{"id":23366,"date":"2022-07-31T12:01:07","date_gmt":"2022-07-31T10:01:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=23366"},"modified":"2022-07-31T11:20:42","modified_gmt":"2022-07-31T09:20:42","slug":"brettspiele-pitchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2022\/07\/31\/23366\/","title":{"rendered":"Brettspielen pitchen"},"content":{"rendered":"<p>Der englische Begriff \u201ePitch\u201c umschreibt den Versuch ein Vorhaben in kurzen Worten zusammenzufassen, um damit Leute zum mitmachen zu inspirieren. Die meisten kennen vielleicht die Pr\u00e4sentationen auf Crowdfunding-Seiten, in denen versucht wird das Projekt in diesem Pitch m\u00f6glichst anschaulich und reizvoll darzustellen. Meist werden dabei Informationen vermittelt, von denen man vermutet, dass das Zielpublikum sie ben\u00f6tigt, um sich zur Teilnahme zu entscheiden.<\/p>\n<p>Die meisten von uns haben aber vielleicht schon selbst unz\u00e4hlige Male einen solchen Pitch gemacht, als es darum ging Seltenspieler*innen f\u00fcrs Spielen zu gewinnen. Oder zumindest sie davon zu \u00fcberzeugen es mal mit etwas anderem als Phase 10, Uno oder Skip-Bo zu probieren. Wer die eigene Erfolgsquote bei diesen Anwerbungsversuchen erh\u00f6hen m\u00f6chte, kann vielleicht folgende Vorschl\u00e4ge als Impulse nutzen.<\/p>\n<p><strong>1. Regelkonzepte statt Regeln<\/strong><\/p>\n<p>Wer neuen Leuten ein bestimmtes Spiel schmackhaft machen will, betont oft und gerne wie wenig Regeln es hat oder wie schnell man sie lernen kann. Der Reflex ist nachvollziehbar. Regeln lernen gilt als unangenehmes, notwendiges \u00dcbel oder als Hauptgrund weshalb jemand Spiele generell meidet.<\/p>\n<p>Diese Behauptung f\u00fcr bare M\u00fcnze zu nehmen schmeichelt nat\u00fcrlich dem Spieler-Ego. Ist es doch eine indirekte Best\u00e4tigung daf\u00fcr, dass Spielen eine ganz erlesene Besch\u00e4ftigung ist. Spiele sind etwas, das nicht f\u00fcr jede*n zug\u00e4nglich ist. Hier findet eine unausgesprochene Vorauslese statt, wer sich dieses enigmatische und obskure Medium erschlie\u00dfen kann und wer nicht. Es sind n\u00e4mlich eben jene, welche die &#8220;Strapazen&#8221; des Regeln Lesens und Verstehens auf sich nehmen. Spiele sind nichts f\u00fcr den \u201egew\u00f6hnlichen P\u00f6bel\u201c, der bei mehr als drei Regeln entnervt die Geduld verliert, als m\u00fcssten sie eine Steuererkl\u00e4rung f\u00fcr das Jahr 2009 nachreichen.<\/p>\n<p>Dabei ist eines der offensten Geheimnisse der Spieleszene noch immer, dass die meisten Spiele eigentlich nicht schwierig sind. Sie werden nur sehr holprig erkl\u00e4rt oder das Sperrige an Ihnen wird als reizvolle Herausforderung umgedeutet. Dieser Ansatz wird dann auch in den Pitch verschleppt, wenn man beginnt einzelne Regeln (\u201ezum besseren Verst\u00e4ndnis\u201c) zu betonen, statt die recht eing\u00e4ngigen Regelkonzepte zu umrei\u00dfen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es inhaltlich vollkommen korrekt, ein Spiel wie Dominion damit zu erkl\u00e4ren, dass man exakt 5 Karten zieht und im eigenen Zug genau 1 Aktion spielen darf, 1 Kauf t\u00e4tigen darf und dann die gesamte Kartenhand ablegt, bevor es in die n\u00e4chste Runde geht. Es beinhaltet au\u00dferdem noch Informationen, die bei einer anschlie\u00dfenden Spielrunde n\u00fctzlich w\u00e4ren. Aber statt den Spielablauf zu umrei\u00dfen, um Entscheidungspunkte aufzuzeigen oder den Spielverlauf anzudeuten, verliert man sich in Details, welche kaum Interesse oder Neugier wecken werden. Mit anderen Worten: man benennt durch die Regeln den formalen Rahmen des Spiels, aber zeigt nicht weshalb die Spielhandlung an sich interessant ist.<\/p>\n<p><strong>2. Interaktion statt Thema<\/strong><\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Kniff, der oft genutzt wird, um das Spielen zu bewerben zielt auf das Thema eines Spiels. Konkret wird dar\u00fcber gesprochen welche Rollen man darin einnimmt. Das ist nicht per se falsch, aber rollt das Ganze von hinten auf. Die thematische Einkleidung eines Spiels hat &#8211; unabh\u00e4ngig davon wie sehr sie f\u00fcr Spielfreude sorgt \u2013 andere Funktionen. Die offensichtlichste besteht darin abstrakte Regelzusammenh\u00e4nge greifbar und damit nachvollziehbar zu machen. Sie sind ein Mittel, um die reale Interaktion zwischen Spieler*innen lesbar zu machen.<br \/>\n\u201eDu gibst mir einen gelben W\u00fcrfel weg und jetzt darfst du auf zwei Felder des Spielbretts eine Figuren setzen.\u201c wird zu \u201eDu bezahlst mir 1 Gold, damit ich dich in die Markthallen lasse.\u201c<\/p>\n<p>Letzteres ist nat\u00fcrlich sehr viel plastischer und erz\u00e4hlerischer. Aber es geht daran vorbei zu umschreiben, was uns am Spiel begeistert. Man versucht das Gef\u00fchl der Immersion, also dem Eintauchen in das Spielerlebnis, zu vermitteln aber spricht nur \u00fcber das Resultat. Man vergisst dabei dar\u00fcber zu sprechen was Immersion eigentlich ist, was dieses Abtauchen in die Spielwelt eigentlich ausmacht: die spielerische Handlung selbst.<\/p>\n<figure id=\"attachment_23370\" aria-describedby=\"caption-attachment-23370\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-23370 size-medium\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Brettspielen-Pitchen-2-300x218.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"218\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Brettspielen-Pitchen-2-300x218.jpg 300w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Brettspielen-Pitchen-2-700x508.jpg 700w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Brettspielen-Pitchen-2-150x109.jpg 150w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Brettspielen-Pitchen-2-768x557.jpg 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Brettspielen-Pitchen-2-1536x1115.jpg 1536w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Brettspielen-Pitchen-2-2048x1486.jpg 2048w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Brettspielen-Pitchen-2-370x269.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Brettspielen-Pitchen-2-270x196.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Brettspielen-Pitchen-2-570x414.jpg 570w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Brettspielen-Pitchen-2-689x500.jpg 689w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Brettspielen-Pitchen-2-740x537.jpg 740w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-23370\" class=\"wp-caption-text\">Erst Kartenspiel, dann Jazz-Konzert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Thema ist dabei nicht der Grund f\u00fcr die Immersion, sondern das Mittel zum Zweck. Es kann seine immersive Funktion erst erf\u00fcllen, wenn es spielerische Interaktion gibt, die es einkleiden und damit erz\u00e4hlerisch aufwerten kann. Die Geschichte eines Films l\u00e4sst sich auch nur erz\u00e4hlen, wenn man zumindest rudiment\u00e4r auf den Plot eingeht. Mit genug Ausdauer und Sorgfalt schafft man es vielleicht auch ohne \u00fcber die Ereignisse der Geschichte zu sprechen. Aber es w\u00e4re so viel einfacher zu sagen was passiert statt allein die Inszenierung zu beschreiben.<\/p>\n<p>F\u00fcr Spiele gilt das Gleiche. Statt in blumiger Sprache das Thema zu erkl\u00e4ren, ist es zielf\u00fchrender die konkrete Spielhandlungen zu benennen. Wie diese Aktionen im thematischen Kontext aussehen, findet erst im n\u00e4chsten Schritt statt. Ein gelungener Pitch sollte deshalb das Thema auf die gleiche Art einbinden: als Veranschaulichung f\u00fcr die spielerische Interaktion oder die Regelkerne aus denen sich das Spiel zusammensetzt. Es sollte nicht als \u201eleichter Einstieg\u201c in das Spiel missverstanden werden. Der Sprung von &#8220;Wir sind Herrscher einer im Weltraum-reisenden Spezies, die die Herrschaft \u00fcber die Galaxie anstrebt&#8221; zu &#8220;wer zuerst 10 Siegpunkte erreicht, hat gewonnen&#8221; ist um einiges holpriger und verworrener, als die Gegenrichtung.<\/p>\n<p>Das Spielerlebnis wird durch das eigene Kopfkino bereichert, welches anspringt wenn man Regeln, spielerische Interaktion und Thema beim Spielen zusammenbringt. Gerade dieses Ankurbeln der eigenen Kreativit\u00e4t macht einen wichtigen Reiz des Spielens aus. Warum also gerade das interessierten Seltenspieler*innen vorwegnehmen?<\/p>\n<p><strong>3. Erlebnis statt Emotionen<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt ein Mantra, welches in jedem Gespr\u00e4ch \u00fcber Spiele wiedergek\u00e4ut wird: es geht bei Spielen um Emotionen. Was f\u00fchle ich beim Spielen? Welches emotionale Register wird durch das Spiel bedient? Was machen Spiele mit uns? Ich kann diesen Ansatz zwar respektieren, aber tue mich schwer damit ihm viel Raum zu geben. Diese Dinge zu umschreiben oder zu benennen, scheint mir wenig daf\u00fcr zu tun um ein Spiel verst\u00e4ndlicher oder anschaulicher zu machen. Es ist auch nur bedingt daf\u00fcr geeignet, Neugier zu wecken. Schlie\u00dflich sind der erlebten Gef\u00fchle beim Spiel weder selten noch unvorstellbar.<\/p>\n<p>Ich habe den Eindruck, dass man mehr damit erreicht die Umst\u00e4nde zu umrei\u00dfen, welche diese Emotionen ausl\u00f6sen konnten. Man kann direkter und auch aussagekr\u00e4ftiger kommunizieren, was einem beim Spiel erwartet, wenn man die Situationen erkl\u00e4rt, die im Spiel eintreten. Vor allem hilft man Seltenspieler*innen dabei zu entscheiden, ob sie sich auf ein derartiges Erlebnis und vielleicht auch auf eine derartige Intensit\u00e4t einlassen wollen.<\/p>\n<p>Der Vergleich zum Film ist vielleicht auch hier erhellend. Es ist nur begrenzt hilfreich zu sagen, ob ein Film nun Angst, Gel\u00e4chter oder Anspannung ausl\u00f6st. Eine grobe Kategorisierung mag man damit erreichen k\u00f6nnen, aber Interesse und Neugier weckt man damit wohl kaum. Da macht es keinen Unterschied wie plastisch oder eloquent man eben diese Gef\u00fchle beschreibt. Man zieht mehr Aufmerksamkeit auf die eigene Formulierung als auf den Film selbst.<\/p>\n<p>Wirkungsvoller ist hingegen die Situation zu beschreiben, welche eben diese Emotionen weckt. Denn auch wenn ich den Film oder das Spiel selbst nicht kennen sollte, kann ich mir unter einer gut beschriebenen Szene am meisten vorstellen. Vor allem aber macht eine solche Vorstellung sehr viel neugieriger, als es eine treffende Formulierung einer Empfindung es k\u00f6nnte. Es ist sehr viel interessanter sich vorzustellen welche Emotion man beim Spielen in einer solchen Situation empfinden w\u00fcrde, als gesagt zu bekommen wie man sich f\u00fchlen wird.<\/p>\n<p>Das Ziel eines Pitches muss sein Neugier zu wecken, statt nur Wissen zu stillen. Eine detaillierte und vollst\u00e4ndige Erl\u00e4uterung der unterschiedlichen Seiten des Spielens mag zwar keine Fragen offen lassen, aber genau darin liegt auch das Problem. Wenn keine Frage offen bleibt, gibt es auch kaum Grund sich an den Spieltisch zu setzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h6><em>Titelbild: Vasco de Gama von What&#8217;s Your Game?<\/em><br \/>\n<em>Artikelbild: Take the &#8220;A&#8221; Chord von Saashi &amp; Saashi<\/em><\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der englische Begriff \u201ePitch\u201c umschreibt den Versuch ein Vorhaben in kurzen Worten zusammenzufassen, um damit Leute zum mitmachen zu inspirieren. 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