kn\u00fcppel zwischen die Beine zu werfen, etc. Alles das k\u00f6nnen Gr\u00fcnde sein, weshalb Nichtspieler*innen wenig dazu bewegt hat sich n\u00e4her mit Spielen zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Aus einem weit gefassten Begriff, der Erfahrungsunterschiede benennen sollte, ist ein Spielertypus abgeleitet geworden, dem ein bestimmter Spielgeschmack, ein begrenztes Ma\u00df an Motivation und in manchen F\u00e4llen sogar eingeschr\u00e4nkte Lernf\u00e4higkeit angedichtet wurde. Meine Kritik ist nicht, dass es solche Menschen nicht gibt, sondern dass diese Verallgemeinerung st\u00f6rend bis hinderlich ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_23475\" aria-describedby=\"caption-attachment-23475\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-23475\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180406-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180406-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180406-700x525.jpg 700w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180406-150x113.jpg 150w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180406-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180406-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180406-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180406-370x278.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180406-270x203.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180406-570x428.jpg 570w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180406-667x500.jpg 667w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180406-740x555.jpg 740w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/20220910_180406-80x60.jpg 80w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-23475\" class=\"wp-caption-text\">Vielleicht wurde der Untertitel etwas zu ernst genommen?<\/figcaption><\/figure>\n<p>Erfahrenere Spieler*innen werden dazu verleitet sich Vorurteile anzugew\u00f6hnen, die den Austausch mit weniger erfahrenen Spieler*innen erschweren. \u00dcber allem steht der absolut toxische Gedanke, dass sich diese zwei Gruppen im Normalfall nicht verstehen k\u00f6nnen. Auf der einen Seite wird suggeriert, dass Vielspieler*innen sich in ihrem Elfenbeiturm verlaufen haben und \u201enormale\u201c Leute nicht mehr verstehen k\u00f6nnen. Alternativ wird die Unerfahrenheit der Nichtspieler*innen zur Anspruchslosigkeit umgedeutet. Beide Ans\u00e4tze sind ausgrenzend und wie man heute sagt: gatekeeping.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite m\u00fcssen Nichtspieler*innen erst beweisen, dass sie f\u00fcr modernere Designs offen sind, in dem sie sich von einer seichten Spielerfahrung nicht abschrecken lassen. Auf der anderen Seite, nehmen sich einzelne Stimmen heraus Nichtspieler*innen besser, umfassender und auch wahrhaftiger zu verstehen als andere Menschen, die sich in der Szene bewegen.<\/p>\n<p>In beide Richtungen f\u00fchrt die Dehnung des Begriffs Nichtspieler*innen dazu, dass wir Menschen nicht zu Wort kommen lassen oder ihnen den Zugang verwehren sich \u00fcber das Medium auszutauschen. Der Begriff hat seinen Zweck: als sehr grobe Einordnung wie viel Vorwissen man voraussetzen kann. Mehr kann der Begriff aber nicht leisten.<\/p>\n<p>Die eigentliche H\u00fcrde findet sich meiner Meinung nach darin den Kern der gemeinschaftlichen Aktivit\u00e4t Nichtspieler*innen unabh\u00e4ngig von den Eigenheiten des konkreten Spiels nahe zu bringen. Man muss hier ein nicht gerade geringes Ma\u00df an sozialer, kommunikativer und auch didaktischer Kompetenz mitbringen, um zu einer positiven ersten Spielerfahrung zu gelangen.<\/p>\n<p>Das mag auch erkl\u00e4ren, warum man Nichtspieler*innen ein Faible f\u00fcr kurze Spiele mit wenigen Regeln unterstellt. Als Erkl\u00e4rer*in (in Wort, Bild oder Schrift) nimmt man sich damit viel Druck. Den Kern der Spielerfahrung mit drei Regeln und 20 Minuten Spieldauer zu vermitteln, ist nun mal einfacher als das Gleiche an Hand von 28 eigenartigen Regeln, 47 speziellen Ausnahmen und 148 Kartenkombination zu versuchen. Es ist genauso m\u00f6glich, aber das Risiko zu scheitern ist nun mal deutlich gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Nichtspieler*innen sind kein eigener Spieler*innentypus. Es ist sogar anzunehmen, dass sie in ihren Vorlieben und ihrem Spielverhalten viel gr\u00f6\u00dfere Unterschiede zu einander aufweisen, als es Vielspieler*innen untereinander tun. Anstatt also Pauschalaussagen \u00fcber Nichtspieler*innen und ihre Vorlieben und Neigungen zu treffen, ist es vielleicht sinnvoller zu schauen wie wir als Vielspieler*innen daf\u00fcr sorgen k\u00f6nnen, dass fehlende Vorkenntnis effektiv kompensiert werden kann, wenn wir uns an einen Tisch setzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele von uns teilen den Spa\u00df und die Freude, die Brettspiele erm\u00f6glichen, gerne mit anderen Menschen. 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