{"id":23387,"date":"2022-08-14T15:05:18","date_gmt":"2022-08-14T13:05:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=23387"},"modified":"2022-08-14T15:05:18","modified_gmt":"2022-08-14T13:05:18","slug":"wir-spielen-aus-gruenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2022\/08\/14\/23387\/","title":{"rendered":"Wir spielen aus Gr\u00fcnden"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Tagen stolperte ich online \u00fcber <a href=\"https:\/\/royalsocietypublishing.org\/doi\/10.1098\/rsos.220411\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">eine Studie zu digitalen Spielen<\/a> in der untersucht wurde, ob und wie sich Spiele auf das Wohlbefinden auswirken. Unterschiede zeichneten sich erst aus, wenn man extrinsisch und intrinsisch motiviertes Spielverhalten getrennt betrachtete.<\/p>\n<p>Diese zwei Kategorien an Antrieben halte ich f\u00fcr eine durchaus interessante Linse, um sich Brettspiele genauer anzuschauen. Ich vermute dass es verschiedene Ph\u00e4nomene innerhalb unserer Spielerlebnisse gibt, die sich dadurch besser greifen und vielleicht sogar erkl\u00e4ren lassen.<\/p>\n<p>In Rahmen dieses Artikels werde ich die Begriffe \u201eextrinsische\u201c und \u201eintrinsische Motivation\u201c wie folgt anwenden. (Anmerkung: Ich habe nicht Psychologie studiert, noch will ich den Eindruck erwecken, dass ich eine Authorit\u00e4t in diesem Thema w\u00e4re. Ich eigne mir diese Begriffe hier nach kurzer Recherche an, um \u00fcber Spiele zu sprechen. Nicht \u00fcber Motivationspsychologie. Daf\u00fcr gibt es sicherlich qualifiziertere Stimmen.)<\/p>\n<p>Mit \u201eextrinsischer Motivation\u201c soll Spielverhalten beschrieben werden, welches sich aus \u00e4u\u00dferen Zielen und Belohnungen ergibt. Eine \u201eintrinsische Motivation\u201c hingegen findet aus sich selbst heraus seine Begr\u00fcndung. Das etwas abgedroschen wirkende Sprichwort: \u201eDer Weg ist das Ziel.\u201c greift einen vergleichbaren Gedanken auf. Das Gegenst\u00fcck dazu, f\u00fcr die extrinsische Motivation, lautet: \u201eUnser Tun ist ein Mittel zum Zweck.\u201c<\/p>\n<p>Wer schon etwas l\u00e4nger spielt und sich dar\u00fcber mehr als fl\u00fcchtige Gedanken gemacht hat, wird hier Parallelen im Brettspiel sehen. Die (externen) Regeln setzen ein Ziel f\u00fcr das Spiel fest und so lange unsere Verhalten allein diesem Ziel untergeordnet sind, spielen wir mit extrinsischer Motivation.<\/p>\n<p>Wenn man jedoch betrachtet wie viele Spiele sich in ihren Zielsetzungen \u00e4hneln, wird klar, dass allein extrinsische Motivation nur unzureichend beschreiben kann, warum manche Spiele immer und immer wieder Spa\u00df machen. Die extrinsische Motivation welche uns anfangs antreibt, nutzt sich mit der Zeit ab. Erst wenn die spielerische Interaktion an sich reizvoll und erf\u00fcllend ist, entwickeln wir eine intrinsische Motivation zu spielen. Wir erfreuen uns am Spielen, und nicht allein am Spiel. Im Idealfall ist unsere extrinsische wie auch intrinsische Motivation eng miteinander verwoben. Bernie DeKoven umschreibt in <a href=\"https:\/\/www.goodreads.com\/book\/show\/17242390-the-well-played-game\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eThe Well-Played Game\u201c<\/a> ein \u00e4hnliches Ph\u00e4nomen, wenn das gemeinsame Tennis-Spiel auf einem Niveau stattfindet, in dem Spielfreude und Wettkampf zu einer Einheit verschmelzen.<\/p>\n<p>Es kann jedoch auch passieren, dass extrinsische und intrinsische Motivation nicht zusammenfinden. So beschreibt Twitter-Nutzer Matt Coates (@efalafel) seine Erfahrung mit einem Online-Turnier des Spiels Downforce: \u201ea common winning strategy is decidedly not fun\u201c. Eine weit verbreitete Siegstrategie macht ausdr\u00fccklich keinen Spa\u00df. Diese Erfahrung ist nicht selten. Daher ist es in Designer-Kreisen eine der g\u00e4ngigen \u201ebest practices\u201c heutzutage, dass die zielf\u00fchrende Strategie auch immer die sein sollte, die den Spielakt am st\u00e4rksten aufwertet.<\/p>\n<p>Ein extrinsisch motiviertes Spielen ist auch an die Erwartung gekoppelt, dass das Erreichen des vorher identifizierten Ziels durch eine Belohnung gew\u00fcrdigt wird. Bleibt diese Belohnung aus, so ist man frustriert. Typische Beispiele daf\u00fcr sind die Auswirkung von Zufallselementen (z.B. W\u00fcrfel, Karten ziehen, etc.) die die Folgen der eigenen Entscheidung stark beeinflussen. Aber auch \u201eKingmaker\u201c-Situationen in denen der Sieg an einer Entscheidung einzelner Mitspieler*innen h\u00e4ngt, frustrieren deswegen. Wenn man das Brettspiel nah mit dem sportlichen Wettstreitethos verkn\u00fcpft sieht, dann ist <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2022\/07\/03\/23323\/\">das Ausbleiben der pers\u00f6nlichen Wertsch\u00e4tzung, Anerkennung und Gratulation<\/a> bei Spielsieg ein weiterer Punkt der Entt\u00e4uschung. (Wobei hier das Spieldesign eine sehr untergeordnete Rolle spielt.)<\/p>\n<p>Diese Belohnungsstruktur, aus der wir unsere extrinsische Motivation herleiten, muss man sich bei einem neuen Spiel jedoch immer erst erarbeiten und erschlie\u00dfen. Die Lernkurve, die in vielen Spielkritiken eine zentrale Rolle einnimmt, besteht im Kern darin diese externe Strukturen zu verstehen, um das Spiel mit der zutreffenden extrinsischen Motivation spielen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir lernen wie das Spiel gedacht ist, damit wir uns nach den Zielen und Belohnungen des Designs ausrichten k\u00f6nnen. Haben wir uns dabei geirrt und verfolgen die falschen Ziele, so ist das frustrierend. So als w\u00fcrde man sich m\u00fchsam herausgesucht haben zu welcher Postfiliale man sein Paket tragen muss, nur um vor Ort zu entdecken, dass die Filiale geschlossen ist. Der extrinsisch motivierte Spaziergang findet keinen Abschluss und das wohlige Gef\u00fchl etwas erfolgreich zu Ende gebracht zu haben, tritt nicht ein.<\/p>\n<p>Es ist sicherlich auch einer der Gr\u00fcnde, weshalb Kritiker*innen ermahnen ein Spiel mehrfach zu spielen, bevor man sein Urteil f\u00e4llt. Manchmal brauch es mehr als eine Partie, um sich diese Belohnungsstruktur zu erschlie\u00dfen. Vor allem, da das individuelle Spielerlebnis stark negativ gepr\u00e4gt wird, wenn man mit einer falschen Ausrichtung gespielt hat. Eine Spielrezension kann hier sehr viel bewirken, da sie \u2013 wenn sie den Rahmen der reinen Regelwiedergabe verl\u00e4sst \u2013 diese extrinsische Motivation<a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/carrossel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> besser veranschaulichen kann als es das Regelwerk oft tut<\/a>.<\/p>\n<p>Aber Spielerlebnisse, die allein extrinsisch motiviert sind, nutzen sich mit der Zeit ab. Irgendwann ist der Punkt erreicht an dem die immer gleiche Belohnung f\u00fcr die immer gleich wirkende Handlung nicht mehr ausreicht, um sich an den Spieltisch zu setzen. Manche Autoren und Verlage versuchen diesem Problem beizukommen, in dem sie die Variabilit\u00e4t einzelner Elemente des Spiels drastisch erh\u00f6hen, z.B. in dem man Kartenstapel mit weit \u00fcber 200 individuellen Karten beilegt.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich ist es aus betriebswirtschaftlicher Sicht sehr bequem, ein Spiel durch den Verkauf zus\u00e4tzlicher Produkte (in Form von Erweiterungen) l\u00e4ngerfristiger Umsatz generieren zu lassen. Aus Kundenperspektive erh\u00e4lt man hier mit verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig wenig zus\u00e4tzlichem Aufwand ein Spiel, welches immer neu und immer leicht anders extrinsisch motiviert. Es gibt neue Strategien zu entdecken, neue Kombinationen auszuprobieren, neue Fraktionen zu spielen, etc.<\/p>\n<p>Aber f\u00fcr die Langlebigkeit eines Spiels ist die intrinsische Motivation wichtiger. Man muss die Eigenschaften des Spielakts betrachten und sich fragen was Spieler*innen daran genie\u00dfen. Es sind nicht sorgf\u00e4ltig austarierte Spielmechanismen oder ihre vielf\u00e4ltige Kombinationsm\u00f6glichkeiten, die hier den Ausschlag geben. Es ist auch nicht die Ergebnisoffenheit des Wettstreits. Das Spielerlebnis und seine pr\u00e4genden Merkmale entscheiden, ob ein Spiel reizvoll ist und langfristig Leidenschaft weckt.<\/p>\n<p>In meinen Augen ist es die Aufgabe der Kritik genau dieses Spielerlebnis nach diesen Punkten zu durchleuchten. Eine Spielkritik kann hier das Erlebnis in Worte fassen und dem Publikum veranschaulichen. Der Aufruf \u00fcber Emotionen in der Spielkritik zu sprechen, aber auch auf die unergr\u00fcndliche Magie des Spiels zu verweisen, findet meiner Meinung nach hier ihren Ursprung.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung mit einem Spiel, die Kritik, ist die Frage nach dem Warum des Spiels.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den Belohnungsstrukturen des Spiels l\u00e4sst sich das jedoch nicht durch sorgf\u00e4ltiges Dokumentieren der Spielregeln abdecken. Auch ist die Nacherz\u00e4hlung der eigenen Spielerfahrung daf\u00fcr nur bedingt zu gebrauchen. Von der thematischen Umschreibung des Spielverlaufs ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Wenn wir uns tiefer mit Spielen besch\u00e4ftigen wollen und insbesondere mit jenen Spielen, die uns lange zu begeistern wissen, m\u00fcssen wir unseren Blick auf unsere eigenen Beweggr\u00fcnde richten.<\/p>\n<h6>Beitragsbild: <a href=\"http:\/\/filousophie.com\/home.html\">F&amp;S105 will nicht<\/a>, Fotograf: Andreas Gartner<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Tagen stolperte ich online \u00fcber eine Studie zu digitalen Spielen in der untersucht wurde, ob und wie sich Spiele auf das Wohlbefinden auswirken. Unterschiede zeichneten sich erst aus, wenn man extrinsisch und intrinsisch motiviertes Spielverhalten getrennt betrachtete. 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