{"id":23313,"date":"2022-06-26T16:04:21","date_gmt":"2022-06-26T14:04:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=23313"},"modified":"2022-06-26T16:04:21","modified_gmt":"2022-06-26T14:04:21","slug":"mehr-marmelade-und-weniger-berichterstattung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2022\/06\/26\/23313\/","title":{"rendered":"Mehr Marmelade und weniger Berichterstattung"},"content":{"rendered":"<p>Man sagt mir manchmal nach, dass meine Blogartikel mit hei\u00dfer Nadel gestrickt seien. Das will ich nicht verneinen, auf jeden Fall aber ist es bedeutend schwieriger IRGENDETWAS koh\u00e4rentes zu schreiben, wenn die Temperaturmarke von 30\u00b0 \u00fcberschritten wurde (die Marke der Au\u00dfentemperatur, nicht die Temperatur der Nadel). Zum Gl\u00fcck habe ich gerade Tim Hartfords &#8220;How to make the world add up&#8221; fertig gelesen und eine der vielen interessanten Dingen aus dem Buch habe ich einmal direkt auf Brettspiele bezogen.<\/p>\n<p>Aber als erstes einmal eine Richtigstellung. <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2012\/04\/09\/2717\/\">Hier<\/a> hatte ich \u00fcber das Marmeladenparadoxon geschrieben. Kurz gesagt gibg es um eine Untersuchung ob eine gr\u00f6\u00dfere Auswahl an Marmeladen den Kaufimpuls steigern w\u00fcrde &#8211; \u00fcberraschenderweise war dies nicht der Fall; Der Kaufimpuls nahm ab, wenn mehr als sechs Sorten Marmelade angeboten wurden. Mittlerweile gab es eine ganze Reihe von Folgestudien und dieser Effekt wurde NICHT best\u00e4tigt. Offenkundig war diese Studie ein zuf\u00e4lliger Ausrei\u00dfer. Wie so oft, wurde \u00fcber das \u00dcberraschende berichtet, die weniger \u00fcberraschenden Korrekturen aber nicht. Mit anderen Worten: Mehr Auswahlm\u00f6glichkeiten erh\u00f6hen die Chance, dass etwas gekauft wird. Das ist gut f\u00fcr Brettspiele, wo die Auswahl ja doch konsequent zunimmt.<\/p>\n<p>Ein Grund f\u00fcr diese Art der Information (Original wird gro\u00df verbreitet, die Korrektur kaum) ist, dass wir dazu neigen, uns f\u00fcr \u00fcberraschende Dinge zu interessieren. Wie Hartford schreibt beeinflusst dies auch unseren Nachrichtenkonsum. Da \u00fcberraschende und pl\u00f6tzliche Nachrichten eher negativ als positiv sind, nehmen wir die Weltlage auch eher negativ war. Um das zu verdeutlichen macht er ein kleines Gedankenexperiment: Was w\u00e4re wenn eine Zeitung nur einmal pro Jahr herausk\u00e4me? Oder einmal pro Jahrzehnt? Einmal pro Jahrhundert? Pl\u00f6tzlich g\u00e4be es \u00fcberwiegend positive Nachrichten, z.B. Dass die globale Armut halbiert wurde oder die Kindersterblichkeit um 80-90% (je nachdem ab wann man misst) heruntergegangen ist.<\/p>\n<p>Wie sieht es in dieser Hinsicht mit Brettspielmedien aus? Ich glaube, ich lehne mich nicht allzu sehr aus dem Fenster, wenn ich schreibe, dass Brettspielmedien fast ausschlie\u00dflich \u00fcber das &#8220;Jetzt&#8221; berichten: Aktuelle Spiele, aktuelle Ank\u00fcndigungen beherrschen die Blogosph\u00e4re. Wenn auch einmal \u00fcber \u00e4lteres berichtet wird, dann in einer expliziten Oldieecke (falls es die tats\u00e4chlich irgendwo gibt) oder -h\u00e4ufiger &#8211; in einer Top-Ten-Liste, wobei auch da Titel aus den letzten 2 Jahren dominieren d\u00fcrften. L\u00e4ngerfristige Meldungen sind weitestgehend Fehlanzeige. Das liegt vor allem nat\u00fcrlich an der Ausrichtung der meisten Medien als mehr oder minder reine Rezensionsseiten. Nat\u00fcrlich wollen Verlage, dass aktuelle Spiele rezensiert werden. Wer auf Rezensionsexemplare angewiesen ist, hat kaum eine Chance hier etwas anderes zu machen. Aber auch wer gerne einmal Rezensionen \u00fcber \u00e4lteres einstreut bemerkt, dass die Klickzahlen vor allem von der Aktualit\u00e4t einer Rezension abh\u00e4ngen; Wer das Gl\u00fcck hat, als erstes eine Rezension eines nachgefragten Titels anzubieten, wird mit einer hohen Anzahl von &#8220;Interaktionen&#8221; belohnt.<\/p>\n<p>Das ist m.E. aber ein selbst verst\u00e4rkendes System: Weil Brettspielmedien sich selbst haupts\u00e4chlich als Lieferanten f\u00fcr Produktrezensionen sehen, werden sie auch derart wahrgenommen. Und als solche ist eben Aktualit\u00e4t ein wichtiger Ma\u00dfstab, gerade um neue Leser:innen zu k\u00f6dern (Die Qualit\u00e4t h\u00e4lt dann hoffentlich die Personen fest). Dies ist aber kein unm\u00f6glich zu beseitigendes Hindernis. Sicherlich w\u00fcrde eine Seite, die sehr viel langfristiger denkt, sich sehr viel mehr auf langfristige Trends konzentriert erst einmal l\u00e4nger brauchen, bis sie &#8220;entdeckt&#8221; worden w\u00fcrde, weil Google-Suchen nach den aktuellen Knallern eben keine Treffer abwerfen. Sie hat aber mit entsprechender Qualit\u00e4t auch ein gro\u00dfes Alleinerstellungsmerkmal und damit das Potential Leser:innen langfristig zu binden. Vielleicht sehe ich das zu sehr mit meiner Brille, aber Spielegeschichte z.B. interessiert mich ungemein &#8211; insbesondere auch und gerade moderne Spielegeschichte und ich glaube dass viele Leute, die gerade beginnen sich f\u00fcr das Hobby zu interessieren, da ebenfalls interessiert sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Ja, dieser Artikel ist vielleicht wirklich nicht mehr als ein Ausdruck nach mehr Vielfalt in der Brettspielmedienwelt. Ich hoffe, dass die steigende Quantit\u00e4t nicht nur in Qualit\u00e4t, sondern auch in inhaltlicher Vielfalt niederschl\u00e4gt. Es sei mir angesichts der Temperaturen hoffentliuch erlaubt.<\/p>\n<p>ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man sagt mir manchmal nach, dass meine Blogartikel mit hei\u00dfer Nadel gestrickt seien. Das will ich nicht verneinen, auf jeden Fall aber ist es bedeutend schwieriger IRGENDETWAS koh\u00e4rentes zu schreiben, wenn die Temperaturmarke von 30\u00b0 \u00fcberschritten wurde (die Marke der Au\u00dfentemperatur, nicht die Temperatur der Nadel). 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